„Ranggen hat die schönste Sakristei Tirols“. Diese Bemerkung einer Bekannten machte mich stutzig. Was sollte denn an einer Sakristei von besonderer Schönheit sein? Und dennoch war meine Neugier geweckt, ich wollte der Sache auf den Grund gehen. Ein Vorhaben, das ich keineswegs bereue, denn ich kam in den Genuss einer Kirchen-Führung mit der Rangger Pfarrchronistin Frau Anna Rathgeb.

Sakristei in Ranggen

Anna Rathgeb vor der ältesten der drei Kirchen Ranggens. Die pensionierte Lehrerin ist Pfarrchronistin und führt durch die schönste Sakristei Tirols. ©Werner Kräutler

Dass von wunderbaren Kirchen und Kapellen in Tirol oft die Rede ist, kann ich jederzeit nachvollziehen. Man muss auch nicht tiefgläubig sein, um viele unserer sakralen Bauten zu schätzen. Wie etwa das gotische Kirchlein in St. Quirin oder die mystische Kirche des Hl. Vigil in Obsaurs. Es sind Bauten, die auch tief in der Geschichte ihrer Orte verwurzelt sind. Liegen doch viele Wallfahrtskirchen auf einst vorchristlichen Kultplätzen. Oder an prähistorischen Verkehrswegen, die heute völlig in Vergessenheit geraten sind. Aber Ranggen?

Ich hatte also mit der Pfarrchronistin Anna Rathgeb eine Führung durch die Rangger Kirchenvergangenheit vereinbart. Denn das wollte ich mit eigenen Augen sehen. Schon bei der Begrüßung ist’s klar: Hier steht eine Lehrerin vor mir, die sofort mit leuchtenden Augen zu erzählen beginnt. Nur Lehrerinnen ihres Schlages sind in der Lage, trocken-spröde Themen so aufzubereiten, dass sie spannend werden.

Aufbewahrungshalle, Sakristei, Kirche in Roppen

Was aussieht wie eine Bestattungskapelle (links), eine Sakristei (rechts der Bildmitte) und die eigentliche Kirche (das höchste Dach samt Turm) sind – oder waren – drei Kirchen. ©Werner Kräutler

Kirche Nummer 1 ist heute die Bestattungskapelle

Die erste Überraschung: Schon bei der Begrüßung weist sie darauf hin, dass Ranggen eigentlich über drei Kirchen sozusagen “auf einem Haufen” verfügt. Die erste Kirche, es handelte sich eher um eine Kapelle, wurde 1359 gebaut und 1360 eingeweiht. Offenbar war es in Ranggen nicht üblich, alte Kirchen abzureißen, denn das kleine Gebäude steht heute noch und dient als Bestattungskapelle. „Sie sind aber wegen der zweiten Kirche hier, die heute eine Kapelle ist“, sagt sie lachend und öffnet die Tür zur angeblich schönsten Sakristei des Landes, die unmittelbar neben der Kapelle in die Höhe ragt.

Kirche Nummer 2 ist die Sakristei

Es ist schon eigenartig, vermeintlich eine Kirche zu betreten um sich dann in einer Sakristei wieder zu finden. Denn von außen betrachtet weist nichts darauf hin, dass es sich hier um eine Sakristei handelt. Nach der Auflassung der ersten Rangger Kirche wurde die zweite, die damals neue Kirche, einige Meter entfernt davon errichtet. Von außen kaum wahrnehmbar sieht man es dem Innenraum noch an, dass er zur Zeit der Hochblüte der Tiroler Gotik gebaut worden ist. Gotische Spitzbögen an der Decke, Rundbogenfenster in der Südfassade und barocke Fresken an Decke und Wänden.

Auf den ersten Blick schaut’s schon nach einer “normalen” Sakristei aus. ©Werner Kräutler

Und tatsächlich, es sind die schönen barocken Fresken, die diese Sakristei einzigartig machen. Zuerst aber kommt meine Führerin auf Recycling-Kirchen zu sprechen. „In Ranggen hat man offenbar immer danach getrachtet, nicht mehr gebrauchte kirchliche Räume zu erhalten“, sagt sie. „Und in diesem Fall wurde die Apsis der alten Kirche eben als Sakristei weiter benutzt.“ Durchaus zur Freude kulturell Interessierter. Denn die Rangger Kirche samt der luxuriösen Sakristei ist immer wieder Ziel von kunstsinnigen Menschen, die dann eine der exquisiten Führungen mit der ehemaligen Oberschulrätin genießen können.

Diese zweite Kirche – also die heutige Sakristei – wurde am 14. Juli 1482 geweiht. Einen von den damals insgesamt drei Altären widmete 1498 eine Adelige namens Clara von Eppaner, vermutlich um in der Kirche beerdigt zu werden. Sie löste mit ihrer Stiftung dann auch eine Kettenreaktion auf, denn dadurch kam Ranggen schon früh in den Genuss eines eigenen Seelsorgers. Und einer dieser Pfarrer hat dann dafür gesorgt, dass der Ort eine dritte Kirche baute. Die Barockisierung der heutigen Sakristei erfolgte 1750.

Fresko mit Ranggen in der Sakristei

Die älteste Darstellung des Ortes Ranggen ist Teil eines Freskos in der schönsen Sakristei Tirols. ©Werner Kräutler

In der Sakristei ist auch die älteste Darstellung Ranggens zu bewundern: eine vom Schwazer Künstler Christoph Anton Mayr geschaffene Darstellung des Heiligen Magnus, der auf einer Wolkenbank sitzend segnend über Ranggen schwebt. Apropos Magnus: der Heilige ist in Tirol selten vertreten, er ist eigentlich der „Allgäuapostel“. Magnus ist ein weiteres Mal vertreten, nämlich auf dem Deckengemälde, bei dem er gemeinsam mit Erhard, Maria und Anna die Hl. Dreifaltigkeit verehrt.

Fresken in der Sakristei von Ranggen

Barockmalereien zieren die heutige Sakristei, eine ursprünglich gotische Kirche aus dem 15. Jahrhundert. ©Werner Kräutler

Kirche Nummer 3 ist die heutige Pfarrkirche

Nicht zuletzt aufgrund der großzügigen Stiftung jener Frau, deren Grabstein in der dritten Kirche in Ranggen zu sehen ist, erfolgte 1775 deren Grundsteinlegung zum bisher letzten Kirchenbau. Es war der Kurat Johann Stephan von Reinhart, der den Bau mehr oder minder im Alleingang durchzog. Und wieder bewiesen die Rangger ihren ausgeprägten Hang zum Recycling: der Barockaltar der zweiten  Kirche wurde kurzerhand in die neue, große Kirche gerollt und steht heute noch in Verwendung. Die zweite Kirche wurde zur Sakristei umgewandelt.

Alter Altar in Ranggen

Dieser Altar schmückte einst Kirche Nr. 2 in Ranggen und wird heute noch in der Hauptkirche verwendet. ©Werner Kräutler

Ja, und etwas wirklich Außergewöhnliches birgt die heutige Pfarrkirche: einen hölzernen Fußboden. Er wurde von einem lokalen Handwerksbetrieb vor mehr als 240 Jahren kreiert und bei der Renovierung vor einigen Jahren von einem anderen Rangger Handwerksbetrieb generalüberholt.

Zum Abschluss ihrer Führung philosophiert meine Führerin über die Zahl Drei. Denn neben den drei Kirchen verfüge der Ort auch über drei Schulen. “Aber das ist eine andere Geschichte.“, meint die exzellente Kirchenchronistin und Kunstführerin augenzwinkernd.

Der wunderschöne hölzerne Fußboden der Pfarrkirche Ranggen ist eine weitere Besonderheit des Gotteshauses. ©Werner Kräutler