Tief verwurzelte Tiroler Tradition

Sellrain, 1. Mai: Vor mir steht ein 25 Meter hoher Baumstamm mit einem Kranz geschmückt, drei Herren mit Ziehharmonika, Trompete und Bassgitarre spielen Tiroler Volksmusik, Schuhplattler in Lederhosen bereiten sich auf ihren Auftritt vor, Kellnerinnen in Dirndln (=Trachtenkleidern) servieren goldbraune Schnitzel und kühles Bier. Ich bin am Maibaumfest im Ortsteil Ausserzehent einer Gemeinde im Sellraintal bei Innsbruck.

Schutz und Segen

„Der Ursprung des Maibaumfestes liegt im Mittelalter“, erklärt mir Alexander Haider, Mitglied der Feuerwehr und der Schützen in Ausserzehent, die das Maibaumfest organisieren. „Früher glaubte man noch an Hexen und hatte Angst vor ihnen. In der Walpurgisnacht wird daher der Maibaum als Schutz und zum Segen für die Gemeinde und eine gute Ernte aufgestellt.“ Die Walpurgisnacht oder das Hexenbrennen ist das Fest der Hexen am 30. April, an dem die Damen auf Besen oder Mistgabeln herbeifliegen und sich mit ihrem Herren und Meister, dem Teufel, treffen.

Anschneiden (=Maibaumstehlen)

„In Aussezerhent wurde der Maibaum noch nie gestohlen“, ist Alexander stolz. Wird ein Baum, von den Männern der Nachbarsgemeinde angeschnitten, dann gilt er als gestohlen; das war´s dann mit dem Segen. „Aber den Baum in Oberperfuss haben wir schon mal erwischt“, grinst er übers ganze Gesicht. Die Bestohlenen werden dann vorgeführt und verspottet. Damit das nicht passiert, halten ein paar starke Männer die sogenannte Maibaumwache in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Alexander sieht ein wenig verschlafen aus.

Tiroler Schützen

Früher haben sie als eine Art Heer das Land Tirol verteidigt. „Heute sind sie der Traditionsverein Nummer 1 in jedem Dorf. Es geht um das Soziale, um Glaube und Heimat. Sie organisieren das Dorfschießen, Prozessionen plus dazugehörige Feste und natürlich das Maibaumfest.“ Alexander ist Jungschützenbetreuer. Er wurde sehr ernst, als er von den Schützen erzählte; sie und das Maibaumfest sind ihm sehr wichtig.

Festkultur

Wir Tiroler sind gesellig und lieben unser Brauchtum: „Sozialer Zusammenhalt ist im Dorf sehr wichtig und spiegelt sich in den Festen wieder,“ sagt Alexander und zählt gleich ein paar auf: „ Wir organisieren Teufelsumzüge, Prozessionen, Feuerwehrfeiern, Schuhblattlerfeste, Frühschoppen, Musikfeste, Platzkonzerte, Sportevents, Sommernachtsfeste der Jungbauern , Almabtriebe oder Stammgästewochen.“

Klettern Maibaum

Alex versucht sich im Klettern, die Herren sorgen für Stimmung!

Am Land scheint die Welt noch in Ordnung: Hier kennt man einander besser als in der Anonymität der Stadt und legt viel Wert aufs Miteinander. Feiern gehören zur Dorfkultur wie der Adler zu Tirol. Das Maibaumfest beginnt übrigens bereits am Vorabend mit einem Umtrunk für Nachtschwärmer. Ums Soziale geht’s…

Stolz und Tradition

Tradition und Tirol gehören zusammen wie Bayern und BMW und wir sind stolz: „Wir freuen uns, wenn der Maibaum nach der Wache noch steht. Wir sind stolz auf unsere Heimat und Tradition, das sind Bräuche, bei denen ich mich wohlfühle.“ Plötzlich schaltet sich der Tischnachbar der Bierbank ein, auf der wir sitzen: „Es geht um das Gemeinschaftsgefühl.“ Alexander stimmt zu.

Ausserzehent Maibaumfest

Es knistert beim Schuplattler am Maibaumfest in Ausserzehent.

 

Maibaumfest in Ausserzehent

Es knistert noch viel mehr beim Schuplattler am Maibaumfest in Ausserzehent.

Must-see Maibaumfest

Am 1. Mai des nächsten Jahres ist es wieder so weit: Der Maibaum schmückt die Feriendörfer um Innsbruck. Wer Teil der Tiroler Tradition werden will, der möge sich in das Fest schmeißen: „Eigentlich ist es für Einheimische, Gäste sind aber sehr willkommen“, sagt Alexander. Mit anderen Worten: Das Fest ist nicht nur ein Tiroler Abend, der ein wenig Einblick in die Kultur des Landes bieten sollte. Die Tiroler leben und lieben das Maibaumfest, es ist ihnen wichtig, es gehört zu ihrer Kultur: es ist ehrlich und echt!

 

Maibaum in Ausserzehent

Da steht er, hoffentlich auch nächstes Jahr wieder!