Es sind die vielen Stadtpaläste, die Innsbrucks Maria-Theresienstraße so attraktiv, ja geradezu ‘nobel’ machen. Mich haben diese prächtigen Häuser schon immer fasziniert, prägen sie doch das Bild unserer Innsbrucker Prachtstraße. Das Palais Lodron war für mich vor allem aus zwei Gründen interessant: einerseits das Rundmedaillon mit der ‘Mariahilf-Madonna’ im 2. Stock der Fassade. Und dann eine Kartusche mit einem Monogramm von zwei Buchstaben: W.G. Ich wollte wissen, was sie bedeuten.

Der Aufstieg der einstigen ‘Neustadt’ begann vor etwa 300 Jahren, als sich uralter, Südtiroler Adel hier niederließ. Um einerseits nah ‘bei Hofe’ zu sein und andererseits die eigene Wichtigkeit mit Pomp und Trara in unmittelbarer Nähe der Regenten unter Beweis stellen zu können. Das Palais Lodron ist ein gutes Beispiel dafür, wie soziale und architektonische Entwicklungen die heutige Maria-Theresienstraße geformt haben. 

Beamte entdecken die ‘Neustadt’

Im 16. Jahrhundert waren die Bauten in der damaligen ‘Neustadt’ zumeist in bürgerlichem Besitz. Von zusammenhängenden Häuserzeilen war weit und breit noch nichts zu sehen. Im 17. Jahrhundert waren es dann meist geadelte Beamte wie Regiments- und Kammersekretäre, Zeugamts- und Hofbauschreiber, Kanzelisten und Registratoren, die die ‚Neustadt‘ entdeckten. Denn die Altstadt platzte schon aus allen Nähten. Also mussten die Staatsdiener mit Häusern und Wohnungen außerhalb der einst von einer Stadtmauer umgebenen Altstadt vorlieb nehmen. Ein Haus nach dem anderen wurde von diesen Familien erworben und neu gestaltet. 

Die Neustadt zu Innsbruck

Lithografie der ‘Neustadt’ in Innsbruck Ende des 18. Jahrhunderts. Im Großen und Ganze hat sich das Bild nicht grundlegend geändert.

Auffällig ist, dass die Häuser in der Vorstadt oft ihre Besitzer wechselten. Die Bürger hafteten offenbar nicht wirklich am Eigentum und wechselten fortwährend und ohne wirklich triftigen Grund ihre Wohnstätten. Die Geschichte des Palais Lodron beginnt noch in jener Zeit, als Bürger hier wohnten. Damals stand an dieser Stelle (heute Maria-Theresienstraße Nr. 7) noch ein Doppelhaus. Die Häuser wurden erstmals 1601 urkundlich erwähnt. 1662 kaufte es ein erzherzoglicher Hof- und Feldtrompeter (!), 1698 ging es in den Besitz eines Hofmusikus über.

Als sich hier im beginnenden 18. Jahrhundert freiherrliche und gräfliche Familien einkauften, wurde aus der einst biederen Neustadt nach und nach eine repräsentative, der Stellung Innsbrucks mit seiner Hofburg angemessene Prachtstraße.

Die Creme de la Creme des Adels wohnte in der ‘Grafengasse’

Weshalb aber zog es diesen hohen Adel nach Innsbruck? Man drängte in die hohen Ämter oder einfach in die Nähe des Hofes. Zudem lagen die Hauptsitze des Hochadels meist in abgelegenen Gegenden, vor allem in Südtirol. Und um ‚am Ball zu bleiben’, zog es diese Familien nach Innsbruck, um vom Glanz des Hofes beschienen zu werden. So lasen sich die Häuserlisten und Feuerordnungen im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wie das Who-is-who des Barock: Fugger, Trautson, Schiller, Sarnthein, Spaur, Troyer, Künigl, Sternbach, Wolkenstein und Lodron. Die Vorstadt und nachmalige Maria-Theresienstraße wurde zur ‚Grafengasse‘.

Palais Lodron, Innsbruck

Das einstige Stadtpalais der renommierten Südtiroler Adelsfamilie Lodron.

Das Palais Lodron: Aus zwei mach eins

Graf Josef Nikolaus von Lodron war von altem Südtiroler, genauer: Trientiner Adel. Er kaufte 1744 beide Häuser und ließ sie bis zum Jahre 1749 vereinigen. Versehen mit einem geräumigen Treppenhaus und reichhaltigen Stukkaturen – man frönte dem Barock und schon dem Rokkoko auch in profanen Bauten – baute er es zu einem herrschaftlichen Palais aus. Es wurde im offiziellen Beamtendeutsch damals als „drei Stock hohe Behausung mit Hofstatt und Garten“ bezeichnet.

Seine einst bürgerliche Fassade kann das Palais Lodron heute noch nicht verleugnen: sie besteht aus zwei schmalen, bürgerlichen Dreifensterfronten, jede mit einem mittleren Erker. Interessant ist es, die ‚Naht‘ zu suchen, die der Rokkokobaumeister mit einem schönen Stuckmedaillon der Mariahilf-Madonna und allerlei Rokkoko-Details übertüncht hat. 

Nach dem Adel kommt der Geldadel

Palais Lodron, Innsbruck

Das Palais Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das Palais befand sich ein halbes Jahrhundert im Besitz jener von Lodron. Das war insofern ungewöhnlich, als sich viele Familien des Hochadels das teuere Leben mit Empfängen, musikalischen ‘Akademien’ und allerlei Jux und Tollerei ganz einfach nicht mehr leisten konnten. Und nach der bürgerlichen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts war’s dann aus mit lustig für viele Adelige. Auch die Lodrons mussten den Gürtel enger schnallen und verkauften das Palais. Jetzt bedienten sich bürgerliche ‚Neureiche‘, meist zu Geld gekommene Handelsfamilien, am Markt der prachtvollen Palais. 1869 schließlich kam das Palais Lodron in den Besitz von Franz Greil, dem Vater des legendären Innsbrucker Bürgermeisters Wilhelm Greil. Und das ist auch des Rätsels Lösung, was die Kartusche im 3. Stockwerk der Fassade des Palais anlangt. Denn das Monogramm mit den beiden Buchstaben W. G. ist jenes von Wilhelm Greil.

Palais Lodron

Ein Medaillon mit der Mariahilf-Madonna und eine Kartusche im dritten Stockwerk überdecken den baulichen Zusammenschluss von ursprünglich zwei Häusern an der heutigen Maria-Theresienstraße.

Heute beherbergt das Palais, das immer noch im Besitz der Familie Greil steht,  im Untergeschoss zahlreiche Geschäftsräumlichkeiten und im Garten – also nach einem Durchgang – auch noch die letzte ‚Taschnerei‘ der Stadt, wie ich sie in meinem Blog vom ‘letzten Mohikaner der Theresienstraße’ beschrieben habe. Eine überaus ‚standesgemäße‘ Adresse für ein sehr altes und nobles Handwerk.