Stadtarchiv findet Stadt – unter diesem Motto organisiert das Stadtarchiv Innsbruck seit letztem Jahr Themenspaziergänge. Ende April trotzte eine Gruppe Interessierter dem übellaunigen Wetter und machte sich mit Renate Telser auf Richtung Arzler Alm. Das Thema: Almen, Wanderungen und Geschichten.

Wer braucht schon schönes Wetter, wenn es Spannendes zur Geschichte der Innsbrucker Almen gibt?

Es gibt wohl niemanden in Innsbruck, der nicht schon auf der Arzler Alm war. Für Sportliche ist sie ein schneller Abstecher, für Familien mit Kindern ein gemütliches Ziel, ebenso für solche, die es gern langsam angehen. Eine lohnende Einkehr sowieso. Kurzum: Auf die Arzler Alm schaffts jeder! Entsprechend viel los ist dort – und in der Umgebung – speziell am Wochenende.
Just bei der Themenwanderung „Almen, Wanderungen und Geschichten“ des Innsbrucker Stadtarchivs, die zur Arzler Alm führen soll, hängt der Himmel voller regenschwerer dunkler Wolken, pfeift ein kühles Lüftchen.

Der Ingenieur Josef Riehl wollte die Fronebenalm mit einer Seilschwebebahn erschließen. Foto: © Stadtarchiv Innsbruck

Wer die informativen Spaziergänge des Stadtarchivs bereits kennt und sich für die Geschichte der Innsbrucker Almen interessiert, lässt sich davon natürlich nicht abhalten. Ein gutes Dutzend Leute findet sich auf der Aussichtsplattform vor der Bergstation der Hungerburgbahn ein. Dieses Mal begleitet uns Renate Telser.

12 Sommer Sennerin

Almen sind das Steckenpferd der Geschäftsführerin des Vereins Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Insgesamt zwölf Sommer verbrachte die gebürtige Südtirolerin als Sennerin auf Almen – im Pitztal, in Osttirol und in der Schweiz. Zudem betraute sie das Innsbrucker Stadtarchiv mit einem Oral-History-Projekt zu den Innsbrucker Almen, bei dem Geschichten rund ums Almleben erfasst und bewahrt werden.

Renate Telser, Geschäftsführerin des Vereins Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, war lange selbst als Sennerin tätig.

Zum Aufwärmen gibt’s ein Quiz. Wie viele Almen gehören der Stadt Innsbruck? – Sechs. Auch bei den historischen Fotos zeigen die Teilnehmer, dass sie einige Vorkenntnisse mitbringen. Höttinger Alm, Möslalm, Fronebenalm, Arzler Alm, Umbrüggler Alm, Bodensteinalm – alle richtig zugeordnet. Da läuft sich’s gleich beschwingter los.
Unterwegs legt Renate Telser immer wieder Pausen ein, verbindet in ihren Erzählungen historische Fakten mit Anekdoten vom Leben auf der Alm und unterfüttert sie mit Passagen aus alten Zeitungsartikeln.

Dürftige Quellenlage

Über die Almen gibt es grundsätzlich wenige geschichtlich verbriefte Daten. Meist wird erwähnt, wann sie errichtet wurden, ansonsten tauchen Informationen nur im Zusammenhang mit Weiderechten auf oder wenn es um diesbezügliche Änderungen oder Streitigkeiten geht. Die erste Nennung der Höttinger Alm erfolgte 1441. Sie bestand schon damals aus mehreren Hütten, entstanden wohl im Zuge des Bergbaus, der im Höttinger Graben durchgeführt wurde.

Gemütlich bergauf Richtung Arzler Alm und zwischendurch immer wieder kleine Rasten mit Anekdoten aus der Geschichte

Dann hört man bis 1880 nichts mehr von der Alm, in diesem Jahr wird ein Ausschank eingerichtet – schon im 19. Jahrhundert also ein beliebtes Ausflugsziel. Umso erstaunlicher, dass die Höttinger Alm erst seit 2001 über Strom verfügt. Seit damals führt Bernhard Schlechter die Wirtschaft (mein leider kürzlich verstorbener Bloggerkollege Vil Joda hat 2014 einen schönen, immer noch lesenswerten Beitrag darüber verfasst).

Almen, Wanderungen

Wer glaubt, die Interessenskonflikte zwischen Bauern, Jägern, Forst und Wanderern sei erst in jüngerer Zeit ein Thema, den belehrt Renate Telser eines Besseren. Schon vor 100 Jahren forderten die Bauern die „Touristen“ auf, ihren Müll wieder mit ins Tal zu nehmen, die Wege nicht zu verlassen und die weidenden Tiere nicht zu stören.

Historische Postkarte mit einem Almabtrieb von der Höttinger Alm; Foto: © Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck

Rund 12.000 bis 15.000 Personen bewegen sich im Sommer pro Woche an der Nordkette. Kein Pappenstiel! Almvieh, Jäger, Forstarbeiter, Wild, Radler, Downhiller, Jogger, Bergläufer, Wanderer, Kinder, Hunde … da muss reglementiert werden und entzerrt, um die Nutzungskonflikte einzudämmen.

Über den Berg

Die Möslalm im Karwendel kam mit der Eingemeindung der Dörfer Arzl und Mühlau zu Innsbruck. Bis in die 1980er Jahre wurde das Weidevieh über die Arzler Scharte ins dahinter liegende Tal gebracht. Die Zweitagestour war für Tier und Mensch äußerst beschwerlich. Mehrere Putzer gingen voran, um den schmalen, abschüssigen Weg von spitzen Steinchen zu befreien, die äußerst schmerzhaft für die Kühe waren. Der

Die idyllisch im Gleirschtal gelegene Möslalm liegt auf dem Gemeindegebiet von Innsbruck. Foto: © Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck

Übergang war zudem äußerst gefährlich. Zog überraschend Nebel auf, kam es zu Schneefällen, konnten sich Mensch und Tier verirren. Eine Votivtafel in der Nähe des Rechenhofs erinnert an einen gewissen Sebastian Keilenaler, der am 27. September 1841 „Vieh von der Möslalm nach Hause dreiben wollte, droben auf dem Joche von Nässe, Kälte, Wind und Schnee erfroren aufgefunden wurde“.

Von Schneelast und NS-Relikten

Mittlerweile sind wir am Schutzdamm angelangt, der sich südöstlich der Arzler Alm über eine Senke zieht. Er wurde errichtet, um Mühlau vor der Lawine zu schützen, die hier regelmäßig herunterkommt. Errichtet wurde er in der NS-Zeit ebenso wie die Lawinenbrecher, die wie dicke Zapfen auf den Almwiesen nördlich des Walls stehen. Sie teilen die Lawine und nehmen ihr so Druck und Kraft. Anlässlich der Sonnwendfeiern brannten über der Höttinger Alm unter anderem bereits 1925 und 1927 Feuer in Form von Hakenkreuzen, erzählt Renate Telser.

Der letzte Winter hatte es in sich – die Lawinen mähten ganze Baumreihen nieder.

Der letzte Winter war für die Waldregion an der Nordkette verheerend. Was die Schneemassen angerichtet haben, ist bereits vom Damm aus gut zu sehen: Die Lawinen haben große Waldteile wie Streichhölzer einfach umgelegt. Wie wichtig der Schutz vor den Lawinen an der Nordkette ist, beweist die Tatsache, dass die Schneemassen sich 1935 und 1951 bis nach Mühlau wälzten.

Schneepflug und Bergbahn

Mit dem Bau der Nordkettenbahn 1928 wurde die Region nördlich von Innsbruck auch für den Wintersport erschlossen. Die ersten Skirouten führten über die Bodensteinalm und über die Höttinger Alm Richtung Tal.

Wir sind bei der Arzler Alm angekommen. Es ist schon recht viel los, Sonntagmittag halt! Doch die Arzler Alm ist bekannt für ihr schnelles und gutes Service. Es dauert nie lang, bis man seine Hände am Tee wärmen oder am Bierglas kühlen kann, die heiße Nudelsuppe dampft oder der Duft des Speckknödels aufsteigt.

Blick auf die wichtige Lawinenverbauung östlich der Arzler Alm und auf die Stadt Innsbruck

In der warmen Stube erzählt Renate Telser Details zur Geschichte der Fronebenalm im Stubaital. Der Innsbrucker Ingenieur Josef Riehl, der unter anderem die Igler, die Stubaital und die Hungerburgbahn errichtet hat, erwarb sie 1906 und wollte sie mit einer Seilschwebebahn von Fulpmes aus erschließen. Als er seine Pläne nicht realisieren konnte, verkaufte er die Alm an die Stadt Innsbruck.

Derweil wird es draußen noch etwas ungemütlicher. Schneeregen setzt ein – der April macht seinem Ruf alle Ehre. Es wird Zeit, talwärts zu ziehen.

Die Arzler Alm ist eine der sechs Almen, die der Stadt Innsbruck gehören.

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler
Historische Fotos: © Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck

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