„Man sieht nur das, was man weiß“, ist eine wahre, wenn auch bittere Erkenntnis. Um historische Spuren entdecken zu können, muss man also die Geschichte kennen. Das Gute daran ist, dass diese in den allermeisten Fällen eine spannende Sache ist.
In diesem Artikel wollen wir uns in Innsbruck auf Spurensuche begeben und uns dem für Tirol so wichtigen Jahr 1809 widmen. – 1809 war das Jahr der Tiroler Freiheitskämpfe. Doch wer kämpfte gegen wen und warum?

Die Geschichte in aller Kürze

Wir gehen zurück ins Jahr 1789. Die Bürger Frankreichs wehren sich mit der Französischen Revolution gegen die absolutistische Herrschaft. Aus der Bewegung steigt Napoleon empor und löst die europäischen Revolutionskriege aus. Österreich und Bayern sind zunächst Verbündete gegen Frankreich, doch das ändert sich bald, als Bayern die Seiten wechselt. 1805 verliert Österreich die Drei-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz und muss daraufhin Tirol (damals bestehend aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol) an die Bayern abtreten.
Bis dorthin sind die Beziehungen zwischen Tirol und Bayern bis auf wenige Ausnahmen stets friedlicher Art gewesen. Doch nun machen die zahlreichen Reformen der Bayern den Tirolern zu schaffen. Unpopuläre Verwaltungsreformen, neue Steuern, Eingriffe ins Brauchtumsleben wie die Abschaffung kirchlicher Feiertage und die Verpflichtung zum bayerischen Militärdienst sind schließlich einige der Gründe, die zur Volkserhebung der Tiroler führen.
Mit der Unterstützung der Österreicher und des Kaisers schmieden die Tiroler Pläne für den Widerstand. Unter den Widerstandskämpfern sind auch viele Schützenhauptleute, wie Andreas Hofer aus dem Passeiertal.
1809 erklärt Österreich Bayern den Krieg, Tirol wird zurück zum Habsburgerreich geholt. Die bewaffneten Tiroler Bauernscharen kämpfen zunächst noch mit Unterstützung der österreichischen Truppen und später auf sich allein gestellt gegen die französischen und bayerischen Soldaten an. Nach anfänglich fehlender Organisation und Führung wird Andreas Hofer zum Oberbefehlshaber der Tiroler. In drei Bergiselschlachten Ende Mai und Mitte August 1809 schlagen die Tiroler die Gegner in die Flucht.
Tirol ist frei, doch es fehlt jede Hilfe vom Kaiser, der selbst nach Kräften gegen Napoleon kämpft. Bald ist klar, dass Tirol für Österreich nicht zu retten ist. Napoleon besteht auf das wichtige Durchzugsland Richtung Italien. Es fehlt an politischer Führung in Tirol und so erklärt sich Andreas Hofer bereit, das Land von August bis Ende Oktober in einer Art Bauernregiment von der Innsbrucker Hofburg aus zu regieren. Der Wirt, Vieh- und Weinhändler Hofer ist in dieser Rolle bestimmt überfordert und wird zum Werkzeug seiner fanatischen Berater. Günstige Friedensangebote seitens der Bayern werden ausgeschlagen, es kommt zu einer letzten Schlacht.
Die vierte Bergiselschlacht Anfang November geht für die gebrochenen Tiroler schnell verloren, sie leisten kaum noch Widerstand. Das Strafgericht der Sieger fällt in manchen Gegenden hart aus, es gibt Hinrichtungen und lange Haftstrafen. Hofers engste Vertraute flüchten großteils nach Österreich oder ins Ausland und bleiben unbehelligt, während er selbst auf Napoleons persönlichen Befehl in Mantua erschossen wird.
So bleiben die Bemühungen der tapferen Tiroler letztendlich vergebens. Das Land wird auf die Königreiche Bayern und Italien und auf die Illyrische Provinz Kärnten aufgeteilt. Erst nach dem Untergang Napoleons wird Tirol 1814 wieder österreichisch.
Soweit die Geschichte im Schnelldurchlauf. Spannend, oder?

Spurensuche

Auf der Suche nach Spuren von 1809 ist der Bergisel natürlich DER wichtige Platz in Innsbruck. Wobei der Name – anders als heute – nicht nur den Hügel mit der Skisprungschanze, sondern als Flurname die Hänge südlich von Innsbruck bezeichnete. Tatsächlich erstreckte sich das Kampfgebiet von Volders bis nach Völs.

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Das Andreas-Hofer-Denkmal am Bergisel bei Nacht. (Foto: Innsbruck Tourismus)

 

Am Bergisel ist ein großes Andreas-Hofer-Denkmal zu sehen und das Riesenrundgemälde, das 2011 mit dem neuen Tirol Panorama zurück an den Originalschauplatz geholt wurde. Das Riesenrundgemälde entstand 1896 für eine Ausstellung. Und wer erhielt den Auftrag dafür? (An dieser Stelle muss ich immer ein bisschen lachen:) Ein Bayer natürlich. Zeno Diemer dokumentierte mit seiner Werkstätte auf unglaublichen 1.000 m² Leinwand die Ereignisse von 1809 – mit diversen Schönungen und historischen Ungenauigkeiten. Das Werk war eben auch frühe Tourismuswerbung, die vor allem in England großen Zuspruch fand.

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Sehenswert: Das Riesenrundgemälde bietet einen Rundumblick auf die Ereignisse von 1809. (Foto: Innsbruck Tourismus)

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Tirol Panorama: Die Protagonisten der Tiroler Freiheitskämpfe in Holz geschnitzt. Die leeren Stelen symbolisieren die unbekannten und namenlosen Soldaten auf beiden Seiten. (Foto: Innsbruck Tourismus)

 

Etwas südlich vom Bergisel liegt an der Brennerstraße der Gasthof zum Schupfen, der einer von Andreas Hofers Posten war. Anders als im Riesenrundgemälde dargestellt, war Hofer selbst nämlich nie am Kampfplatz, sondern agierte strategisch meist von Wirtshäusern aus. Der Schupfen ist auch heute noch eine Gastwirtschaft.

Wenn wir uns vom Bergisel aus dem Stadtzentrum nähern, stoßen wir in Wilten auf diverse Straßennamen, die auch an die Tiroler Freiheitskämpfer erinnern. Beispiele sind die Andreas-Hofer- (der Typ mit dem Bart), die Speckbacher- (der mit dem Schnauzer und dem hohen Hut), die Peter-Mayr- und Haspingerstraße (der Pater in wehender Kutte und mit erhobenen Kreuz am Schlachtfeld).

Tiroler Freiheitskämpfe, Innsbruck

Der Goldene Adler mit Andreas Hofers Rede in Stein.

 

In der Innsbrucker Altstadt sind es wieder Gasthäuser, die an 1809 erinnern: Der Goldene Adler war Unterkunft für Andreas Hofer, hier hielt er auch eine Rede an seine Mannen. Diese Worte sind in einer Steinplatte festgehalten und unter den Lauben vor dem Eingang zu sehen (Tiroler Dialektkenntnisse empfehlenswert).

Tiroler Freiheitskämpfe, Innsbruck

Das Denkmal vor der Ottoburg Richtung Inn. Dass der Freiheitskämpfer mit Hut immer schon eine Flasche Wein mit dabei hatte, darf bezweifelt werden.

 

Tiroler Freiheitskämpfe, Innsbruck

Die Kugel am Erker und die Kugel in süß. Wie sie aussieht, wie sie schmeckt? – Am besten selbst ausprobieren!

 

Vor der Ottoburg steht ein Denkmal, das Tiroler Freiheitskämpfer zeigt. Sie spähen aus der Deckung, sind bereit zum Angriff. An der Fassade der Konditorei Munding ist eine Kanonenkugel/Platzgranate von 1809 zu sehen. Laut Inschrift stammt die Kugel von der Erstürmung der Innbrücke, vermutlich aber doch eher vom Bergisel. In der Konditorei wird in Anlehnung an diese Kanonenkugel die „Andreas-Hofer-Kugel“ (handgemachte Trüffel mit Knuspermandelfülle) angeboten, die wärmstens empfohlen werden darf.
Im Burgriesenhaus in der Hofgasse (heute besser bekannt als das Haus mit dem Flüsterbogen) befand sich auch ein Wirtshaus, in dem Hofer mit seinen Truppen die siegreichen Schlachten feierte.
Gegenüber liegt die Kaiserliche Hofburg, in der Hofer also kurze Zeit regierte. Hier hinterließ er wenige Spuren, in der Ausstellung wird aber auf diese Phase hingewiesen, ebenso auf die darauffolgende Herrschaft der Bayern.

Tiroler Freiheitskämpfe, Innsbruck

Das Grabmal Andreas Hofers in der Hofkirche. Rechts die Reliefplatte im Detail.

 

Angrenzend sehen wir die Hofkirche, in der Andreas Hofer begraben ist. Das war aber nicht immer so und ist eine interessante Geschichte: Hofer wurde am 20. Februar 1810 in Mantua hingerichtet und auch begraben. Dort sollte er seine ewige Ruhe aber nicht finden. Die Tiroler wollten ihren Volkshelden nach Innsbruck zurückholen, doch stießen mit ihren Gesuchen auf taube Ohren beim Kaiser. So nahm ein Regiment der Kaiserjäger 1823 unter Georg Hauger das selbst in die Hand. Tatsächlich war das Unternehmen wohl eine Wirtshausgeschichte. Schon etwas angetrunken beschlossen die Kaiserjäger, den Hofer auszugraben und mitzunehmen. Doch so einfach war das nicht. Man wusste nicht, wo sich das Grab befand, weil der Friedhof inzwischen aufgelassen und ein Garten geworden war. Also weckte man den Pfarrer, der den Männern die Stelle zeigte. Diese wiederum gruben im Garten des Pfarrers drauflos und fanden Hofers Überreste. Man wusste, dass er von sechs Kugeln getroffen („Ach, wie schießt ihr schlecht!“) und schließlich mit einem Gnadenschuss getötet worden war, und konnte ihn so identifizieren. Die Männer packten die Gebeine ein und brachten sie nach Innsbruck. Nun gewährte der Kaiser doch eine feierliche Beisetzung und stiftete ein großes Denkmal in Marmor. Mit dem Grab von Andreas Hofer und dem leeren Grabmal Kaisers Maximilian I. ist die Hofkirche die „Heldenkirche“ Tirols.

Weitere Spuren von 1809 sind ganz in der Nähe: Im Hofgarten nämlich lagerten die französischen und bayerischen Truppen während der Kämpfe. Und etwas weiter nordöstlich befindet sich die jetzt leerstehende Rotunde, die das Riesenrundgemälde ursprünglich beherbergte und außerdem noch an die alte Hungerburgbahn erinnert. Im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum sind viele Historienmalereien zum Thema 1809 zu sehen, u. a. vom Zeitzeugen Joseph Anton Koch und (die wohl bekanntesten Bilder) von Franz Defregger.

Die Spurensuche lässt sich übrigens wunderbar und praktisch mit der Innsbruck Card nacherleben.

LINKS:

Ausführlichere Blogartikel zu den Themen
Das Tirol Panorama von Sandra Hupfauf
Bayerisch-Tirolerische Beziehungen von Vil Joda

Tiroler Landesmuseen: tiroler-landesmuseen.at
– Tirol Panorama: Bergisel 1-2
– Hofkirche: Universitätsstraße 2
– Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum: Museumstraße 15
Kaiserliche Hofburg: Rennweg 1, hofburg-innsbruck.at
Innsbruck Card: innsbruck.info
Gasthof zum Schupfen: Unterberg 5, gasthof-zum-schupfen.at
Goldener Adler: Herzog-Friedrich-Straße 6, goldeneradler.com
Konditorei Munding: Kiebachgasse 16, munding.at

Literatur:

Anno Neun, Dr. Michael Forcher, Haymonverlag