Für viele Innsbruckerinnen und Innsbrucker meiner Generation – Hui, wie das klingt! – ist die Wagner’sche eine Institution unter den Buchhandlungen. Während meines Studiums und danach habe ich viele, viele Stunden hier verbracht, in Klassikern und in neuen Romanen gestöbert, in Sachbüchern und Bildbänden. Wie viele Autoren habe ich hier entdeckt, wie viele spannende Themen! Und nun: ein Déjà-vu.

Die Wagner'sche lädt zum Entdecken.

Die Wagner’sche lädt zum Entdecken ein.

Wagner’sche, das hieß: exzellentes Sortiment, überaus belesene und hilfsbereite Buchhändlerinnen und Buchhändler in den Abteilungen, Bücher, die man ohne Kaufzwang zur Ansicht bestellen konnte  – ein Luxus, den ich als solchen erst erkannte, als die Wagner’sche nicht mehr die Wagner’sche war, also vom Namen her schon noch, aber geschluckt von einer großen internationalen Kette. Ich wandte mich ab.

Ziemlich alt

Die Wagner’sche ist nicht irgendeine. Sie ist die älteste Buchhandlung der Stadt. 1639 heiratete der Augsburger Drucker Michael Wagner die Witwe des Innsbrucker Druckereibesitzers Hans Gäch und legte damit den Grundstein für eine Buchdruckerdynastie samt Buchhandlung, die lange eine der bedeutendsten im deutschsprachigen Raum war. Seit 1875 ist Buchhandlung am heutigen Standort angesiedelt. Nach über 350 Jahren in Familienbesitz verkaufte Maria Hasenöhrl 2006 die Buchhandlung an die Thalia-Kette. Eine Ära war zu Ende.

Lesefreuden ohne Ende.

Lesefreuden ohne Ende.

Ziemlich neu

Nun aber ist sie wieder die alte, hat neue Besitzer, die an die Tradition anknüpfen und doch der Zeit entsprechend machen wollen. Das freut mich ungemein. Zumal mit Markus Renk, viele Jahre Geschäftsführer der Tyrolia-Buchhandlung, und Markus Hatzer, Leiter des Studienverlags, zwei profunde Kenner die Buchhandlung übernommen haben und das Thalia-lntermezzo vergessen lassen. Mit Robert Renk ist ein Sortimentverantwortlicher dabei, der das kulturelle Leben in Innsbruck seit Jahrzehnten mit literarischen Veranstaltungen bereichert.

Buch um Buch ein Genuss.

Buch um Buch ein Genuss.

Ziemlich schmökern

Spannende Lesungen sind also zu erwarten. Aber auch so ist der neue Geist spür- und sichtbar. Bücher über Bücher erwarten einen in der Museumstraße, appetitlich angerichtet auf Tischen und aneinandergereiht in Regalen. Gemütliche Sessel laden zum Fläzen, lauschige Ecken zum Schmökern. Sachbücher und Belletristik, Bildbände und Tirolensien sowie eine herzhafte Auswahl an Reise- und Wanderführern zum ‘Land im Gebirg’: Hier keinen Buchgenuss zu finden, ist unmöglich.

Der flauschige Teppich im Wagner’sche-Blau schluckt alle störenden Geräusche. Buchwelt, wie sie sein soll. Nichts lenkt ab von den Buchstaben, die aneinandergereiht neue Welten eröffnen – das Abenteuer im Kopf kann sofort beginnen.

Kochbücher für Küchenmeister und -meisterinnen.

Kochbücher für Küchenmeister und -meisterinnen.

Mit „Innsbruck abseits der Pfade“ von Bernd Schuchter (Braumüller Verlag) unterm Arm hinauf in den ersten Stock und gleich rechts in „1639. Die Meierei“, ein kleines feines Lokal, in dem man lecker essen, Kaffee trinken, Brownie knuspern und eben auch lesen kann. Die Jahreszahl, wir wissen es schon, ist eine Reminiszenz an das biblische Alter der Buchhandlung. Am Stiegenaufgang gibt es einen kleinen historischen Abriss.

Nina Rettenbacher zaubert große und kleine Genüsse.

Nina Rettenbacher zaubert große und kleine Genüsse.

Ziemlich lecker

Chefin ist hier Nina Rettenbacher, Innsbruckerinnen und Innsbruckern bekannt als Kochlöffel schwingende Herrin des „crumble“ am Wiltener Platzl, wo es Hausgemachtes gab vom Sirup bis zum Kuchen. Gemütlich wie daheim.

Nun ist sie in die Wagner’sche übersiedelt und bekocht hier Buchliebhaberinnen und Buchliebhaber. Nach dem Motto „Das lebendige Kochbuch“ werden Kulinarik und Literatur zusammenführt. Dafür durchforstet sie das – Herz hüpf höher! – Kochbuchsortiment der Wagner’schen, und serviert Spezialitäten regional, saisonal, mit Liebe gemacht, wenn Zeit ist und die Zutaten parat auch auf „Zuruf“.

Brownie verspeisen und in Büchern schmökern.

Brownie verspeisen und in Büchern schmökern.

Ziemlich begeisternd

Mit Nina Rettenbacher kommt man schnell ins Gespräch, über das leckere Brot etwa, das mit etwas Butter einfach köstlich schmeckt und extra für sie gebacken wird von einem ebenso leidenschaftlichen Bäcker, wie sie Köchin ist. Sie hat auch gleich den einen und anderen Buchtipp parat. Wie könnte man anders, als begeistert sein.

Einen Cappuccino schlürfend, genieße ich den Blick auf die saisonal dekorierte Terrasse auf die Hochbeete, in denen Kräuter sprießen und Salate – und blättere in einem Buch. Natürlich. Deswegen bin ich ja eigentlich hergekommen.

Bernd Schuchter zeigt seine Stadtansichten.

Bernd Schuchter zeigt seine Stadtansichten.

Ziemlich pfadig

Der Innsbrucker Schriftsteller und Verleger Bernd Schuchter lädt in seinem aktuellen Buch „Innsbruck abseits der Pfade“ zu Spaziergängen abseits der üblichen ein, erzählt Wissenswertes aus der Geschichte, Anekdoten und Schmankerl, führt zu bekannten und weniger bekannten Orten, lockt mit neuen Blickwinkeln, was immer spannend ist. Ein lesenswertes Büchlein für Stadtnutzerinnen und -nutzer, ob von hier, von dort oder von anderswo.

Man möchte gleich losmarschieren und die Pfade beschreiten, die der Autor vorschlägt: hinauf auf den Judenbühel und nach Mühlau, hinein in verwinkelte Gässchen der Altstadt und die Hinterhöfe von Wilten. Dazu ein paar Rezepte regionaler Spezialitäten, Kiachl zum Beispiel oder Kaspressknödel zum Nachkochen. Nur eines gibt es zu bemängeln: So manches Bild ist zu klein und alle in schwarz-weiß. Etwas Farbe wäre schön gewesen.

Köstlichkeiten in der Meierei.

Köstlichkeiten in der Meierei.

Ziemlich grafisch

Apropos schwarz und weiß: eine aufregende Kombi für Typografen. Wer sich gerne mit der Ästhetik von Büchern befasst, der sollte in die Andreas-Hofer-Straße spazieren. Dort hat vor Kurzem eine ganz spezielle Kulturinitiative Räumlichkeiten in einem Innenhof bezogen: der Verein „wei sraum. Forum für visuelle Gestaltung“. Es gibt ihn schon seit ein paar Jahren, nun ist er sesshaft geworden.

Gegründet vom Grafikdesigner Kurt Höretzeder hat sich wei sraum zum Ziel gesetzt, den Blick für Typografie, für Gebrauchsgrafik, für grafische Gestaltung zu schärfen. In der Andreas-Hofer-Straße gibt es nun neben feinen Ausstellungen auch Vorträge und Workshops, die Einblicke in Papierkunde oder in die Geheimnisse der Typografie eröffnen. In den Räumlichkeiten haben sich weitere kreative Geister eingemietet. Es ist also einiges zu erwarten.

Ein gutes Sortiment ist das Um und Auf.

Ein gutes Sortiment ist das Um und Auf.

Ziemlich schön

Der Katalog zur Ausstellung „Ikonen und Eintagsfliegen. Arthur Zelger und das Grafikdesign in Tirol“, die wei sraum 2014 in Innsbruck gezeigt hat, fand übrigens Eingang in Schuchters Stadtführer. Es ist ein besitzenswertes Kompendium, erhältlich natürlich auch in der Wagner’schen, die für Schuchter zu den schönsten Buchhandlungen Innsbrucks zählt.

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: hingehen, stöbern, lesen und in der Meierei einen Cappuccino schlürfen oder ein Süppchen oder …

 

Bernd Schuchter: Innsbruck abseits der Pfade
Verlag Braumüller, 14.90 Euro
www.braumueller.at

Wagner’sche Universitätsbuchhandlung
Museumstraße 4
6020 Innsbruck
info@wagnersche.at
www.wagnersche.at

wei sraum. Forum für visuelle Gestaltung
Andreas-Hofer-Straße 27
6020 Innsbruck
info@weissraum.at
www.weissraum.at

Zusätzliche Informationen unter innsbruck.info

Alle Fotos: © Susanne Gurschler