Endlich. Ein Buch – oder ist es doch ein Reiseführer? – widmet sich den kleinen, versteckten Perlen Tirols und insbesonders Innsbrucks: „111 Orte in Tirol die man gesehen haben muss“. Susanne Gurschler hat wundervolle Kleinode, besondere Sehenswürdigkeiten und exquisite Glanzstücke weitab ausgelatschter touristischer Trampelpfade gefunden und beschrieben.

Gleich vorneweg: ich finde das Buch fantastisch. Nicht etwa, weil die Autorin eine Kollegin im Innsbruck-Blog-Team ist. Nein. Da hat jemand endlich jene kleinen, teils wundersamen Dinge zusammengetragen, die Tirol so liebenswürdig, so vielschichtig und so spannend machen. Für mich ist damit ein großer Teil jener Lücke geschlossen worden, die ich als ‚die versteckten Schätze Tirols‘ bezeichne. Eine bislang schmerzhalfte Lücke, die von den Tirol-Werbern bis heute nicht erkannt worden ist.

Ein Aussichtspunkt der Extraklasse: der Kanaldeckel vor dem Goldenen Dachl

Ein Aussichtspunkt der Extraklasse: Susanne Gurschler und der Kanaldeckel vor dem Goldenen Dachl

Ein Beispiel. Über eine Behauptung, ein Kanaldeckel in Innsbrucks Altstadt würde horizonterweiternd wirken, hätte ich bis vor kurzem noch lauthals gelacht. Ich tu’s nicht mehr. Denn von einem dieser Kanaldeckel aus sieht man durch die Häuserschlucht der Altstadt und der Maria Theresienstraße genau auf die Bergisel-Schanze der viel zu früh verstorbenen Zaha Hadid. Und nur von hier aus. Das ist nur einer jener ausgefallenen 111 Orte, die Susanne Gurschler als Autorin des Buches mit viel Liebe vorstellt und beschreibt.

Ein anderes Beispiel: das Lechle-Haus am Franziskanerplatz. Eben erst renoviert, stieß man bei den Bauarbeiten auf archäologische Besonderheiten. Im Keller des Hauses wurden nicht nur Teile der Stadtmauer freigelegt, auch die Reste eines Zwingers kamen zum Vorschein. Als wäre die Überraschung nicht schon gelungen legten Fachleute zwischen dem Erdgeschoss und dem ersten Stock romanische Deckenbalken frei. Untersuchungen auf der Basis der Jahresringe (Dendrochronologie) ergaben, dass das Holz für diese Balken im Winter 1298/1299 geschlagen worden war. Damit ist das Lechle-Haus bisher das älteste seiner Art in der Altstadt.

Das Lechlehaus birgt ein altes Geheimnis.

Das Lechlehaus birgt ein Geheimnis. Man mag es kaum glauben: das Haus ist saualt.

Vielleicht war es für Susanne Gurschler ein Vorteil, nicht in Nordtirol aufgewachsen zu sein. Die gebürtige Südtirolerin (Gurschler – Schnalstal. No-na bei dem Namen…) sieht – wie viele andere ‚Zuagroastn‘ das Land nördlich des Brenners mit etwas anderen, vielleicht sogar neugierigeren Augen. Überrascht bin ich dennoch über ihren Lieblingsplatz in Tirol. „Das Hafelekar“, sagt sie ohne zu zögern. „Der Tummelplatz der Touristen?“ werfe ich ein. Ja, sagt sie, dort sehe man die ganze Schönheit Tirols und sei dem Universum nah.

Am Hafelekar ist man dem Universum nah. Das ist quasi amtlich.

Am Hafelekar ist man dem Universum nah. Das ist quasi amtlich.

Ohne Hafelekar kein Nobelpreis

Dem Himmel ist man auf Tirols Bergspitzen ja immer nah. Aber gleich dem Universum? Jetzt erzählt sie eine jener kleinen, wundervollen Geschichten, die ihr Buch so unverwechselbar machen. Denn auf dem Hafelekar befindet sich ein „Höhenstrahlungsobseratorium der Uni Innsbruck“ zur Beobachtung kosmischer Strahlung. Das einzige seiner Art in Österreich. „Victor Franz Hess hatte diese Forschungsstation quasi zur Bedingung gemacht, dass er den Ruf an die Uni Innsbruck annahm“, schreibt Susanne Gurschler. Und die Beobachtung kosmischer Strahlungen brachte ihm dann 1936 prompt den Nobelpreis für Physik ein.

Selbst die Flüsterpropaganda am Flüsterbogen in Innsbruck kommt nicht umhin zu bestätigen: die 111 Orte sind absolut lesenswert.

Selbst die Flüsterpropaganda am Flüsterbogen in Innsbruck kommt nicht umhin zu bestätigen: die 111 Orte sind absolut lesenswert. Das hört die Autorin Susanne Gurschler gerne.

Ein Buch für neugierige Innsbrucker und neugierige Gäste

Ich mache hier und auch auf meinen privaten Blogs normalerweise keine Werbung. Für exquisite Produkte mit einem beträchtlichen Informations-Mehrwert tu ich’s gerne. Ich meine: Obwohl es über Tirol und Innsbruck jede Menge Fremdenführer in gedruckter Form gibt sollten die „111 Orte…“ in keinem Beherbergungsbetrieb fehlen. Sie sind die geistreiche Ergänzung zu den touristischen ‚Platzhirschen‘ wie Altstadt, Goldenes Dachl und Nordkette.

Das Buch: 111 Orte in Tirol, die man gesehen haben muss. Mit zahlreichen Fotografien; Broschur 13,5 x 20,5 cm; 240 Seiten; ISBN 978-3-95451-834-0; Euro 16,95 [D] , 17,50 [AT]

Die Autorin: Susanne Gurschler ist seit fast 20 Jahren als freie Journalistin und Autorin in Innsbruck tätig. Ihre Spezialität sind Kunst und Kultur, Regionalgeschichte und Architektur, Tourismus und Kulinarik. Die Germanistin schreibt Beiträge für Magazine, für Sammelbände, Jahrbücher und Kataloge.