Die Auswahl der Kirchen in Innsbruck beruht wieder mal auf „da wollte ich schon lange mal reinschauen (und nicht immer nur daran vorbeilaufen)“. Die Einblicke in die fünf Zielobjekte bieten dieses Mal interessante Entstehungsgeschichten, neue Formen, Hinweise auf kaiserliche Besuche und (Achtung!) einen großen Kunstskandal.

Kirche mit Fernweh: Pfarrkirche Dreiheiligen

Dreiheiligenstraße 10. Ich gebe zu, mich bisher noch nie gefragt zu haben, warum der Stadtteil Dreiheiligen diesen Namen trägt. Die Erklärung ist tatsächlich einfach: Die Dreiheiligenkirche ist Namensgeberin. Und die drei Heiligen sind die heiligen Pestpatrone Sebastian, Pirmin und Rochus.

Im 17. Jahrhundert lag Dreiheiligen außerhalb der Stadtmauer, die die Altstadt umschloss. Um Seuchen und Krankheiten draußenzuhalten, befanden sich Lazarette immer außerhalb der Stadtmauer. Ein Krankenhaus für Pestkranke stand in Dreiheiligen. Um zusätzlich Hilfe von oben gegen den schwarzen Tod zu erbitten, errichtete man eine Kirche. Der Bau wurde in kurzer Zeit abgeschlossen und tatsächlich halfen Glaube und Medizin gegen die grausame Epidemie. Maximilian III., der Deutschmeister, war Tiroler Landesfürst zu dieser Zeit (1613) und großer Unterstützer des Kirchenbaus. Er wurde auf der Fassade der Dreiheiligenkirche dargestellt, sein Grabmal befindet sich im Dom zu St. Jakob.

Die Kirche stand am Übergang von Gotik zu Renaissance, wurde später vergrößert und um den Turm erweitert, schließlich im Inneren barockisiert. Die neoromanische Fassade stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zeigt ein großes Mosaik. Neben den drei Pestpatronen ist der Heilige Alexius zu sehen, darunter Erzherzog Maximilian III. und ein Bürgerpaar. Das Fassadenbild hätte der Kirche fast den Namen Vierheiligen eingebracht. Aus irgendeinem Grund blieb es im Endeffekt aber trotzdem bei den dreien.

Seit 1858 verläuft direkt an der Westseite des Gotteshauses die Bahnstrecke auf den Viaduktbögen, was zur Bezeichnung „Kirche mit Fernweh“ führte.*

Mein Highlight:

Der Kontrast von innen und außen.

Empfehlung:

Am Weg zum Zeughaus, etwa zum Open-Air-Kino im August, unbedingt einen Abstecher in die Dreiheiligenkirche unternehmen.

Kirchen in Innsbruck

Die Dreiheiligenkirche von außen (links) und innen (rechts).

Kloster in Einkaufsstraße: die Servitenklosterkirche

Maria-Theresien-Straße 42. Die Maria-Theresien-Straße ist heute DIE Pracht- und Einkaufsstraße in Innsbruck. Vielleicht tendiert man deshalb dazu, eher an den Kirchen vorbeizugehen als einen Blick hineinzuriskieren. Sowohl die Spitalskirche als auch die Servitenklosterkirche sind einen Besuch wert!

Die Gründung des Innsbrucker Servitenklosters geht auf Anna Katharina Gonzaga, die zweite Frau von Erzherzog Ferdinand II., zurück. 1614 wurde mit dem Ausbau einer Kapelle zu einer Kirche und dem Bau des Klosters begonnen. Nur vier Jahre nach der Weihe zum Heiligen Josef (1616) zerstörte ein Großbrand die Glaubensstätte. Es folgte ein verbesserter Neubau, das große Kloster mit Kirche und Kreuzgang wurde schließlich 1626 geweiht. Ein weiteres Mal wurde das Servitenkloster schwer getroffen: beim Bombenangriff auf Innsbruck 1943 nämlich. Nach Kriegsende begann ein mühevoller Wiederaufbau. Was wir heute sehen, hat viel mit dieser Vorgeschichte zu tun.

Von außen wirkt die Kirche einfach und schmucklos, allein der Eingang ist mit einem Mosaik geschmückt und der Erker mit einem Fresko verziert. Im Innenraum spielen verschiedene Kunststile zusammen: barocke Hoch- und Seitenaltäre verdienen besondere Aufmerksamkeit, die Kanzel mit Goldreliefs ist klassizistisch und die geschnitzten Kreuzwegstationen sind um 1900 entstanden. Für die Neugestaltung der Fresken nach den verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg war in ganz Innsbruck ein Mann besonders wichtig: Hans André. Für die Servitenklosterkirche schuf er das schon erwähnte Außenfresko und die Deckengemälde. Über dem Kirchenschiff sind die Klostergründung und -zerstörung umgeben von Heiligenfiguren und die Stifterin dargestellt. Die Seitenkapelle der Schmerzhaften Muttergottes musste nach dem Krieg neu gebaut werden, hier stammen Altarbild und Terracottafigur von Hans André. Er hat als Maler und Bildhauer in weiteren zerbombten Kirchen maßgeblich zur Renovierung beigetragen: unter anderem im Dom zu St. Jakob und der Stiftskirche Wilten.

Durch die Kirche gelangt man in die angebaute Peregrinikapelle und weiter in den Kreuzgang und das Kloster. Im Kreuzgang ist die Stifertin Anna Katharina Gonzaga, die als Ordensschwester Anna Juliana hieß, beigesetzt. Das Kloster verfügt außerdem über eine Kunstkammer mit beachtlichen Schätzen, die aber nicht öffentlich zugänglich ist.

Mein Highlight:

Der schwarze, mit Elfenbeinarbeiten ausgestattete Altar der Peregrinikapelle.

Empfehlung:

Bei Shoppingtouren im Stadtzentrum hier eine spirituelle Pause einlegen.

Kirchen in Innsbruck

Der Blick auf die Altäre der Servitenkirche (links) und auf Hans Andrés Fresko (rechts)

Kirchen in Innsbruck

Der schwarze Altar mit Elfenbeinarbeiten in der Peregrinikapelle.

Anders als die anderen: Landschaftliche Pfarrkirche Mariahilf

Höttinger Au 4. Die bunte Häuserzeile von Mariahilf ist ein beliebtes Fotomotiv von Innsbruck. Wenn man diese Häuserreihe von der Innbrücke ausgehend Richtung Westen abgeht, gelangt man zur Mariahilfkirche.

Anders als die meisten Kirchen in der Region besteht die Mariahilfkirche nicht aus einem langgezogenen Kirchenschiff, sondern ist eine Zentralkuppelkirche. Um den zylindrischen Hauptbau mit hoher Kuppel sind vier halbkreisförmige Seitenkapellen angeordnet, der Chor formt eine runde Apsis und ein quadratischer Vorbau bildet die Eingangshalle. Die Form ist gleichermaßen ungewöhnlich wie fantastisch und vermittelt ein besonderes Raumerlebnis.
Genauso außergewöhnlich wie die Form der Kirche ist auch ihre Entstehungsgeschichte. Tirol wurde im Dreißigjährigen Krieg 1646/47 von protestantischen Heeren bedroht. In dieser Bedrängnis gelobten die Tiroler Stände („Landschaften“, die demokratische Vertretung der Stände Adel, Bürger, Kirche und Bauern; heute vergleichbar mit dem Tiroler Landtag) zur Abwendung der Gefahr eine Kirche zu erbauen. Dies wurde in einer (original erhaltenen) Stiftungsurkunde festgehalten. Der Westfälische Friede beendete den Krieg vor Baubeginn der Kirche. Aus Dank für die göttliche Hilfe vor der Kriegsgefahr wurde die Mariahilfkirche trotzdem errichtet. Dafür kauften die Landstände den Grund eines abgebrannten Schlösschens.* Bis heute ist die Kirche daher im Besitz des Landes Tirol.

An der Kirche arbeiteten ausschließlich Künstler aus Tirol. Hofbaumeister Christoph Gumpp plante den Kuppelbau im Stil des italienischen Frühbarocks. Kaspar Waldmann erstellte die Fresken in der hellen Kuppel, die Szenen aus dem Marienleben und dem Alten Testament zeigen. Die reiche Stuckausstattung stammt von Hans Schor. Für die Marienverehrung durfte eine Kopie des originalen Mariahilfbildes von Lucas Cranach, das sich im Dom zu St. Jakob befindet, nicht fehlen und ist am Hochaltar zu sehen. Eine Tafel am Eingang erinnert an den Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, der in den 1940er-Jahren Pfarrjugendführer in Mariahilf war.

Seit 2004 ist im ehemaligen Messnerhaus nebenan eine Kunstkammer eingerichtet. Neben sakralen Gegenständen sind hier Pläne zum Kirchenbau, der Stiftungsbrief und wertvolle Priestergewänder aus Seide zu sehen. Führungen in der Kunstkammer sind auf Anfrage möglich.

Mein Highlight:

Die Kuppel.

Empfehlung:

Ein Spaziergang oder eine Radtour an der Innpromenade ist immer eine schöne Sache. Die Mariahilfkirche liegt quasi am Weg.

Kirchen in Innsbruck

Der Hochaltar mit dem Mariahilfbild im Zentrum (links) und eine berührende Darstellung der Gottesmutter am Kreuz (rechts).

Kirchen in Innsbruck

Die Kuppel der Mariahilfkirche.

Ein stadtbildprägender Kirchturm: die Pfarrkirche zu den Heiligen Nikolaus und Martin

St.-Nikolaus-Gasse. Seit über einem Jahr führt mich mein Weg zur Arbeit am Innufer von Marktplatz bis Herrengasse entlang. Dabei genieße ich den Blick auf St. Nikolaus, die Nordkette und die Hungerburg. Einer meiner liebsten Punkte in diesem Panorama ist der hohe Kirchturm der St.-Nikolaus-Kirche. Es wird wirklich Zeit, sich die Kirche mal aus der Nähe anzusehen!

St. Nikolaus oder (das Untere) Anpruggen ist der älteste Teil von Innsbruck. An der Stelle der heutigen Pfarrkirche standen im Laufe der Geschichte mehrere Vorgängerbauten, die schließlich zu klein für die wachsende Bevölkerung waren. Im späten 19. Jahrhundert folgte also der Neubau, der als bedeutendstes Denkmal neugotischer Kirchenarchitektur in Tirol gilt.*

Der gesamte Bau wurde aus Quadern der Höttinger Breccie, einem Stein direkt vom Innsbrucker Berg, unter dem Wiener Dombaumeister Friedrich von Schmidt errichtet. Durch die imposante Fassade gelangt man in einen beeindruckend stimmigen Innenraum. Hier erlebt man ein neugotisches Gesamtkunstwerk! Die typisch hohen, schmalen Fenster, das Kreuzrippengewölbe und die Flügelaltäre ergeben ein harmonisches Bild der Kunst dieser Zeit. Einzig eine Holzfigur links hinten an der Seitenwand, eine Pietà, stammt aus der alten Kirche und ist nicht neugotisch geprägt. In der Vorhalle der Kirche erinnert eine Steinplatte an kaiserlichen Besuch 1885, als Kaiser Franz Joseph die St.-Nikolaus-Kirche aufsuchte.

Um die Kirche herum liegt ein wunderschöner, alter Arkadenfriedhof. Einige große Grabstätten sind künstlerisch aufwendig gestaltet und sehr sehenswert.

Mein Highlight:

Das besondere Licht in der Kirche und die dafür wichtigen Buntglasfenster.

Empfehlung:

Am Weg vom oder zum Alpenzoo durch die Gassen von St. Nikolaus spazieren und einen Kirchenbesuch einplanen.

Kirchen in Innsbruck

Neugotisches Gesamtkunstwerk der St.-Nikolaus-Kirche (links), die Pietà aus der alten Kirche (rechts).

Wallfahrt und Kunstskandal: Theresienkirche

Hungerburg. Der erhöht liegende Stadtteil Hungerburg ist heute eine noble und hochpreisige Wohngegend und Ausgangspunkt zahlreicher Wander- und Mountainbikerouten mit bester Aussicht über die Stadt. Inzwischen ist das Gebiet einfach mit Fahrzeugen oder der Hungerburgbahn zu erreichen. Zu Fuß ist der Weg hinauf eher eine steile und schweißtreibende Angelegenheit.

Für den Bau einer Wallfahrtskirche wurden 1930 von Gläubigen rund 60.000 Ziegel gespendet und zu Fuß auf die Hungerburg transportiert. Der Kirchenbau ist sehr einfach und wirkt durch schmale Fenster und die flache Holzdecke sehr massig. Diese bestechende Einfachheit bildet die perfekte „Leinwand“ für großflächige Fresken.

Zwei Maler verewigten sich hier. In ihren Stilen einzigartig, aber verschieden, schufen Ernst Nepo und Max Weiler (ja, der mit den riesigen Fresken am Bahnhof) zwei künstlerische Welten in einer Kirche. Nepo gestaltete das Außenfresko der Heiligen Theresia vom Kinde Jesu und den Torbogen vor dem schlichten Altarraum in gedämpften und erdigen Farben.

Bunt und farbgewaltig hingegen sind die Bilder von Weiler an den Seitenwänden der Kirche. Weilers Großonkel, der Pfarrer Dominikus Dietrich, erteilte ihm den Auftrag zum 150. Jahrestag des Herz-Jesu-Gelöbnisses. Die Bibeldarstellungen, wie zum Beispiel Ölbergszene, letztes Abendmahl, Kreuzigung mit Lanzenstich, interpretierte Weiler als „Tiroler Passionsspiele“. Die Figuren stellte er als zeitgenössische Tiroler Akteure und in Tiroler Trachten dar, was zu einem großen Skandal führte. Weilers Fresken blieben daher unvollendet und mussten von 1950 bis 1960 verhängt werden. Inzwischen hat sich die Aufregung wieder gelegt und die Bilder sind in voller Pracht zu sehen. Komisch wirkt nur, dass die rechte Seite vollständig ausgemalt ist und die linke eben unvollständig blieb.

Wie in vielen Wallfahrtskirchen üblich sind im Eingangsbereich Dankesworte für erhörte Gebete zu sehen – hier in Form von Keramikfliesen. Gerade solche Exemplare aus Kriegszeiten sind sehr berührend.

Mein Highlight:

Natürlich die Fresken, fast mehr aber die Keramikfliesen – für mich ein möglicher Beweis, dass Glaube vielleicht doch Berge versetzen kann.

Empfehlung:

Den Ausblick von der Hungerburg muss man erlebt haben. An Adventwochenenden am besten im Rahmen des sehr schönen Christkindlmarktes dort.

Kirchen in Innsbruck

Ernst Nepos Fresko mit Blick in den schlichten Altarraum (links) und Max Weilers farbgewaltige Werke (rechts; Ausschnitte).

Kirchen in Innsbruck

Ausdruck des Dankes für erhörte Gebete. Berührende Zeitdokumente.

 

Titelbild von links oben im Uhrzeigersinn: Dreiheiligenkirche, Servitenkirche, St.-Nikolaus-Kirche, Theresienkirche und Mariahilfkirche.

Zum ersten Teil der Reihe „Gotteshäuser in Innsbruck“ geht es hier.

Wunderschöne Panoramabilder vieler Kirchen der Diözese Innsbruck gibt es hier zu sehen.

*) vgl. „Die Kirchen Innsbrucks“, Norbert Möller, Verlag Kirche, 2. Auflage, 2004