Beinahe hätte ich den Fotoapparat vergessen, also schnell noch mal zurück und rein damit in die Tasche. Wie passend, denk ich, bin ich doch auf dem Weg zur Ausstellung „Vergessen. Fragmente der Erinnerung“, die derzeit im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum läuft.

Erinnern und vergessen, die beiden gehören zusammen. Ein komplexes Thema – und ein äußerst aktuelles.

Teardrop – im Gehen, mit jeder Bewegung das Umfeld verändern; Installation Architektur-Studierender bei der Ausstellung „Vergessen. Fragmente der Erinnerung”

Einige Beispiele: Im digitalen Zeitalter muss das Recht auf Vergessen eingeklagt werden, weil im World Wide Web nichts vergessen wird. Krankheiten wie Demenz oder Alzheimer, rücken das Vergessen in die Mitte unserer Gesellschaft. Museen sind Orte des Erinnerns (Bewahrens) und Vergessens: Welche Kunst wird gesammelt, welche nicht? Welche wird gezeigt, welche nicht? – Von Bibliotheken noch nicht gesprochen.

Nicht vergessen!

Wir alle erinnern uns nur fragmentarisch, sagt Ausstellungskurator Roland Sila. Unser Gehirn filtert die Millionen Sinneseindrücke, die sekündlich (!) auf uns einprasseln. Es rettet uns damit vor einer immensen Informationsflut und vor totaler Überforderung. Vergessen hat also durchaus positive Seiten. Nur damit wir das nicht vergessen!

Rund 9.000 Archivschachteln bilden den architektonischen Rahmen der Ausstellung – Ausstellungsgestaltung: Rupert Maleczek

Bevor es in die Ausstellung und zu den Facetten des Vergessens bzw. Erinnerns geht, durchschreite ich einen Raum, in dem meine Körperbewegungen sich im Digitalen abbilden und mit weiteren Bewegungen verändert, überschrieben, gelöscht werden. „Teardrop“ heißt die Installation, die Studierende am Instituts für Konstruktion und Gestaltung I.SD_Structure and Design der Innsbrucker Architekturfakultät entwickelt haben.

Franz Wassermann, Temporäres Denkmal, 2004/2005; der Künstler schlug vor, Tafeln mit Namen und Fotos der Opfer der NS-Euthanasie in Hall an Bäumen anzubringen. Das Projekt wurde nicht realisiert.

Wir hinterlassen ständig Spuren, digital und analog. Und auch wenn sie uns zuweilen als permanent erscheinen, verändern sie sich, verschwinden. Mit meinen Bewegungen im Raum erzeuge ich Spuren, verändere Formen, die sich verändern. Teardrop – eine sinnliche Arbeit, um einen spielerisch auf das Kommende einzustimmen.

Textplakate

Aus der „Offizin S.“ von Siegfried Höllrigl in Meran stammen die 26 Textplakate, die den Besucher beim Rundgang durch die Ausstellung begleiten. Denkanstöße von bekannten Schriftstellern wie Ilse Aichinger, Erich Fried, Arthur Schopenhauer oder Joseph Zoderer. „Wo zu reden wäre, wird nun lauthals geschwiegen. Wo zu schweigen wäre, wächst und wuchert Geschwätz“ von Martha Lanz notiere ich mir zum Beispiel. Und den Titel eines Gedichts von Sabine Gruber: „Zu Ende gebaut ist nie“.

Kein Archiv

Manche der präsentierten Kunstwerke, schieben sich ins Blickfeld, Christian Boltanskis „La réserve des Suisses morts“ etwa. Die 1989 entstandene Installation besteht aus lauter Blechschachteln, auf denen Porträtfotos prangen. Der Künstler erstellt damit ein Archiv, das eigentlich keines ist: die Boxen sind leer. Die Fotos entstammen Todesanzeigen, Zusammenhänge bleiben ausgespart – die Lücken stehen im Zentrum.

Christian Boltanski, La réserve des Suisses morts, 1989 – Der Künstler erstellt ein Archiv, das eigentlich keines ist.

Andere Objekte sind so zurückhaltend, dass man sie beinahe übersieht, so etwa die Arbeit von Heidrun Sandbichler. Der Boden einer Vitrine ist mit Tinte gefüllt. Es lohnt sich, länger auszuharren und den dunklen Grund zu betrachten. Erinnerung fordert Aufmerksamkeit.
Besonders eindrücklich der ungeöffnete Brief eines Soldaten aus dem Jahr 1944 – ein Zufallsfund in der Bibliothek des Ferdinandeums. Was da wohl drinnen steht? – Wir werden es nicht erfahren.

Zur Ordnung

Wieder andere Kunstwerke animieren zur Interaktion. Der Vintage-Schrank „Memory“ von Hannes Egger zum Beispiel zieht mich magisch an. Der Kleiderkasten ist mit Stuhl und Aufnahmegerät ausgerüstet und lädt einen ein, sich niederzulassen, die Tür zu schließen, das Mikro heranzuziehen und einige Fragen zu beantworten.

Sammeln und Archivieren – Bibliotheken und Archive spielen eine wichtige Rolle beim Erinnern. Was nicht gesammelt wird, fällt dem Vergessen anheim.

Die Ausstellung bietet ein anregendes Wechselspiel zwischen Beschäftigung mit dem eigenen Erinnern und Vergessen und übergeordneten Themen wie etwa Archivieren und Kanonisieren. Archivregale mit Kisten, Büchern, Ordnern wecken die Neugierde, das Verlangen, darin zu stöbern, vielleicht die Ordnung aufzulösen. Gibt es überhaupt eine?

Der Südtiroler Künstler Hannes Egger lädt dazu ein, Fragen zu beantworten und Teil eines kollektiven Gedächtnisses zu werden.

Früher, so ist in „Vergessen. Fragmente der Erinnerung“ zu erfahren, gab es in Bibliotheken „Giftschränke“. Sie enthielten verbotene Bücher. In der Bibliothek des Ferdinandeums – ich kann mich noch gut daran erinnern! – hing früher ein Schild „Nur für Mitglieder“, der Wissensspeicher war also nicht für alle zugänglich.

Nie Gebautes

Richtig nostalgisch könnte man werden angesichts der Objekte, die in Vergessenheit geraten, weil sie nicht mehr gebraucht werden, weil sie keine Funktion mehr haben oder durch neue Technologien überholt wurden – wie etwa das gute alte Telefonbuch. Früher war es in jedem Haushalt zu finden. Spannend auch die Frage: Was passiert eigentlich mit nie Gebautem, mit Plänen, die nur auf Papier existieren?

Mit dem Tablet bewaffnet, ein virtuelles Portal durchschreiten – digitale Installation Studierender der Fakultät für Architektur, Istitut für Gestaltung / I.SD_Structure and Design

Welche Bedeutung haben diese etwa für die Architekturgeschichte? Hier laden Studierende der Architekturfakultät wieder ein, mit Hilfe eines Tablets eigene virtuelle Objekte in den virtuellen Raum zu bauen. Sehr aufregend, die Formen übereinander und nebeneinander zu schieben, Monumente zu schaffen.

Neben Objekten, die dem Vergessen anheim fallen, weil es keine Verwendung mehr für sie gibt, verschwinden auch Wörter aus unserer Erinnerung.

Gefragt sind in der Ausstellung ebenso vergessene Wörter, vergessene Flurnamen – bis zu guter Letzt natürlich das Digitale im Raum steht. Von den ersten Computern geht es volée in einen virtuellen Raum, wieder eine Arbeit der Studierenden, in dem man sich verlieren könnte.

Interaktiv

„Vergessen. Fragmente der Erinnerung“ ist eine vielschichtige, durchaus fordernde Ausstellung, die wichtige Aspekte des Erinnerns und Vergessens anspricht. Die verschiedenen interaktiven Angebote, laden den Besucher ein, sich auch spielerisch mit dem Thema – mit seinen eigenen Erfahrungen und Eindrücken – auseinanderzusetzen. Eine Ausstellung, die ich nicht so rasch vergessen werde. Und gerne empfehle.

Bau dein eigenes virtuelles Monument – digitale Installation Studierender der Fakultät für Architektur, Istitut für Gestaltung / I.SD_Structure and Design

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm und ein Katalogbuch mit wissenschaftlichen, vertiefenden Beiträgen zu einzelnen Themen.

 

Vergessen. Fragmente der Erinnerung
bis 8. März 2020
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstraße 15
6020 Innsbruck
Tel. +43 512 594890
Öffnungszeiten: Di–So, 9:00–17:00 Uhr
Tel. +43 512 59489-180
Kontakt für Gruppenführungen: DW -111 oder anmeldung@tiroler-landesmuseen.at bzw. besucherservice@tiroler-landesmuseen.at
www.tiroler-landesmuseen.at

Unter innsbruck.info finden sich die Adressen der Museen und Ausstellungshäuser in Innsbruck und Umgebung.

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler