Heimatblindheit ist ein Fluch, der mich seit Jahren verfolgt. Versuche, ihn abzuschütteln, blieben bisher ziemlich erfolglos. So laufe ich mir bei diversen Städtetrips stets die Füße wund, um Sehenswürdigkeiten und Aussichtsplattformen zu erreichen, während mir in der Heimat viele interessante und schöne Dinge nicht besonders ins Auge stechen. Dabei wäre es ganz einfach, dem Fluch eins auszuwischen: Geschichts- und Kulturinteresse ausgraben und Augen auf! Alternativ kann man auch einen Blogartikel schreiben. – Ich werde all diese Strategien anwenden, um endlich meine Heimat etwas besser kennenzulernen. Thema heute: Kirchen in Innsbruck.
Unglaubliche 53 öffentliche Kirchen und Gotteshäuser* gibt es in der Hauptstadt der Alpen für Gläubige verschiedener Religionen. Der Großteil dieser Innsbrucker Gotteshäuser ist christlich und davon wiederum sind die meisten römisch-katholisch, es finden sich aber auch evangelische, buddhistische und islamische Glaubenszentren hier sowie eine Synagoge.
Seit jeher hat der Glaube Menschen zu künstlerischen und bauwerklichen Höchstleistungen inspiriert, Kunstwerke aus allen Epochen erinnern auch heute noch daran. Unabhängig von der eigenen Religiosität sind diese Tempel in jedem Fall sehenswert. In Innsbruck zählen die Hofkirche oder Schwarze-Mander-Kirche, der Dom zu St. Jakob und die Basilika in Wilten zu den bekanntesten Religionsstätten. Abseits dieser Touristenmagnete habe ich mir fünf christliche Kirchen etwas näher angesehen.


Steinalt: Kapelle St. Bartlmä

St. Bartlmä. Eine der ältesten Kapellen Innsbrucks liegt in der Nähe des Stifts Wilten. Zugegeben, das Hinkommen zu diesem kleinen Bauwerk ist mit meinem nicht existenten Orientierungsvermögen schwierig und über das Gewerbegebiet bzw. einen großen Parkplatz auch nicht besonders schön. Doch der Weg lohnt sich: der robuste Rundbau, der einzige dieser Art in Nordtirol, strahlt mit seiner ehrwürdigen Schlichtheit im satten Wiesengrün.
Man nimmt an, dass das kleine Kirchlein mit einem Durchmesser von 9 Metern bereits im 8. Jhdt n. Chr. als Taufkapelle entstand, zu einer Zeit, als Wilten noch Veldidena hieß. Im Laufe der Zeit wurden Mauern gegen Hochwasser erhöht, eine Flachdecke durch ein Gewölbe ersetzt, schließlich wurde die Kapelle 1944 bis auf die Grundmauern zerbombt und wiederaufgebaut.
Der Bau ist schnell umrundet, innen wie außen sehr schlicht, weiß verputzt, hohe, schmale Fenster lassen Tageslicht in die dicken Mauern. Der Innenraum bietet Platz für einen einfachen Altar, einige Stühle, ein Kruzifix und weitere Holzfiguren als Schmuck an den Wänden. Die Knotenpunkte der Gewölberippen sind mit farbigen Wappen verziert.
Mein Highlight: Sandsteinrelief über dem Eingang, das Christus am Ölberg zeigt. Empfehlung: Am Weg vom oder zum Bergisel, Tirol Panorama oder Stift und Basilika Wilten unbedingt einen kurzen Abstecher zu St. Bartlmä einplanen.

St. Bartlmä

Die älteste Kapelle in Innsbruck: St. Bartlmä in Wilten. Detail rechts: Sandsteinrelief – Christus am Ölberg


Barockjuwel: Johannes-Nepomuk-Kirche, Neue Universitätskirche am Innrain

Innrain/Bischof-Reinhold-Stecher-Platz. Die Lage der Johannes-Nepomuk-Kirche zwischen Finanzamt und der HTL Anichstraße, eine der größten höheren Schulen in Innsbruck, ist ziemlich speziell. Wie viele der Kirchenbesucher dort vor einem Termin beim Fiskus oder einer Matheprüfung um Beistand von oben bitten, ist leider nicht bekannt. Für die Studentenstadt Innsbruck spielt das Gotteshaus seit 1993 als Neue Universitätskirche auch eine wichtige Rolle.
Seit etwa anderthalb Jahren ist die Kirche von Baustellen umgeben, immer aber von vielbefahrenen Straßen. Ich persönlich verbinde mit dem Anblick der Kirche vor allem eines: das Warten auf den Bus. Meine Haltestelle liegt genau so, dass ich auf die Nordseite des Gotteshauses blicke. Glaubt man Studien über Wartezeiten im Leben eines Menschen, so habe ich insgesamt bestimmt schon tagelang diese Seite angestarrt. Vergleichbar selten habe ich es ins Innere geschafft, das letzte Mal wohl im Volksschulalter. Damals habe ich auch gerne Kastanien vor der Kirche eingesammelt, die alten Bäume sind übrigens Überbleibsel einer Allee von der Altstadt herüber, mittlerweile liegt der Busterminal dazwischen und der Platz vor der Kirche heißt seit 2013 Bischof-Reinhold-Stecher-Platz.
Die Kirche gilt als älteste (1729–35) und qualitätsvollste Nepomukkirche Österreichs* und ist ein klassisches Werk im Hochbarock von Baumeister Georg Anton Gumpp. Außen erinnert sie in Material und Stil ein bisschen an den Dom zu St. Jakob, innen wirkt sie auf mich überraschend hell und relativ klein. Eine besondere Eigenart ist, dass die Kirche abgesehen von den Deckenfresken keine Bilder aufweist, dafür aber viele Barockfiguren.* Auffallend sind außerdem die Stuckaturen und die sehr aufwändig gearbeiteten Holzbänke.
Mein Highlight: Der überdachte Eingang mit einer schweren, wunderschönen Kirchentüre und darüber einem Fresko. Hier gilt also: Blick nach oben! Empfehlung im Herbst: Kastanien sammeln.

Neue Universitätskirche

Johannes-Nepomuk-Kirche am Innrain, im Hintergrund das Finanzamt. Rechts: Barock vom Feinsten.

Johannes-Nepomuk-Kirche, Neue Universitätskirche

Highlights: Kirchentüre und Fresko über dem Eingang.

Wunderschöner Zungenbrecher: Herz-Jesu-Redemptoristenklosterkirche

Maximilianstraße 8. In Innsbruck gibt es mehrere Kirchen, die sich in lange Häuserreihen eingliedern. Spitals- und Servitenkirche in der Maria-Theresien-Straße sind solche Beispiele, ein weiteres steht in der Maximilianstraße: die Herz-Jesu-Kirche des Redemptoristenordens.
Durch den auffälligen, vierkantigen, hohen Turm ist sie weithin sichtbar. Trotzdem kann es, wie eingangs erwähnt, aufgrund der bösartigen Heimatblindheit passieren, dass man jahrelang daran vorbeiläuft, anstatt mal einen Blick hinein zu riskieren.
Und dieser lohnt sich jedenfalls, gilt die Herz-Jesu-Kirche (1895–98) doch als ein neuromanisches Juwel im Nazarenerstil.* Wer sich, wie ich, unter einem Nazarenerstil eher wenig vorstellen kann, sollte noch genauer hinsehen: die Innenausstattung mit durchgehend farbiger Malerei auf goldenem Grund ist nämlich atemberaubend schön und tief beeindruckend. Trotz dunkler Blautöne wirkt die Kirche groß und mächtig. Ganz wichtig ist auch hier der Blick nach oben, zwischen den Gemälden sind immer wieder Teile des Sternenhimmels zu sehen.
Mein Highlight: Seitenkapelle links nach dem Eingang mit Muttergottesfigur vor unbearbeitetem oder grobbehauenem Stein. Empfehlung: Von der Triumphpforte in die Maximilianstraße einbiegen, um alte Hauptpost, Herz-Jesu-Kirche uvm. zu entdecken.

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Digitaler Panoramablick in die Kirche. (Besten Dank dafür an Walter Hölbling, Diözese Innsbruck. Aufnahme von Bernd Willinger. Mehr auf kirchenpanorama.at)

Herz-Jesu-Kirche

Herz-Jesu-Kirche in der Maximilianstraße von außen und innen.

Seitenkapelle, Deckenansicht

Augen auf! Blick nach links und nach oben!

Überraschend modern: Neue Pfarrkirche zu den Hl. Ingenuin und Albuin, Hötting

Schulgasse. Wer vom Zentrum Innsbrucks rauf auf die Nordkette will, nimmt oft die Höttinger Gasse, die in Steigung und Enge wohl einzigartig und mit Auto oder Bus stets ein Erlebnis ist. Durch sie gelangt man weiter zur Höhenstraße, hinauf zur Hungerburg und auf den Berg, dabei passiert man die massive Neue Höttinger Pfarrkirche.
Auch hier weiß ich nicht mehr, wie oft ich daran vorbeigefahren bin, ohne jemals ins Innere zu gelangen. Jedenfalls schaffe ich es schließlich, die Heimatblindheit zu überwinden, und spaziere erstmal um die Kirche herum. Durch den sehr schönen Friedhof und ein Stück den Hang hinauf gewinnt man einen wunderschönen Blick. Die Alte (gotische) Pfarrkirche ist übrigens auch nicht weit entfernt. Warum zwei Kirchen so nah beieinander stehen? – Nun, die alte wurde irgendwann einfach zu klein für das eigenständige Dorf Hötting, das noch gar nicht so lange ein Teil Innsbrucks ist (seit 1938*).
Die Neue Pfarrkirche ist also jünger, als ich vermutet hätte, und wurde von 1909 bis 1911 erbaut, von einer bis heute bekannten Baufirma, Johann Huter und Söhne nämlich. Die Kirche wurde in einem Mischstil aus Neuromanik und Neugotik errichtet, wobei Pfeiler und Wände aus Betonguss mit imitierter Quaderführung gefertigt wurden und die Höttinger Kirche damit der erste Sakralbau aus Beton in Tirol ist.*
Der Innenraum wirkt eher schlicht, ist aber mit wunderschönen Altären geschmückt. Der Hochaltar erscheint recht modern und für mich sehr gelungen und ansprechend. Die farbigen Fenster erzeugen eine besondere Stimmung.
Mein Highlight: Der sehr betonte Eingang mit drei schweren Türen, großen Mosaiken in Blautönen und Fensterrosetten darüber, ganz oben noch drei Heiligenfiguren. Empfehlung: Hötting mit seinen engen Gässchen unbedingt zu Fuß erkunden, Kirchenbesuche mit einplanen.

Neue Pfarrkirche Hötting, Innsbruck

Links: Blick auf die Neue Höttinger Pfarrkirche, im Hintergrund die Serles. Rechts: die beeindruckende Fassade.

Neue Pfarrkirche Hötting, Innsbruck

Wunderschöne Altäre: links der Hauptaltar, rechts einer der Seitenaltäre.

Lebendige, junge Kirche: Pfarrkirche St. Paulus, Reichenau

Reichenauer Straße 62. Die meisten der Kirchen in Innsbruck haben, je nach Alter, schon die eine oder andere Renovierung hinter sich. Aktuell wird die relativ junge Pauluskirche in der Reichenau (1960 eingeweiht) saniert. Ich durfte einen Blick hinter die Bauzäune und in einen beeindruckenden, modernen Kirchenraum werfen.
Die Arbeiten sind schon weit fortgeschritten und lassen das Innere des Gotteshauses ganz neu wirken, vor allem viel heller und farbenfroher. Fleißig wurden Teile des Bodens erneuert, Bilder, Kunstwerke und Orgel gereinigt und restauriert, alte, dunkle und nicht mehr benötigte Verbauten herausgenommen und damit mehr Platz geschaffen. Im November soll das Projekt abgeschlossen sein.
Das riesige Mosaik über dem Hauptaltar, das Christus und Paulus’ Bekehrung sowie Martertod zeigt, zieht kraftvoll alle Aufmerksamkeit auf sich. Doch auch die Seitenaltäre auf der einen und ein wunderschöner Kreuzweg auf der anderen Seite sind unbedingt sehenswert. Abgerundet wird das Ganze mit hohen, bunten Glaselementen und geknickten Wänden, die einen besonderen Raum erschaffen.
Rund um die Kirche wird übrigens auch fleißig geschuftet. Es entsteht bis Jahresende ein neues Sozialpastorales Zentrum mit Pfarrkanzlei, Pfarrsaal, Sakristei, Jugendzentrum und Café, in einem zweiten Bauabschnitt 2017 außerdem ein Kindergarten, betreutes Wohnen und Mietwohnungen. Die Pläne schauen vielversprechend aus!
Mein Highlight: Die Altäre, alle. Empfehlung: Etwas Geduld und nach Abschluss der Renovierung bzw. Bauarbeiten unbedingt vorbeischauen und ein neues Stadtteilzentrum erleben.
Herzlichen Dank an die sehr freundlichen Mitarbeiter der Pfarre St. Paulus für die Unterstützung!

Pauluskirche Innsbruck

Momentanes Zentrum einer Großbaustelle: die Pauluskirche. Rechts: Blick auf den Hochaltar mit Mosaik.

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Zwei der Seitenaltäre. Links: Muttergottes. Rechts: Hl. Johannes Don Bosco.

*) vgl. „Die Kirchen Innsbrucks“, Norbert Möller, Verlag Kirche, 2. Auflage, 2004