In wenigen Tagen bekommt Innsbruck einen zweiten Poetry Slam. Und das ist gut so, weil der erste in der Bäckerei dem Ansturm der Massen kaum mehr gewachsen ist. Der Slammer, Initiator und Moderator des neuen Gestaltwandler-Slams Stefan Abermann verspricht für die Premiere am Samstag (17. Mai) im Freien Theater kreative Höchstleistungen mit neuen Spielregeln – und im Folgenden dem Namen entsprechend gestaltwechselnde Aufgabenstellungen. Man darf gespannt sein und sich auf die Wettkämpfe auf der Bühne der kleinen, feinen Spielstätte im Zentrum der Stadt freuen!

Innsbruck, eine Hochburg der Poeten

Ein Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit und eine aus den USA stammende Idee, die sich seit den 80er-Jahren weltweit verbreitet. Die deutschsprachige Szene ist nach der englischen die zweitgrößte. Es geht dabei um das Vortragen freier, selbstverfasster Texte in vorgegebener Zeit und um die Gunst des Publikums. Dass es in Innsbruck solche Wettkämpfe gibt, weiß ich schon länger vom Hörensagen, doch ich habe keine Vorstellung davon, wie lebendig und groß(artig) diese Szene ist, bis ich im Jänner diesen Jahres den Bäckerei Poetry Slam, kurz BPS, entdecke.

Den BPS gibt es seit 2002, ursprünglich allerdings als Bierstindl Poetry Slam ebendort. Im Bierstindl, dem früheren Kulturzentrum Innsbrucks mit Sitz der unterschiedlichsten Produktionen und Vereine, haben die Wettkämpfe noch im kleinen Rahmen und ohne Mikro stattgefunden. Durch die Renovierung des Bierstindls ist der Slam in die Bäckerei, eine neue Kultureinrichtung und Werkstatt für Theater, Musik, Architektur, Literatur, Kunst u. v. m., übersiedelt. Der BPS ist der älteste Slam und einer der größten in Österreich. In den letzten zwölf Jahren hat sich also vom Bierstindl zur Bäckerei und darüber hinaus das entwickelt, was ich zu Jahresbeginn in der Bäckerei erleben darf: eine bunte, begeisterte Szene, die wunderbar zu einer Studentenstadt wie Innsbruck passt.

Man stelle sich eine aufgelassene Großbäckerei mit einer Bühne vor, die von rund 300 überwiegend jungen Besuchern gestürmt wird, um moderner Poesie von mutigen, kreativen Sprachkünstlern zu lauschen. Hunderte Leute, die sich zuerst in lange Warteschlangen bei der Eintrittskasse, dann in ebenso lange Reihen an der Bar und gegebenenfalls in eine weitere vor den Toiletten anstellen und einen Dichterwettstreit gewöhnlicher Freitagsabendbeschäftigung vorziehen. Klingt ob aller Klischees zur verkommenen Sprachkultur der heutigen Jugend unvorstellbar? Tja, auch ich habe es kaum für möglich gehalten. Doch ich kam, sah und glaubte.

Der Jänner-Slam, der meine Slam-Premiere ist, ist wie gewöhnlich auf den letzten Freitag des Monats und auf 20.30 Uhr festgesetzt.

Erfahrene BPS-Besucherfreunde raten mir, auf jeden Fall früh dort zu sein, um einen Sitzplatz ergattern zu können. – Ein wertvoller Tipp! Denn gleich nach 19 Uhr ist der Besucheransturm groß, um in der nächsten Stunde zu explodieren und folglich mit traurigen Gesichtern zu schließen, denen der Eintritt verwehrt werden muss, da die Bude übervoll ist.

Doch nicht nur der Zuschauerstrom ist enorm, auch der Sturm auf die Bühne: jeder darf hier mitmachen, fast alles ist erlaubt, Anmeldung am Slamabend. Zu viele Anmeldungen machen jedoch den Verzicht einiger Poeten notwendig, um den Veranstaltungsrahmen nicht auf übermorgen auszudehnen.

Poetry Slam Couch

Slammer vor dem Auftritt auf der Bühnencouch im Februar 2014 (v.l.): Christoph Simon aus der Schweiz und die Lokalgrößen Stefan Abermann, Käthl, Haris Kovacevic.

Po-po-po-poetry Slaaam

Es geht los! Rechtzeitig vor Beginn füllen sich die Stühle und jeder Zentimeter dazwischen: die Leute stapeln sich förmlich im Zuschauerraum. Zuerst gibt es eine kleine Einführung in die Spielregeln, sympathisch und humorig vermittelt durch Moderator und Slamdaddy Markus Köhle. Er ist seit jeher beim BPS dabei und weit über Innsbruck hinaus als „Papa Slam“ bekannt. Allein seine Moderation ist hörenswert. Er sorgt für tolle Stimmung im Saal und führt geistreich durch den Wettkampf.

Die angemeldeten Poeten kommen in gezogener Reihenfolge dran und haben je fünf Minuten, um einen eigenen Text vorzulesen oder frei vorzutragen. Ein paar Auserwählte im Publikum dürfen als Jury Punkte vergeben, die Zuschauer können Extrapunkte einfordern.

Und (fast) jeder bekommt hier einen lauten Extrapunkt, jeder hat hier Platz und das ist schön. Denn es sind nicht nur Profislammer am Werk, sondern auch Newcomer, Frauen und Männer, Jung und Alt, Verrückte und weniger Verrückte, Leute aus dem Ausland und mit verschiedenen Dialekten, Menschen im Rollstuhl und mit Sprachfehlern – und alle sind mutige Sprachkünstler!

Die Besten der Vorrunde steigen ins Finale auf. Hier entscheidet der Applaus des Publikums über den Sieg.

Der Gewinner bekommt einen Slambeutel und eine 2-Liter-Flasche Tiroler Bier (wobei der Pfandwert der Flasche höher liegt als der Wert des flüssigen Inhalts, Anm.). Der Slambeutel ist ein Stoffsackerl, das während der Finalrunde durch die Zuschauerreihen geht und von den Besuchern gefüllt wird. Handtaschen werden entleert, Kleingeld lockergemacht. Was wirklich im Beutel landet, wissen nur die Sieger.

Slammer

Jeder kann das Publikum mit seinen eigenen Texten begeistern und Extrapunkte kassieren.

Poetry Slam

Genaue Buchführung: Namen der Poeten, Stichworte und Punktevergabe. Moderation vom feinsten und mit vollem Körpereinsatz: Markus Köhle. Prinzip Slambeutel: Markus Köhle und Stefan Abermann.

Achtung: Suchtgefahr!

Wir Zuschauer hören lustige, ernste, satirische, kritische, gereimte, rhythmische, unrhythmische, teilweise gerappte, großartige Texte. Texte über die Schwierigkeiten im Leben eines Nerds, über Coming Outs, blaue Balken und österreichische Politik, über den Arbeitsalltag in der Altenbetreuung, Türschwellen, Ballkleider, Übergewicht, eine Nachricht an Putin und vieles mehr. Eigentlich bin ich schon nach dem ersten Text vollauf begeistert und süchtig nach mehr. Fortan möchte ich möglichst viele Slams sehen und werde in den nächsten Monaten auch nicht enttäuscht: man darf Texten zu Lügen, Fußballvisionen (Alabalypse), Malofantenkühen (malende Elefantenkühe), Familienweihnachtsessen, Feminismus, Romantik, männliche Schokoladenheißgetränke, Nachrichten an den Ex und Überlegungen zur Physiognomie von Kühen, die Treppen hinauf-, aber nicht hinuntersteigen können, und sogar Slamtexten über Slams lauschen. Alles davon muss einem ja nicht gefallen, aber alles anhören ist toll! Ich erlebe an so einem Abend mehr Gefühle als sonst in ganzen Wochen: Bauchkrämpfe vor Lachen, tiefes Mitgefühl, überzeugten Zuspruch, verstörten Ärger, beträchtliche Verwirrung und ehrliche Rührung, besonders aber aufrichtige Bewunderung für jeden einzelnen Vortragenden. Was nicht geht, ist unberührt von diesen Texten zu bleiben.

Und sollte ich wieder einmal jemanden sagen hören, die Leute hätten heute keine Sprachkultur mehr, das literarische Desinteresse sei ein Skandal und Goethe würde sich im Grabe umdrehen, dann würde ich diesen Jemand an der Hand und mit zu einem Poetry Slam nehmen und breitgrinsend erklären:

„Nein, Goethe würde tanzen!“

 

Weitere Kurzinfos

Es gibt auch Städtebattles im Slammen, im März zum Beispiel Innsbruck gegen Linz, bei dem Innsbruck als Sieger vom Platz ging. Für angehende Slammer oder einfach Neugierige gibt es an den BPS-Tagen vor dem Wettkampf auch Workshops, dazu bis spätestens am Vortag anmelden. Und für all jene, denen es so geht wie mir und denen das einmalige fünfminütige Hören der Texte fürs Kurzzeitgedächtnis zu wenig ist, so gibt es zum Beispiel von Markus Köhle eine Sammlung von Slamtexten in Buchform zum Nachlesen und von Stefan Abermann demnächst.

BÄCKEREI POETRY SLAM:
Die Bäckerei
Dreiheiligenstraße 21a
6020 Innsbruck
nächster Termin: Freitag, 30. Mai 2014, 20.30 Uhr, € 3,50 Eintritt
nächstes Städtebattle Innsbruck – Wien: Mittwoch, 11. Juni 2014, 20.30 Uhr, € 3,50 Eintritt
Informationen, Termine und Nachberichte – auch zu Poetry Slams außerhalb Innsbrucks, wie z. B. in Hall, Wörgl, Buch usw.:
baeckereipoetryslam.wordpress.com

GESTALTWANDLER-SLAM:
Freies Theater
Wilhelm-Greil-Straße 23
6020 Innsbruck
Premiere – Punkt-Lander-Slam: Samstag, 17. Mai 2014, 20.30 Uhr, € 3,50 Eintritt
Informationen und Termine: gestaltwandlerslam.net

OPEN-AIR-THEMEN-SLAM:
Landhausplatz (bei Schlechtwetter im Freien Theater), Freitag, 13. Juni 2014, 19 Uhr
Informationen: gestaltwandlerslam.net

 

Großer Dank an Stefan Abermann, Martin Fritz und Markus Köhle für das große Entgegenkommen, Informationen, Bilder, Gespräche und für ihren Einsatz in der Poetry-Slam-Szene in Innsbruck.

Alle Bilder von baeckereipoetryslam.wordpress.com