Es ist schon einige Jahre her, da entdeckte Roland Sila, Leiter der Bibliothek des Ferdinandeums, ein Fotoalbum auf eBay. Es dokumentierte eine Reise, die drei Menschen im Jahr 1912 von München durch Tirol geführt hatte. Der Leiter der Ferdinandeumsbibliothek kaufte das Album für die Bibliothek. Dort schlummerte es, bis es zum zentralen Objekt der aktuellen Ausstellung „Verena Roßbacher: Das Fotoalbum. Bilder einer Reise, literarisch betrachtet“ wurde. Gezeigt wird sie im Rahmen der Reihe INN SITU im BTV Stadtforum. Ergänzt um eine literarische Spurensuche und eine kleine historische Ausstellung rund ums Reisen zur damaligen Zeit.

Ausstellung: Verena Roßbacher. Das Fotoalbum. Bilder einer Reise, literarisch betrachtet, BTV Stadtforum

Bilder einer Reise

Hans-Joachim Gogl, Leiter des BTV Stadtforums, engagierte die Schriftstellerin Verena Roßbacher den rund 60 Bildern eine Geschichte anzuschreiben. Acht Tage waren die unbekannten Protagonisten – eine Frau, zwei Männer – 1912 mit einem Automobil unterwegs gewesen. Sie hatten unter anderem in Kufstein, Innsbruck und Zirl Rast und Fotos gemacht. Zehn Jahre später gestaltete ein Buchbinder ein Album mit den Bildern. Einer der Protagonisten schenkte es seiner Frau und zur Erinnerung an diese erste gemeinsame Urlaubsreise. Eine Reise, gar mit dem eigenen Automobil, war damals eine ziemlich luxuriöse Sache. Und auch einen Fotoapparat konnten sich nur gut situierte Menschen leisten.

Die Urlaubsreise führte die Teilnehmenden von München durch Städte, Orte und Landschaften Tirols.

Literarisch betrachtet

Ein Roadtrip also zu Beginn der Amateurfotografie, des Individualtourismus und des automobilen Reisens. Über die drei Protagonisten, die Hintergründe der Reise, die Wahl der Reiseroute, der Bildmotive – über all das gibt das Album keine Auskunft. Womit viel Freiraum für eine imaginierte Geschichte, eine literarische Auseinandersetzung entsteht.

Wer die drei Reisenden sind, verrät uns das Fotoalbum nicht.

Diese Aufgabe übernahm die Schriftstellerin Verena Roßbacher. Die gebürtige Vorarlbergerin lebt in Berlin und lehrt Kreatives Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Die Erzählung, die sie um die Album-Bilder webt, ist pointenreich, erfrischend, voller witziger Wendungen. Ein wunderbarer Hörgenuss, der einem als literarischer Roadmovie in der Ausstellung „Verena Roßbacher: Das Fotoalbum. Bilder einer Reise, literarisch betrachtet“ geboten wird.

Die historischen Fotografien mögen für unsere heutigen Sehgewohnheiten unspektakulär, ja geradezu sperrig wirken. Roßbacher gelingt es spielerisch, Verbindungen zur Generation Instagram herzustellen. Sie verändert den Blick der Besucher auf die ausgestellten Bilder. Mehr noch, sie motiviert die Besucher, die Geschichte weiterzubauen,  eigene Geschichten zu diesem Album zu erfinden.

Eine kleine Ausstellung rund um das Reisen in jener Zeit ergänzt die Präsentation der Fotografien.

Das Fotoalbum

Gleichzeitig wird diese literarische Reise durch das Fotoalbum in eine kurze Geschichte des Reisens zur damaligen Zeit eingebettet. Die Schau ist gestaltet mit Objekten aus der Ferdinandeumsbibliothek. So erfahren wir unter anderem, was Reisen um 1912 kostete, welche Reiseführer es gab, welche Routen Touristen besonders gerne nutzten und welche Motive besonders gefragt waren. „Verena Roßbacher: Das Fotoalbum. Bilder einer Reise, literarisch betrachtet“ ist eine reizvolle Ausstellung, die Leerstellen in der dokumentarischen Überlieferung künstlerisch füllt und uns eine faszinierende Interpretation dieses anonymen Fotoalbums zeigt.

Historische Ansicht Innsbrucks im Rahmen von „Verena Roßbacher: Das Fotoalbum. Bilder einer Reise, literarisch betrachtet“

Ausstellung: Verena Roßbacher: Das Fotoalbum. Bilder einer Reise, literarisch betrachtet
Bis 22. Jänner 2022

INN SITU Galerie im BTV Stadtforum
Stadtforum 1
6020 Innsbruck
Öffnungszeiten: MO–FR 11.00 bis 18.00 Uhr, SA 11.00 bis 15.00 Uhr
Eintritt frei

Weitere Informationen unter www.innsitu.at
Auf der Veranstalter-Website finden Sie auch die aktuellen Covid-Sicherheitsbestimmungen

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler