Freiheit der Kunst und Freiheit des Körpers

Es riecht nach alt, nicht muffig, sondern nach Jugendstil oder Art Deco – sehr nobel, gediegen, altehrwürdig. Die Sauna in der Salurner Straße 6 war früher eine Waschanstalt; heute ist sie die edelste Sauna, die Innsbruck bietet und steht daher unter Denkmalschutz. Die Einheimischen nennen sie das Dampfbad.

SaunaHOCHKultur

Das Innsbrucker Dampfbad ist keine moderne Wellnessoase, die versucht, etwas zu sein, das sie sowieso nicht schafft. Das tun irgendwelche drittklassigen Saunawelten mit Nachbildungen griechischer Figuren in Tiroler Fichte. Sie wollen Wellnesstempel sein und sind dabei nur pseudomodern – nicht mehr als kitschiger Raum mit heißen Kammern. Unser Dampfbad versucht nichts zu sein; es ist was es ist – altehrwürdig, schön und mit Geschichte. Ein Ort, an dem sich Menschen etwas Gutes tun: Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich sie noch. Tiroler des 19. Jahrhunderts, die kamen, um sich zu waschen. Gäste von heute kommen, um sich zu entspannen.

Sich treiben lassen, sich geborgen fühlen; wie im Bauch meiner Mutter fühlt es sich im runden Basen. Foto IKB.

Sich treiben lassen, sich geborgen fühlen; wie im Bauch meiner Mutter fühlt es sich im runden Bassin an. Foto IKB.

SaunaUNkutur

Die etwas rustikalen Saunarunden gibt es auch hier. Wo nicht? Eingeschweißte Geheimrunden, Fremden gegenüber mürrisch, herrisch und manchmal laut. Das gehört halt dazu. Gleich wie jene, die meinen, sie können gepflegt aufgießen; dabei verstehen sie davon so viel, wie ein Wasserkocher vom Skifahren. Entweder nehmen sie zu viel Duftöl, Wasser oder wachteln (Luft herunterschlagen) nur für die erste Reihe. Aber auch das scheint hier sehr liebenswert und kabarettistisch. Lehnt euch zurück und sehet das echte Tirol.

Links eine Saunakammer, in der Mitte eine Eisschale. Foto: IKB

Links eine Saunakammer, in der Mitte eine Eisschale: stark die Farben, elegant die Formen, sinnlich die Themen, kostbar die Materialien. Foto: IKB

Ich staune jedes Mal erneut über die Details aus vergangenen Zeiten: alte Duschköpfe, Wasserhähne, Lampen, Fließen in wunderschönstem Türkis und Ultramarin, in deren Tiefe versinke. Foto: Vil Joda

Ich staune jedes Mal erneut über die Details aus vergangenen Zeiten: alte Duschköpfe, Wasserhähne, Lampen, Fliesen in wunderschönstem Türkis und Ultramarin, in deren Tiefe ich versinke. Foto: Vil Joda

StilKunde

Das Dampfbad wurde 1926/27 nach den Plänen von Städteplaner und Baudirektor von Innsbruck Friedrich Konzert errichtet. Davor, seit 1822, war es die Nicoltische Badeanstalt mit Schwimmbecken. In einem einheitlich durchgehenden Stil ist das Bauwerk gestaltet. Je nach Quelle wird es dem Jugendstil oder dem Art Deco zugeordnet, was irgendwie beides passt:

  • Florale Elemente und nackte Frauen/Männer des Jugendstils in den Fenstern und Ornamenten.
  • Kein eindeutiges Stilmerkmal oder eine stilbildende Anschauung.
  • Aber elegante Formen, kostbare Materialien, starke Farben und sinnliche Themen.
  • Alles scheint aufgeräumt, klar und sachlich – eben Art Deco.

 

ZeitGeist

Mit Jugendstil und Art Deco verbindet man jedenfalls Freiheit und Aufbruch – auch im Design und dem Gefühl, welches beim Betrachter entsteht. Kunst hatte damals in einem engen Korsett des Historismus zu funktionieren. Geschmeckt hat dies den Vertretern des Jugendstils gar nicht und die Stile wie Neogotik und Neobarock waren out. Der neue Stil strebte nun nach Freiheit der Kunst in einem neuen, blumigen, aufgeräumten und klaren Design. Das Ambiente im Dampfbad ist Spiegelbild des Strebens nach Freiheit oder Ordnung und erzeugt ein beruhigendes Gefühl: Neben wunderbaren Duftölen steigt mir auch ein wenig liberale Luft in die Nase. Hier bin ich frei, so wie Gott mich schuf – nackt und keinen interessiert´s.

Die Kasse des Eingangs im berühmten Kramsacher Marmor. Foto: Vil Joda

Die Kasse des Eingangs im berühmten Kramsacher Marmor. Foto: Vil Joda

Freiheit lebten auch meine Models und sprangen ins kalte Wasser. Foto: Vil Joda

Freiheit lebten auch meine Models und sprangen ins kalte Wasser. Foto: Vil Joda

 

ZeitGeist “Generation Y”

Seit langem verweigert das Dampfbad jede Veränderung und trotzt gelassen dem heutigen Zeitgeist des “höher, schneller, weiter”. Gut gemacht! Damit passt es in einen entstehenden Zeitgeist, den die „Generation Y“ aktuell mitbestimmt: Sinnsuche und Entschleunigung heißt es nun; alles ein wenig ruhiger, langsamer, entspannter. Ohne sich zu verändern, entspricht das Dampfbad damit wieder einem Zeitgeist, abseits von Konsumismus und einer bedingungslosen “Wachstums-oder-Tod-Ideologie”. Es sind nicht nur mehr Ökos, Eskapisten oder Urlauber, die es anderes haben wollen, sondern auch die jungen “Normalen”.

Hier übrigens der Beweis: Im Jahre 1928 sah es fast gleich aus wie heute:

 

Direkt hinter dem Warmwasserbasen befanden sich die Schwitzkammern. Foto: Stadtarchiv Innsbruck

Direkt hinter dem Warmwasserbassin befanden sich die Schwitzkammern. Foto: Stadtarchiv Innsbruck

SaunaSinn

Saunieren ist eine Lebenseinstellung, die hier zelebriert wird – fast schon ein Glaube. Hektik und Alltag, wo seid ihr? Nicht im Dampfbad, nicht im Innsbrucker Refugium! Die Leute lächeln hier zufrieden, keiner hat es eilig, jeder hat Muße zur Erholung und ist besonnen. Langsam schlendern sie die alte Holztreppe herunter, duschen, schwitzen beim Aufguss, steigen ins kalte Wasser und lassen sich im warmen Wasser des runden Bassins treiben. So geborgen, ruhig und schön war es wohl im Bauch meiner Mutter. Dann im Ruheraum ein wenig dösen und das Leben ist wieder gut. Es sind die aneinandergereihten Rituale, welche die Sauna spirituell sowie heilig machen und tieferen Sinn stiften. Das Dampfbad ist ein besonderer Zufluchtsort.

Dampfkammer Dampfbad Salurnerstraße

Die Dampfkammer des Dampfbades in weißem Marmor. Foto: Vil Joda

BäderKultur

Das Dampfbad gilt als bedeutendstes Gebäude des 20. Jahrhunderts und ist der Höhepunkt der Bäderarchitektur in Innsbruck. Für mich ist es ein Schatz mit Dokumentarcharakter, ist denkmalgeschützt und unterliegt daher dem öffentlichen Interesse: Jeder soll es sehen dürfen. Mit anderen Jugendstilbädern kann es sich durchaus messen, von denen es in Europa nicht viele gibt. So z.B. das Amalienbad in Wien, das Müller`sche Volksbad in München oder das Gellert Bad in Budapest. In unserer kleinen Stadt hatten und haben wir ein positives Architekturklima für Bäder, von denen Fritz Konzert gleich drei errichtet hat:

  • Volksbad (1913/1914), Badgasse 2 in der Altstadt (heute: Stadtarchiv)
  • Dampfbad (1926/27), in der Salurnerstraße 6 (früher: Bade- und Waschanstalt (1882) am Sillkanal mit Schwimmhalle von Constantin Nicoltis
  • Schwimmbad (1928), Amrasser Straße 3
Warmwasserbasen Dampfbad Salurnerstraße

Sinnsuche und Entschleunigung findet ihr hier: ruhiger, langsamer, entspannter. Foto: Vil Joda

Gepflegte Einladung

Stressgeplagte, Eskapisten und Freunde des Stilvollen gehen gerne ins Dampfbad. Es sind Menschen, die Glück, Leichtigkeit und Entspannung wollen. Sie suchen ihren Sinn in ein wenig Ruhe, der Freiheit VON Sachzwängen eines hektischen Alltags und der Freiheit ZUM Ausstieg auf Zeit. Daher lade ich euch ein: Gönnt euch auch ein wenig Freiheit, sie tut einfach gut. Und kommt mir jetzt bitte nicht mit der Ausrede, ihr würdet euch so schämen – nackt sind wir sowieso alle gleich. Also: Dampfbad. Sauna. Jugendstil. Punkt.

 

Details:

  • zwei finnische Saunakammern
  • Eukalyptuskammer
  • Dampfkammer
  • Kneippbecken
  • Warmwasserbassin
  • Kaltwasserbecken
  • Frischlufthof mit 3D-Dusche
  • zwei Ruheräume
  • Wasserbetten
  • Feuerstelle
  • zwei Infrarotkabinen
  • Buffet
  • Massage

 

Koordinaten:

Dampfbad Salurnerstraße
Salurnerstraße 6
A – 6020 Innsbruck
Tel. +43 512 502 5696
E. andrea.komann@ikb.at
Kundencenter. 0800-500-502
E. kundenservice@ikb.at