Die Erschließung der Berge

Nach der kleinen Karwendeldurchschreitung (von Scharnitz nach Stans) und einer schönen Goetheweg-Wanderung (inklusive Fahrt mit den Nordkettenbahnen) im Jahr 2017 bin ich ein großer Fan des Karwendelgebirges. Der Naturpark Karwendel ist mit 90 Jahren übrigens Tirols ältester und Österreichs größter Naturpark. Ein wichtiger Teil dieses Gebirges, die Nordkette, ist zweifellos eine der beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten Innsbrucks. Diese Berge immer vor Augen, kann ich den Wunsch der Bewohner, die Nordkette zu erklimmen und zu erschließen, gut nachvollziehen.

EIN ERSTER SCHRITT ZUR HUNGERBURG

Mit dem Bau der Hungerburgbahn wurde bereits 1906 (!!) ein wichtiger erster Schritt gesetzt. Ich finde es unglaublich spannend, dass damit die Hungerburgterrasse oder „Hoch-Innsbruck“ mittels Standseilbahn erschlossen wurde, noch bevor die Höhenstraße dorthin ausgebaut wurde – diese folgte erst 1930. Tatsächlich wurde diese Bahn von der Rotunde am Innufer aus auf private Initiative des Tourismuspioniers Sebastian Kandler und des Bauunternehmers Josef Riehl hin gebaut. Parallel gab es Pläne, eine Seilbahn weiter in das alpine Gelände der Nordkette hinaufzubauen. Der erste Weltkrieg legte diese Ideen vorerst auf Eis.

ALPIN-URBANE VISIONEN

In den 1920er-Jahren, als sich Land, Leute und Wirtschaft von den Kriegskatastrophen erholt hatten, technischer und wissenschaftlicher Fortschritt Einzug hielt, begann ein goldenes Zeitalter. In Innsbruck wurde die Vision der Erschließung der Gipfel mit einer Seilbahn wieder aufgegriffen – übrigens zeitgleich an der Nordkette und am Patscherkofel.

Im Norden der Stadt wollte man eine Bahn auf das Hafelekar und suchte nach einer passenden Trasse. Dafür gab es verschiedene Vorschläge. Außerdem galt es, die geologischen Gegebenheiten und Gefahrenzonen durch Lawinen zu berücksichtigen. Man entschied sich, die Seilbahn von der Hungerburg aus zu führen. Technisch wäre es möglich gewesen, eine Seilbahn direkt bis zum Hafelekar zu bauen. Doch man wollte dem aufkommenden Alpintourismus gerecht werden und ein Restaurant mit Hotel auf der Seegrube schaffen. So entstanden zwei Seilbahnen: die Seegrubenbahn von der Hungerburg zur Seegrube und die Hafelekarbahn von der Seegrube zum Hafelekar.

Pionierleistungen für die Nordkettenbahnen

Innsbrucker Nordkettenbahnen

Pinzgauer Träger beim Aufstieg auf die Seegrube 1927. (Stadtarchiv Innsbruck, Scan aus „Stadtflucht 10 m/sec“)

1927 begann der Bau der Nordkettenbahnen. Der Materialtransport war eine große Herausforderung und wurde vor allem von Trägern aus dem Pinzgau bewältigt. Die Männer schleppten rund je 70–80 kg Material zu Fuß den Berg hinauf – und das zweimal am Tag. Zehn Männer schafften so eine Förderleistung von fast eineinhalb Tonnen pro Tag. Wer auf der Nordkette schon einmal unterwegs war, weiß, wie steil es dort ist. Für mich ist diese Leistung daher einfach nur atemberaubend!

Junge Burschen aus der Umgebung verdienten sich ein kleines Taschengeld, indem sie die Träger begleiteten und mit Trinkwasser und Jausen versorgten. Die Pausen mussten im Stehen erfolgen, wegen der Lasten am Rücken konnten sich die Männer nicht hinsetzen.
Weitere Materialtransporte erfolgten per Hilfsseilbahn und sogar Fallschirm, wobei man allerdings Materialbruch in Kauf nehmen musste.

 

Alpinarchitektur im Stil der Tiroler Moderne

Als der Bau der Stützen bereits im Gange war, kamen Überlegungen zum Bau der Stationen auf. Die Stadt Innsbruck lud zu einem kurzfristigen Architekturwettbewerb. Die Architekten hatten nur wenige Wochen Zeit, ihre Entwürfe einzureichen. Als Preisgeld waren 1500 Schilling ausgeschrieben. (1 Schilling wäre heute 7 Cent Wert, das Preisgeld war damals aber eine stattliche Summe.)  Der junge Innsbrucker Architekt Franz Baumann ging als Sieger hervor. Im Alter von 35 Jahren schuf er mit den Stationen der Nordkettenbahnen ein Werk, das sein Durchbruch werden sollte und das Innsbruck bis heute prägt. Die Stationen sind denkmalgeschützt und weitestgehend original erhalten, obwohl es im Lauf der Jahre Erweiterungen, Renovierungen und vor allem technische Erneuerungen gegeben hat.

Innsbrucker Nordkettenbahnen

Seegrube, Franz Baumann, Gouache. (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Graphische Sammlung, Scan aus „Stadtflucht 10 m/sec“)

BAUEN FÜR DEN SCHÖNEN BLICK

Für die Ausarbeitung der Pläne hatte Franz Baumann wieder nur wenig Zeit, weil sich die Bahn ja schon im Bau befand. Trotzdem setzte er sich intensiv und bis ins kleinste Detail mit den Gebäuden auseinander. Jede der drei Stationen – Hungerburg, Seegrube, Hafelekar – wurde jeweils dem Gelände und der Funktion angepasst. Dabei hatte Baumann immer den Leitsatz „In den Bergen baut der Blick“ im Kopf. Gemeint ist der Blick von der Stadt hinauf auf den Berg und umgekehrt der Ausblick vom Berg auf die Stadt. Die Gestaltung war und ist klar strukturiert und zur Entstehungszeit ein viel beachtetes Meisterstück alpiner Architektur. Bis heute haben Baumanns Bauten nichts von ihrem Reiz eingebüßt.

Innsbrucker Nordkettenbahnen

Baustelle Berghotel Seegrube, 1928. (Tiroler Museums-Bahnen, Innerebner und Mayr, Scan aus „Stadtflucht 10 m/sec“)

 

Baumann setzte auch Baumaterialien überlegt ein: Alle Stationen sind mit einem rauen, weißen Kellenstrich verputzt. Mit ansteigender Höhe zeigen die Bauten immer weniger Holz – wie in der Natur. Die Station am Hafelekar ist ein „Adlerhorst“, der wie ein Vogelnest am steilen Berg klebt. Sie steht auf einen Sockel aus grobem Stein.

Innsbrucker Nordkettenbahnen

Bergstation Hafelekar, Aquarell. (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Graphische Sammlung, Scan aus „Stadtflucht 10 m/sec“)

Baumann plante nicht nur die Gebäude, sondern auch die Inneneinrichtung, die ebenfalls bis heute zu sehen ist. Seine Detailliebe reichte bis hin zu Türgriffen und Leuchten. Sogar eine eigene Schrift entwarf er für die Stationen. „Zu den Kassen“ ist beispielsweise noch in Baumanns Schrift auf der Hungerburg zu lesen.

Innsbrucker Nordkettenbahnen

Entwurfsskizze mit dem Mobiliar, Gastraum Seegrube, Franz Baumann, Aquarell. (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Graphische Sammlung, Scan aus „Stadtflucht 10 m/sec“)

 

Am 8. Juli 1928 wurde die Seegrubenbahn samt Restaurant und Hotel eröffnet. Nur zwei Wochen später folgte die Hafelekarbahn. Seitdem wurden weitere Skilifte, sogar eine Skisprungschanze und vieles mehr geschaffen; seitdem ist die Nordkette ganzjährig ein wichtiger Sportplatz, Erholungsraum und Abenteuerspielplatz.

Technische Adaptierungen gab es immer wieder, zuletzt 2006 mit einer neuen Pendelbahn. 2007 konnten die Innsbrucker Nordkettenbahnen mit dem Neubau der Hungerburgbahn auf neuer Trasse und den avantgardistischen Stationen von Zaha Hadid ein weiteres Mal ein (Ausrufe-)Zeichen in Sachen Alpinarchitektur setzen. (Details zum zehnjährigen Jubiläum der neuen Hungerburgbahn gibt es hier.)

 

Feiern zum Jubiläum

SONDERFÜHRUNGEN „NORDKETTE. ANNO 1928“

Eine besondere Jubiläumsaktion ist die Sonderführung „Nordkette. Anno 1928“ von PerPedes Stadtführungen®. Bei der Führung wird ein Zeitfenster – anno 1928 – geöffnet und viele spannende Details zur Architektur, zum Bau der Nordkettenbahnen und Stationen, zum Naturpark Karwendel und vielem mehr verraten. Die Touren starten jeden Freitag von 8. Juni bis 26. Oktober 2018 um 16:30 Uhr beim Congress Innsbruck und enden um 19:00 Uhr auf der Seegrube. Die Führungen selbst sind kostenlos, für die Bahnfahrten gelten die regulären Tarife (Freizeitticket Tirol und Innsbruck Card sind gültig).

Innsbrucker Nordkettenbahnen

Plakat Hungerburgbahn 1906, Fahrkarte 1930, Postkarte 1928. (v. l. n. r., Plakat: Max Schammler, Chromolithographie, Stadtarchiv Innsbruck; Postkarte: Foto: Tiroler Kunstverlag Chizzali, Innsbruck; alle: Scans aus „Stadtflucht 10 m/sec“)

JUBILÄUMSAUSSTELLUNGEN

Auf der Station Seegrube ermöglicht eine Jubiläumsausstellung einen Blick in die Vergangenheit. Der Wortkünstler Wilfried Schatz zeigt am Hafelekar in seiner Ausstellung „Hafeleh klar“ kunstvolle Wortkreationen. Die Innsbrucker Nordkettenbahnen legen außerdem zum Jubiläum alte Fotos als Nostalgieposter zum Sammeln auf.

KULINARISCHE SCHMANKERLN

Das Restaurant Seegrube by DoN bietet auf einer Jubiläumskarte besondere Leckerbissen an und lädt so zum Mitfeiern ein.

 

Am 8. Juli 2018 feiern die Innsbrucker Nordkettenbahnen ihren 90. Geburtstag und sind damit ziemlich genau dreimal so alt wie ich. Ich bin ganz ehrlich beeindruckt, wie gut sie sich gehalten haben! Und ich bin gespannt, wie die Geschichte weitergehen wird. Jedenfalls hoffe ich, dass es noch viele Jubiläumsfeiern geben wird. Und Feste muss man feiern, wie sie fallen: Am 8. Juli 2018 wird mit kulinarischen Schmankerln und Livemusik auf den Hütten und Restaurants der Nordkette der Bergsommer eingeläutet!

Innsbrucker Nordkettenbahnen

Winter auf der Seegrube damals und heute. (Links: 1960er-Jahre, Foto: A. Sticker, Scan aus „Stadtflucht 10 m/sec“, rechts: 2012, Foto: © TVB Innsbruck, T. Bause)

Technische Details (heute)

HUNGERBURGBAHN

Seilbahnsystem: Standseilbahn, zwei Wagen mit je fünf Kabinen
Fassungsvermögen: 130 Personen + 1 Wagenbegleiter
Kapazität: 1.200 Personen pro Stunde
Fahrgeschwindigkeit: 10 m/s (36 km/h)
Fahrzeit: ca. 8 Minuten
Höhenunterschied: 288 m

SEEGRUBENBAHN

Seilbahnsystem: Pendelbahn, 2 Gondeln
Fassungsvermögen: 95 Personen + 1 Wagenbegleiter
Kapazität: 800 Personen pro Stunde
Fahrgeschwindigkeit: 10 m/s (36 km/h)
Fahrzeit: ca. 5,7 Minuten
Höhenunterschied: 1.045 m

HAFELEKARBAHN

Seilbahnsystem: Pendelbahn, 2 Gondeln
Fassungsvermögen: 69 Personen + 1 Wagenbegleiter
Kapazität: 620 Personen pro Stunde
Fahrgeschwindigkeit: 7 m/s (25 km/h)
Fahrzeit: 2,5 Minuten
Höhenunterschied: 351 m

 

Herzlichen Dank an die Nordkettenbahnen und an PerPedes Stadtführungen für die freundliche Unterstützung für diesen Beitrag.

QUELLEN

Stadtflucht 10 m/sec – Innsbruck und die Nordkettenbahn, Beiträge zum 75-Jahr-Jubiläum, Roland Kubanda (Hrsg.), StudienVerlag, 2003

Titelbild: Kabine der Seegrubenbahn in den 1930er-Jahren, Scan aus „Stadtflucht 10 m/sec“, Seite 304