Ein Vulkanausbruch im Jahre 1815 in Indonesien bringt Europa einen eisigen Sommer. Die folgenden Ernteausfälle lassen wiederum die Pferde, die einen maßgeblichen Anteil an der Mobilität der Bevölkerung haben, knapp werden. Der Forstmeister und Erfinder Karl Freiherr Drais von Sauerbronn beschäftigt sich in dieser Zeit mit einer zweirädrigen, hölzernen Laufmaschine. Die Geburtsstunde des Fahrrads! Der Gedanke ist, sich mithilfe eines Sitzes auf Rädern mit den Füßen auf dem Boden fortzubewegen. 1861 bringt der Franzose Pierre Michaux Tretkurbeln am Vorderrad des Laufrades, dem so genannten Veloziped, an. Diese und weitere Entwicklungsstufen zum Fahrrad wie ein Hochrad mit Tretkurbeln oder ein kettenbetriebenes Sicherheitsniederrad (1885/86) sind in der aktuellen Ausstellung „Frischluft? Freiheit! Fahrrad!“ im Zeughaus zu bewundern.

200 Jahre Fahrrad-Geschichte im Zeughaus – © Wolfgang Lackner

Radfahrgeschichten aus Tirol

Dass dieser Fortschritt der individuellen Mobilität nicht nur einen Einfluss auf die Fortbewegung, sondern auch soziale und kulturelle Entwicklungen zur Folge hat, wird im Zeughaus ebenso veranschaulicht. So erfährt man Wissenswertes über die regionale Entwicklung des Radverkehrs in Innsbruck und Tirol. 1869 wurde zwar in Innsbruck aufgrund eines tödlichen Unfalls ein Radfahrverbot erlassen, doch die steigende Beliebtheit des Radfahrens konnte dieses Verbot nicht bremsen. In Bruneck wurde 1894 der „Tiroler Radfahrerverband“ gegründet, der erste Bergfahrten und Wettrennen organisiert. In Saggen entsteht sogar ein Radrennbahn. Doch nicht überall ist man als Radfahrer willkommen. So gab es Konflikte mit herumlaufenden Hunden und erbosten Passanten. Sogar von Angriffen mit Peitschen, Steinen und Schlägereien wird berichtet.

Fahrrad-Ausstellung Zeughaus

Gruppe von Innsbrucker Radfahrern vor der Annasäule, um 1900 – © M. Senoner

Das Fahrrad bringt gesellschaftlichen Wandel

Das Fahrrad war dennoch ein großer gesellschaftlicher Fortschritt. Nachdem das Fahrrad zunächst hauptsächlich von gut betuchten Bürgern und Adeligen benutzt wird, sorgt die Industrialisierung der Produktion um 1900 dafür, dass sich auch einkommensschwächere Bevölkerungsschichten eine Anschaffung leisten können. Für Frauen und Arbeiter war das Rad ein kostengünstiges und unabhängiges Fortbewegungsmittel, mit dem sie auf das Land radeln konnten. Die immer besser ausgebauten Straßen ließen das Angebot für Fahrradtouren weiter steigen, was schon damals zu einem Tourismus-Boom in Tirol führte.

Radausflug auf der Brennerstraße, 1936 – © Erika Groth-Schmachtenberger

Für Frauen war das Radfahren anfangs aufgrund der allgemeinen Bekleidungsvorschriften (Korsett und langer Rock) und auch aus moralischen und (angeblichen) gesundheitlichen Gründen nahezu unmöglich. Die steigende Unabhängigkeit des weiblichen Geschlechts durch ein individuelles Fortbewegungsmittel wurde nicht überall gerne gesehen. Trotzdem wurden die radelnden Damen auf Plakaten als Rad-Botschafter in Szene gesetzt. Die Hersteller wollten in den Anfangszeiten des Radfahrens mit den weiblichen Werbeträgerinnen beweisen, dass ein Fahrrad für jedermann einfach zu handhaben ist. Die weiblichen Reize bei der Bewerbung dürften damals wie heute eine nicht ganz unwichtige Rolle gespielt haben.

Fahrrad-Geschichte

Plakat der Innsbrucker Firma Josef Holzhammer für Dürkopp-Fahrräder, 1904, Farblithografie -© TLM

 

Fahrrad-Geschichte

Tiroler Loden als moderne Fahrrad-Bekleidung (“Porös wasserdichter Loden”)

“Frischluft? Freiheit! Fahrrad!”

In den sechs aus Holz gebauten Rädern mit einem Durchmesser von neun Metern sind die einzelnen Modelle und Entwicklungsstufen ausgestellt. Was zu den Anfangszeiten noch eine Alternative zum Pferd darstellte, ist inzwischen ein weltweit verbreitetes Massenverkehrsmittel, welches noch immer aktuellen technischen Weiterentwicklungen, wie etwa beim E-Bike, unterliegt.

Wer die Modelle aus 200 Jahre Fahrrad-Geschichte bewundern und interessante Hintergrundgeschichten zum Thema erfahren will, kann dies noch bis 6. Januar im Zeughaus (Dienstag-Sonntag, 9:00-17:00 Uhr). In regelmäßigen Abständen finden Führungen und Podiumsdiskussionen rund um das Thema Fahrrad statt. Vorbeischauen lohnt sich!

Während der UCI Rad WM vom 22. – 30. September ist der Eintritt frei!

Auf der Homepage gibt es weitere Informationen zu den Ausstellungen im Zeughaus.