In ihrem Fotozyklus „Ahnen. Neue Porträts“ stellt die israelische Künstlerin Orly Zailer Porträts aus Familienalben mit Nachkommen nach – zu sehen derzeit im Rahmen der Programmreihe „inn situ“ im FO.KU.S (BTV Stadtforum). Verblüffend nicht nur die Ähnlichkeiten, knifflig auch die Fragen, die auftauchen.

Die Ausstellung zeigt erstmals sämtliche Arbeiten von Orly Zailer zum Thema „Ahnen“.

Die Nase unverkennbar vom Vater, die Ohren der Oma, das Lächeln wie das der Mutter, die Stirnpartie ganz der Onkel – Ähnlichkeiten mit Verwandten kennen wir. Und wir kennen den Spruch: Du bist xy ja wie aus dem Gesicht geschnitten. Selten denken wir weiter darüber nach.

Ahnen. Neue Porträts

Nicht so Orly Zailer. Die israelische Künstlerin befasst sich seit Jahren mit diesem Thema. Ausgangspunkt für sie war, dass sie selbst ihrer Mutter ähnlich sieht. 2012 startete sie den Zyklus „Ahnen“ mit Fotografien zunächst aus dem eigenen Familienalbum. Seither porträtiert sie Nachfahren möglichst exakt in der Pose, in dem Umfeld, in dem historische Fotos von Personen entstanden sind.

2012 begann die israelische Künstlerin Orly Zailer, sich mit Porträts der Ahnen zu befassen.

Um das zu erreichen, betreibt Zailer einen großen Aufwand. Sie sucht, wenn möglich, die Orte auf, an denen das Foto gemacht wurde, sie sucht die entsprechende Kleidung, die Accessoires, die Möbel, Tapeten … Richtig knifflig wird es, wenn es etwa um historische Kenntafeln geht, um alte Autos, Motorräder und dergleichen, oder um einen speziellen Landschaftsausschnitt. Dazu kommt, dass die Personen nicht nur das entsprechende Styling erfahren, sondern auch möglichst exakt so posieren wie das „Vorbild“.

Wie die Mama

In der Ausstellung „Ahnen. Neue Porträts“, die derzeit im BTV Stadtforum zu sehen ist, zeigt Zailer ihre bisherigen Arbeiten. Und sie blätterte in den Fotoalben von Vorarlberger und Tiroler Familien, bat Nachfahren sich entsprechend herzurichten. Verblüffend.

Besonders eindrücklich ist das Making of der Fotografien – zu sehen als Video.

Auf den ersten Blick vermeint man, die gleiche Aufnahme in doppelter Ausführung zu sehen, schon beim zweiten fallen Unterschiede auf, dann beginnt man diese zu suchen. Fragen drängen sich auf: Wie fühlt sich die Frau, wenn sie in die Rolle ihrer Mutter schlüpft? Wie fühlt sich der Junge, wenn er die Rolle seines verstorbenen Großvaters einnimmt, als dieser so jung war, wie er jetzt? Wie geht es einem bei so einer Verwandlung? Was passiert mit der Persönlichkeit? Wie viel von einem selbst steckt noch in einem solchen Foto? Spannende Fragen, die den Besucher durch die Ausstellung begleiten.

Making of

Ein Video zeigt sehr eindrücklich, dass das, was wir auf dem Foto sehen, nur ein kleiner Ausschnitt ist, eine Momentaufnahme, die vieles ausblendet. Für manche war es offensichtlich nicht leicht, sich genauso zu verhalten wie der Onkel oder die Uroma, so zu lächeln, den Kopf so zu halten, die Hände so zu falten. Berührende Momente, wie schwer es ganz konkret sein kann, so auszuschauen wie jemand anderes – und wie leicht auch.

Die Ausstellung im BTV Stadtforum FO.KU.S läuft bis 13. Juli 2019.

Was bleibt?

Und die Gedanken hüpfen weiter: Das Familienalbum ist gleichsam ein Archiv der eigenen Geschichte. Was darin aufgehoben wird, ist erinnernswert, anderes (anscheinend) nicht.

Wichtige Momente – wie Hochzeiten oder Urlaube – finden sich in den Familienalben.

Der beste, schönste, wichtigste Moment soll festgehalten werden. Geburt, Taufe, Erstkommunion, Urlaub, Heirat, Weihnachten … Die Menschen reagieren auf die Kamera. Meistens lächeln sie auf den Fotos. Was passiert davor, danach? Sie inszenieren sich, wenn sie fotografiert werden … Was also zeigt uns das Foto?

Die Ahnen suchen

Orly Zailers „Ahnen. Neue Porträts“ ist eine fesselnde Schau, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie animiert dazu, darüber nachzudenken, was uns Fotos vermitteln, regt uns an, genau hinzuschauen und zu reflektieren, was wir sehen und was wir nicht sehen.

Links Vater Kamal Ayoub und seine Tochter Mona (1989), rechts Sohn Sherif und seine Nichte Marisol (Monas Tochter), 2018

Und sie animiert uns dazu, das eigene Familienalbum zur Hand zu nehmen, uns die Fotos anzuschauen, an die Leerstellen zu denken … Ähnlichkeiten zu suchen und Vergleiche anzustellen. In Zeiten der Selfiemanie, des Posings, des schnellen Klicks und Likes eine geradezu meditative Angelegenheit. Und sehr zu empfehlen.

Spannend, die Ähnlichkeiten und die Unterschiede zu entdecken – bei den Menschen und den Sujets.

Orly Zailer: Ahnen. Neue Porträts / Ancestors. New Portraits
Bis 13. Juli 2019
Kuratiert von Hans-Joachim Gögl
INN SITU – FO.KU.S BTV Stadtforum
Stadtforum 1
6020 Innsbruck
Tel. +43 505 333 – 1409
Mail info@innsitu.at
www.innsitu.at
Öffnungszeiten: Mo–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr
Zum Rahmenprogramm geht’s hier.

Fotos, wenn nicht anders angegeben. © Susanne Gurschler