Um den zehn Meter hohen, monumentalen ‘b’schriebenen Stein’ im Viggartal ranken sich zahllose Mythen und Legenden. Von geheimnisvollen Inschriften ist ebenso die Rede wie davon, dass dort Kaiser Maximilian verewigt worden sei. Gemeinsam mit zwei Freunden wollte ich der Sache auf den Grund gehen.

Eine kleine Expedition ins Viggartal

Dass ich eines Tages mitten in Tirol eine kleine Expedition durchführen würde, hätte ich mir eigentlich nicht träumen lassen. Aber nur allzu oft kommt es anders. Gemeinsam mit dem Buchautor und Radiästheten Thomas Walli und dem Fotografen Danijel Jovanovic machte ich mich kürzlich ins Viggartal auf. Wir wollten die Geheimnisse des  legendären ‚b’schriebenen Stoa‘ lüften und nicht nur wissen, was denn nun alles in diesem Stein ‚geschrieben’ steht. Genauso interessant war es zu erkunden, ob der Stein das ‚Zeug‘ hatte, der Mittelpunkt einer vorchristlichen Kultstätte zu sein.

bschriebener Stein

Der b’schriebene Stein dominiert eine kleine Hochfläche im Inneren Viggartal. Bild: Danijel Jovanovic

Seit zwei Jahren fasziniert mich der Steinkoloss und regte in dieser Zeit meine Neugier heftig an. Ich bin fasziniert von der Monumentalität dieses riesigen Monolithen. Und neugierig, weil der Stein bei Einheimischen nicht umsonst den Namen ‚b’schriebener Stoa’ hat. Es ‚wurmte‘ mich bei meinem ersten Besuch, nur einige Zeichen im Stein erkennen zu können. Und ich war damals nicht in der Lage, etwaige Kraftlinien zu orten. Das sollte sich bei der jetzigen Expedition ändern.

Die Vorbereitungen

Zu allererst besorgte ich dünnes Papier und vor allem Kohle-Durchschlagspapier, wie man es früher in Schreibmaschinen verwendet hatte, um eine Kopie zu erstellen. Eine Leiter konnte das Meissnerhaus bei Bedarf zur Verfügung stellen. Ach ja, im Meissnerhaus richteten wir quasi unser „Basislager“ ein. Schon am Tag der Anreise ging’s sofort weiter ins Innere Viggartal zum b’schriebenen Stoa. Vorerst ohne Leiter, denn die erschien uns denn doch etwas zu schwer, um zweieinhalb  Stunden getragen zu werden. Wir konnten sie bei Bedarf ja am nächsten Tag hinaufschleppen.

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Die Schalensteine am Hinterleger im Viggartal 

Schalenstein Viggartal

Halbkugelförmige Vertiefungen an einem Stein im Inneren Viggartal. Bild: W. Kräutler

Beim Aufstieg zum b’schriebenen Stoa wollte ich auch gleich noch die Schalensteine fotografieren, die wir am Hinterleger, einer Hochalm im Inneren Viggartal, passieren. Auch die waren bei meinem ersten Besuch zu kurz gekommen. Schalensteine sind Steine, in deren Oberflächen sich halbkugelförmige Vertiefungen befinden, die meist von Menschen geformt worden sind. Was sie bedeuten? Da sind die Interpretationen ähnlich zahlreich wie die Schalensteine. Von ‚Landkarten‘ über ‚Kalender‘ bis hin zur magischen Verwendung des abgeriebenen Steinmehles reichen die Vermutungen. Dass sie meist an Orten gefunden werden, die als vorchristliche Kultplätze gedient hatten, ist signifikant. Auch in Gebieten mit mittelalterlichem Bergbau sind sie oft zu finden. Mehr nicht. Aber die Schalensteine waren ja nicht Hauptgegenstand der Expedition.

Ein kurzer Videofilm von Danijel Jovanovic gibt einen ersten Überblick über das wunderschöne Innere Viggartal, das von den Blauen Seen abgeschlossen wird.

Steinzeichen frottieren

Weshalb hatte ich ‚dünnes Papier’ und Kohlepapier für die Expedition gekauft? Einritzungen in Steine sind meist nur sehr schwer zu erkennen. Die Archäologen haben eine Technik entwickelt, Steinzeichnungen mit wenig Aufwand sichtbar zu machen. Man legt ein dünnes Papier auf den Stein und reibt ein Kohlepapier über die Papierfläche. Während die ‚normale Umgebung’ einer Steinzeichnung die Farbe des Durchschlagspapiers annimmt bleiben die Vertiefungen und somit die Steinzeichnungen weiß. Die Technik wird ‚Frottieren‘ genannt. Vielleicht erinnern sich die älteren unter uns: Früher haben wir auf diese Art Münzen ‚sichtbar‘ gemacht. 

Wegtrasse Viggartal

Eine mysteriöse Wegtrasse im Inneren Viggartal. Sie wurde vermutlich vor 500 Jahren für Kaiser Maximilian angelegt. Denn der bevorzugte es, seine Jagdreviere auf dem Pferd reitend zu erreichen. Bild: W. Kräutler

Nach etwa zweieinhalb Stunden Aufstieg – auch über uralte trassierte Wege – taucht dann urplötzlich der Steinmonolith auf, der als der ‚b’schriebene Stoa‘ bekannt ist. Und erst beim Näherkommen erkennt man die monumentale Größe dieses Felsbrockens. Und sofort mache ich mich an die Arbeit, die Steinritzungen und Steinzeichnungen zu ‚frottieren‘.

bschriebener Stein

Mit Papier und Kohlepapier werden die Zeichen im b’schriebenen Stein sichtbar gemacht. Bild: Danijel Jovanovic

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Frottieren ist der Trick, um die vertieften Zeichen sichtbar zu machen. Bild: W. Kräutler

Ein erstes Ergebnis: zwölf Rätia-Adern führen vom Stein weg

Ich wurde, wie bereits erwähnt, von Thomas Walli begleitet, einem Radiästheten (so werden Wünschelrutengänger im Fachjargon genannt). Aber eigentlich ist er spezialisiert auf die  Entdeckung von Kraftgittern, die es prähistorischen Menschen erlaubten, sich auch auf fremden Territorien zu orientieren. Er ist auch Autor des höchst interessanten Buches “Das Raetiastein GPS.” Darin beschreibt er die Wiederentdeckung eines etwa 6.000 Jahre alten prähistorischen Navigationssystems.

Und tatsächlich wird er beim b’schriebenen Stoa fündig. Insgesamt zwölf von Menschen angelegte Kraftadern die auf verlegten Raetia-Steinen basieren, führen vom b’schriebenen Stein weg. Welche Bedeutung diese Linien haben kann erst nach einer detaillierten Auswertung der Messungen gesagt werden. Was allerdings jetzt schon gesagt werden kann: Der b’schriebene Stein war ein – wenngleich eher schwacher – Teil des prähistorischen Orientierungssystems in Tirol. Als Kultzentrum kommt er vermutlich nicht in Frage.

Thomas Walli

Thomas Walli bei der Mutung des b’schriebenen Stoa. Bild: W. Kräutler

bschriebener Stein

Mit dem Kristall-Pendel ortete Thomas Walli insgesamt zwölf Kraftlinien, die strahlenförmig vom b’schriebenen Stein ausgehen. Bild: W. Kräutler

Erste rätselhafte Steinzeichnungen tauchen auf

Ich wiederum tat mir beim ‚Frottieren‘ doch etwas schwerer als erwartet. Der Fels ist sehr uneben, was die Sache doch einigermaßen verkompliziert. Aber dennoch ist es mir gelungen, Ritzungen zu finden, die mit freiem Auge kaum oder gar nicht  zu sehen sind.

Eigentlich ist der b’schriebene Stoa nur auf zwei Seiten ‚beschrieben‘: auf der breiten Westseite und der ebenso breiten Ostseite. Denn hier befinden sich glatte Flächen, auf denen Ritzungen ohne großen Aufwand möglich sind.

Bislang unbekannt

Während einige Steinzeichen auf der Ostseite bereits im Ellbögner Heimatbuch abgedruckt worden sind, sind jene auf der Westseite bislang unbekannt geblieben. Verbale Beschreibungen berichten davon, dass „auf dem 20 Schuh hohen Felsenstück … sich in römischen Buchstaben der Nahme (!) Kaiser Maximilian des I sten und deutsche Ziffern mit der Jahreszahl 1489“ befanden. Von der Inschrift sei jedoch schon lange nichts mehr zu sehen.

Das mit Kaiser Maximilian mag schon stimmen. Ein Beweis, dass der ‘letzte Ritter’ im Inneren Viggartal gewesen sein musste waren Teile der verbliebenen Reitertrasse. Denn Maximilian begab  sich nicht zu Fuß auf die Jagd. Und um seine im Hochgebirge gelegenen Jagdreviere mühe- und gefahrlos zu erreichen ließ er regelrechte Wege bauen und trassieren.

Bei meinen Nachforschungen tauchten aber zwei Jahreszahlen auf: 1509 und 1577 (oder 1570). Diese Einritzungen dürften auch die ältesten Zeichen sein, die noch sichtbar sind. Die Annahme, dass ältere Steinzeichnungen zum Beispiel aus der Stein- oder Bronzezeit noch vorhanden wären ist nach dem Stand der Dinge höchst unwahrscheinlich.

Aber immerhin. Wir entdeckten wie bereits erwähnt neue Zeichen, die bislang noch nie beschrieben worden sind. Darunter viele Kreuz-Einritzungen was auf die Gläubigkeit der Menschen hinweist. Dass mehrere Doppelkreuze eingearbeitet sind ist allerdings verwunderlich. Normalerweise werden diese Kreuze als Patriarchenkreuze bezeichnet.

Die Ergebnisse

Als Ergebnis unserer Expedition ins Viggartal kann festgehalten werden:

  1. Die Entdeckung einer alten Wegtrasse auf rund 2.000 Metern Seehöhe im Inneren Viggartal, die sorgsam aus Trockensteinen aufgebaut wurde, sollte als Hinweis auf Bergwerkstätigkeiten im Inneren Viggartal verstanden werden. Konkrete Nachforschungen sind derzeit auch in Internet nicht auffindbar.
  2. Die Einritzungen, also die Steinzeichnungen, sind mit großer Wahrscheinlichkeit jüngeren Datums, das heißt, sie stammen zum Teil aus dem Mittelalter. Prähistorische Zeichen sind entweder schon verwittert oder wurden erst gar nicht eingeritzt. Was offen bleibt ist die Interpretation einiger Zeichen. Hier will ich an die Leserschaft des Blogs appellieren. Wer glaubt, ein Zeichen deuten zu können ist herzlich eingeladen, dies in den Kommentaren unterhalb dieses Blogposts zu tun.
  3. Das Areal des b’schriebenen Steines war mit allergrößter Wahrscheinlichkeit KEIN Kultplatz. Dazu sind die von Thomas Walli gemuteten Kraftlinien zu schwach.
  4. Eine Frage bleibt völlig offen: Weshalb nämlich am b’schriebenen Stein breite, in gelber Farbe aufgemalte Streifen sichtbar sind. Auch hier gehen die Vermutungen in verschiedene Richtungen. Eine Vermutung ist es, dass die Streifen aus dem Krieg stammen und alliierten Fallschirmspringern als Richtzeichen dienten. Gibt es jemand, der diese Frage beantworten kann? Auch in diesem Fall meine Bitte, die Antwort als Kommentar unter diesem Blogpost zu deponieren. Danke.

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