Märchenhaft glitzert die Nacht, es ist fast unwirklich still im kleinen Oberperfuss in Tirol. Hier wartet heute eine winterliche Laternenwanderung durch eine sternenklare Februarnacht. Wanderführer und Geschichtenerzähler Manuel Niederkircher versammelt die kleine Wandergruppe vor dem Hotel Krone. Die Teilnahme ist kostenlos und jeder gerne willkommen. Er reicht mir eine uralte Grubenlaterne, sein Gesicht flackert im Feuerschein. Nur der Schnee knirscht unter den Sohlen, als wir durch das verschneite Bergdorf stapfen.

Unterwegs bleibt Manuel immer wieder stehen, sammelt die Wandernden um sich und weiß Wissenswertes zu berichten. Er spricht langsam und bedächtig, mahnt manchmal auch zum Schweigen und Genießen. Er kennt diesen Ort wohl wie kaum ein Anderer, ist hier aufgewachsen und führt das historische Hotel Krone in nunmehr sechster Generation.

Beim Herrgott.

Die Pfarrkirche von Oberperfuß begrüßt uns schon nach wenigen Metern. Sie bildet mit uralten Bauernhöfen den historischen Ortskern. Der barocke Bau mit seinen verspielten Fresken und Stuckaturen wurde hier vor fast 300 Jahren erbaut und der heiligen Margarethe geweiht – einer Schutzpatronin für die schweren Zeiten. Hoch über dem Portal des Gotteshauses halten zwei weitere Heilige Mahnwache und ihre Hände schützend über die vielen kleinen Lichter am Friedhof. Flüsternd weist Manuel auf die kleine Krippe am Eingang und erzählt von den harten Wintern längst vergangener Tage, von Entbehrlichkeiten, knisternden Kaminfeuern und der uralten Traditionskunst der Schnitzerei.

Ins Tal.

Weiter geht es über die verschneiten Felder und am Waldrand entlang, bis sich die Bäume zu einem malerischen Panorama lichten. Unter uns funkelt die Landeshauptstadt Innsbruck wie ein riesiger Bergkristall, gebrochen nur vom dunklen Band des Inns. Hier leben etwa 130.000 Einwohner in der fünftgrößten Stadt Österreichs – mit Pendlern und Studenten sind das aber untertags wohl noch um einiges mehr. Natürlich auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, weiß Manuel weiter auszuführen, deutet auf die monumentale Nordkette und spricht von Autobahnen, Deutschland, Italien und der Eisenbahn (Stichwort Brennerbasistunnel). Am Flughafen herrscht nun schon Nachtruhe, doch die Landebahn ist gut beleuchtet. Die kleinen roten Punkte auf den Bergen? Auch für die Flieger, grinst Manuel und deutet auf die umliegenden Alpen. Diese Frage kommt jedes Mal an genau dieser Stelle, zwinkert er in meine Richtung.

Ein letzter Fingerzeig Richtung Bergisel und noch ein kurzer erzählerischer Ausflug zu den olympischen Winterspielen 1964 und 1976.  Damals und heute ist sportlich doch auch einiges los inTirol. Von hier oben sieht das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum jetzt gerade aber doch sehr friedlich aus, stellt unser Geschichtenerzähler fest. Das Publikum nickt zustimmend und wir ziehen weiter.

Von da.

Ein paar winterliche Wegwindungen weiter erreichen wir den nahegelegenen Weiler Gsteas (Weiler: Abgelegener Ortsteil einer Gemeinde). Das flackernde Licht der Laternen spiegelt auf dem eisglatten Asphalt als wir im Windschatten des Feuerwehrhauses einen letzten Halt einlegen. Mit Blick auf Oberperfuss selbst erzählt Manuel von (s)einem Dorf mit vielen Geschichten. Nach dem zweiten Weltkrieg kommt der Tourismus und wird wichtiger Bestandteil der Dorfwirtschaft. 1967 wird der Hausberg Rangger Köpfl durch Liftanlagen erschlossen. Vor 1900 war hier ein reines Bauerndorf, gibt der Erzähler zu bedenken und zündet eine der Laternen wieder an. Heute  ist das anders, die meisten der etwa 3000 Einwohner fahren zum arbeiten in die Stadt und die wenigen übrigen Bauern leben vom Nebenerwerb. Doch die Dorfgemeinschaft ist stark, es gibt an die 50 Vereine, darunter zahlreiche Sportverbände, Theatergruppen, Brauchtumspflege und Krippenbau. Da ist die Sache mit dem Schnitzen wieder.

Da hin.

Weiter stapfe ich mit meiner Laterne, am letzten Stück zurück ins Dorf beginnt der Wind dann zu schneien. Auf dem freien Feldstück wehen uns eisige Flocken um die Ohren, die Grubenlaterne quietscht in meiner Hand, vor uns das verschneite Bergbauerndorf – eine Zeitreise in der Schneekugel. Die Geschichten für unterwegs sind nie ganz dieseleben, verrät mir Manuel. Je nach Witterung, Sicht und Stimmung variiert die Story mit der Gruppe. Die letzten beiden Trümpfe hat sich der Erzähler aber natürlich auch heute für den Schluss aufgehoben. Als das Hotel Krone schon halb um die Ecke biegt, passieren wir das Haus von Peter Anich, dem wohl berühmtesten Kartographen Tirols (sein Atlas Tyrolensis zählte zu den genauesten Karten des 18. Jahrhunderts) – hier der nette Nachbar von Nebenan.

Daheim.

Zurück beim Hotel führt uns der Hausherr dann noch in ein hölzernes Hinterstübchen, tischt hausgemachten Glühwein auf und zeigt uns ganz nebenbei dort eine der größten und schönsten Krippen der Welt. Seit sechs Generationen stolzer Familienbesitz, alle Großväter begnadete Schnitzer. Manche Menschen reisen um die halbe Welt, nur für diese Krippe: Über 250 einzelne Figuren in komplexen Bewegungen, mit leuchtenden Farben und liebevollen Details. Sie erzählen die wohl berühmteste Wintergeschichte so lebhaft und echt, wie man sie eben nur im Winter erzählen kann. Bei Feuerschein und Glühwein, in einer sternenklaren Nacht.

Das Mitwandern ist von Anfang Dezember bis etwa Ende März möglich, beginnt spätabends (20:30 Uhr) am Hotel Krone in Oberperfuß, dauert ungefähr eine Stunde und ist so gemütlich wie kostenlos. Gutes Schuhwerk wird vorausgesetzt, Laternen bekommt man vor Ort (leihweise). Die nächsten Termine gibt’s via Tourismusbüro Oberperfuss oder beim Hotel Krone direkt.