Mit Programmkino gegen Hollywood und Mainstream

„Unsere einzige Konkurrenz sind die Berge und auch nur dann, wenn das Wetter schön ist“, sagt Walter Groschup (lacht), einer der drei Leiter der drei Programmkinos in Innsbruck mit 100.000 Besuchern pro Jahr. „Zu sehen sind dort nichtkommerzielle, künstlerisch anspruchsvolle Filme im Original mit Untertitel.“ Ich bin ein Stammgast und identifiziere mich mit der Geschmackskultur, die sich gegen Hollywood richtet. Ein Hoch auf die European Cinemas.

Nosferatu des Arthouse

Vor mir sitzt ein Mann mit Glatze, geschätze 45 Jahr alt. Er spricht langsam, sehr besonnen, macht lange Pausen und serviert mir an der Bar des Leokinos erstmal Bier. Selbstironisch ist er: Walter zeigt mir später ein Bild des Grafen Orlok: Das ist die Hauptrolle im Film Nosferatu, einer der ersten Horrorfilme von 1922; hier als Remake mit Klaus Kinski von 1979. „Ich habe da so einen Doppelgänger“, meint Walter, als welcher er im iPad eines Mitarbeiters, zwar mit seinem Namen, aber mit Foto des Vampirs gespeichert ist.

Nosferatu des Arthouse

Walter Groschup hat einen Doppelgänger, der die Filmgeschichte des Horrors geprägt hat. 

Seit 1981 betreibt er mit drei Freunden die drei Programmkinos der Alpenstadt:

  • Leokino: Das Programmkino der Stadt schlechthin mit zwei Kinosälen, je 200 und 90 Sitzen sowie einer Bar.
  • Cinematograph: „Hat mehr Profil, zeigt schräge Sachen, so wie das erste „Heart of Noise“-Festival (2011 mit Christian Fennesz), das ist nicht ganz leicht verdauliche, elektronische Musik und ist intellektuell noch anspruchsvoller als so manch tiefgehender Film“, so Walter. Mit einem Saal und 90 Sitzen ist es klein, fein, familiär.
  • Open Air im Zeughaus: Freilichtkino im historischen Ambiente des Zeughauses, ein ehemaliges Waffenlager, das von Kaiser Maximilian 1500 erbaut wurde. Bei Einbruch der Dunkelheit geht’s los: An lauen Sommerabenden sitzen Besucher mit Flip Flops, kurzen Hosen und Aperol Spritz vor der 160 qm Leinwand – einfach chillig. In dieser Größe ist es einzigartig in Österreich, weil Besucher dafür zahlen – und das sehr gerne. In allen anderen Städten sind diese Kinos gut gefördert und gratis. Oder es steht ein großer Sponsor dahinter wie beim Sparkassenplatz.

Kulturkino statt Schule

„Die Idee eines Arthouse-Kinos in Innsbruck stammt von Dietmar Zingl, der lieber Kinofilme gezeigt hat, als Mathe zu lernen. Heute würde man ihn einen Nerd nennen“, schmunzelt Walter. Angefangen hat alles mit einem Wanderkino, das mal hier mal dort an 5 Standorten war.
Für mich ist Walter ein Idealist, das sind Menschen, die bestimmte Ideen, Vorstellungen oder Ziele wichtig finden: „Ich will das Qualitätsniveau an Kultur in Innsbruck heben, das hält uns am Leben. Besucher sollen sich nach einem Film drüber unterhalten können und Inhalte diskutieren. Wir machen Programm: anspruchsvolles und engagiertes Kino, gehobene Unterhaltung.“ Idealist würde sich Walter dennoch nicht nennen. „Diese versuchen nämlich andere von ihrer Meinung zu überzeugen. Und das ist nicht meine Sache.“

Kinostadt

Innsbruck zählt ca. 800.000 Kinobesucher pro Jahr, was für eine Hunderttausend-Einwohner-Stadt recht viel ist. Ob wir uns deswegen gleich Arthouse-Metropole Innsbruck nennen dürfen? „Auch drei Programmkinos sind ungewöhnlich viel“, erklärt Walter. Über 12% der Besucher gehen demnach in Arthouse-Kinos. „Das ist verglichen mit anderen österreichischen und deutschen Städten sehr viel und ein Minderheitenprogramm, das in seiner Resonanz sehr gut da steht!“ Bescheiden wie Walter ist, traut er sich nicht direkt zu sagen, dass wir Kinostadt Nummer 1 sind, aber: „Außer Linz gibt es in Österreich keine Stadt wie Innsbruck, die so viele Cineasten hat.“ Ein wenig Stolz habe ich schon gehört.

Besucher Leokino

Die Besucher des Leokinos haben ein spezielles Interesse an Kultur, Politik, Natur oder Sachtehmen.

Vereinshighlights

Die drei Programmkinos sind in einem Verein organisiert: Das Otto Preminger Institut zählt über 5.000 eingetragene Mitglieder, die zahlreiche Kooperationen und Programmschwerpunkte erwarten – unter anderem:

  • Polit-Film-Festival: Politische Bildung im Kino
  • Internationales Film Festival: Filme aus aller Welt
  • Frauenfilmtag: Filme von Frauen, für Frauen und nicht nur für Frauen.
  • Kinoversität: Filme mit politik-, sozial- und kulturwissenschaftlichem Hintergrund
  • Natur Film Festival: Filmschwerpunkt zu Natur und Umwelt
  • Filmklassiker: in ehrwürdigem 70mm-Format, Stummfilme mit Live-Klavierbegleitung

Man muss aber kein Mitglied sein, um in eine der Kinos zu gehen. Vereinsmitglieder erhalten jedoch das Kinoprogramm zugesandt und die Kinokarten ermäßigt; Mitglied wird man direkt in den Kinos.

Word Rap: Walter Groschup über….

  • Auffassung von Kino: „Im Verbund von Kulturinteressierten etwas gemeinsam machen.“
  • Emir Kusturica: „Besoffenster Regisseur, auch wenn er nichts getrunken hat – außer vielleicht die Kaurismäkis – besoffen, naturbesoffen meine ich.“
  • Andreas Hofer (Film): „Habe ihm (Tobias Moretti) den Bart nicht ganz abgekauft – wahrscheinlich kenne ich ihn zu gut.“
  • Innsbruck: „Seit meinem drittem Lebensjahr in Innsbruck, geboren in Feldkirch und deswegen  „a Xi” (=Vorarlberger).“
  • Cineplexx, Multiplex: „Schaut überall so fürchterlich ähnlich aus. Von Barcelona bis Leverkusen und auch noch weiter nördlich. In einem Plexx weißt du nicht, in welcher Stadt du bist.“
  • Hollywood: „Für uns sehr entbehrlich, obwohl George Clooney bei uns auch gut funktioniert.“
  • Berge: „Unsere stärkste Konkurrenz, weil die Leute nicht ins Kino kommen, wenn es schön ist. Ich mag sie privat aber sehr gerne, zum Anschauen halt und ich gebe zu: ein echter Bergfex bin ich nicht.“
  • Tiroler Film: „D.U.D.A! Werner Pircher. Wer ein guter Tiroler ist, soll sich den Film (nochamal) anschauen heuer beim Open Air.“
  • Österreichischer Film: „Für einen österreichischen Film recht gut“, das sagen die Besucher immer, wenn ihnen ein österreichischer Film gut gefallen hat. Das finde ich traurig!“
  • Bar im Leokino: „Wird jetzt renoviert.“
Bar Leokino

Die Bar des Leokinos ist sehr gemütlich, auch wenn sie eher puristisch eingerichtet ist.

Walter Groschup Bar Leokino

Walter Groschup sitzt selbst gerne an der Bar im Leokino.

Bitte eintreten

Wer sich in einem der Innsbrucker Programmkinos einen guten Film servieren lassen will, der möge ins Leokino gehen. An der Bar im Leo gibt es Wein aus Österreich und Flaschenbier. Ich sage Prost, wünsche genug Muße für Intellektualität und bitte: Bis zum Schluss inklusive dem Nachspann sitzen bleiben, das macht man in Programmkinos so. Wenn ihr Date das komisch findet, dann verabreden Sie sich besser nicht mehr mit ihr/ihm.

Kontakt:
Leokino
Anichstraße 36
A – 6020 Innsbruck
T. +43 512 560470