Ich kenne Toni seit meiner Kindheit aus der Blend-A-Med-Werbung: „Damit auch Sie morgen noch kraftvoll zubeißen können!“ Wer jetzt das Geräusch vom Biss in den Apfel hört, ist wohl in meinem Alter. 2012 durften wir erstmals zusammenarbeiten,  damals war er Testimonial der Vorsorgeuntersuchung. Wir treffen uns am Deck 47 am Baggersee; es regnet und es ist kühl – richtiges Herbstwetter. „Griaßdi“, grinst er und reicht mir schwungvoll seine Hand. Der sympathische Herr hat immer noch etwas Schelmisches und ist stets am Puls des Erfolgs: Toni ist seit seiner Silbermedaille auf der Bergisel Sprungschanze 1976 in Innsbruck zur Marke geworden. „Ohne die Olympischen Spiele wäre ich nicht so bekannt“, gesteht er, als wir uns an den Tisch setzen. Er ist ein wenig älter geworden, als ich ihn in Erinnerung habe.

Toni Innauer Innsbruck 1976

Innauer wollte hoch hinaus und sprang in Innsbruck bei den Olympischen Winterpielen 1976 Silber. Foto: Schandfoto/Frischauf Bild.

Der Geist von Olympia

Der Wahl-Innsbrucker durfte den Spirit von Olympia miterleben, von dem er heute noch zehrt und schwärmt. Toni war dabei, als Athleten aller Nationen gemeinsam trainierten, Siege feierten, Tränen flossen und tiefgehende Begegnungen hatten. „Solche Freundschaften halten ein Leben lang“, erinnert er sich zurück und nimmt einen Schluck Kaffee. „Olympische Spiele sind mehr als nur ein Wettbewerb, sie prägen den Menschen.“ Schließlich arbeitet man lange darauf hin, geht beim Wettkampf über seine Grenzen, lernt Gleichgesinnte anderer Disziplinen kennen und füllt seine persönliche Schatzkiste mit wunderbaren Emotionen und Erfahrungen auf. Abseits dieses Spirits gibt es genug andere Gründe für die Bewerbung von Innsbruck für Olympia 2026.

Zuschauer, Sportler, Funktionäre, Organisatoren und eine ganze Stadt waren 1976 im Olympia-Fieber. Foto: Stadtarchiv Innsbruck.

1. Wirtschaftsmotor Olympia

Mann solle das Geld lieber für etwas anderes verwenden, ist ein häufiges Argument gegen Olympische Spiele – mit einem fatalen Trugschluss: „Ohne Olympia wäre das Geld nicht vorhanden“, erklärt Toni. Wir reden jetzt nicht von ein paar Millionen, sondern von 925 (!) Mio. US-Dollar, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Aussicht stellt. Geld für Investitionen in Innsbruck und Tirol, die den Wirtschaftsraum dauerhaft stärken. Toni selbst erhalte als Olympiabotschafter keinen Cent, wie er betont. Ein Konsortium, dem er mit seiner Agentur angehörte, hat den Zuschlag für eine Machbarkeitsstudie für Olympia leider nicht erhalten. „Kein Grund, beleidigt zu sein und sich nicht für die große Chance einzusetzen!“, stellt er fest.

Interview Toni Innauer, Olympia 2026

Toni ist sehr geschäftig. Während unseres Gespräches wird er zwei Mal angerufen und unterhält sich in der Tat über Olympia 2026. Foto: Vil Joda 2017

2. Euphorie des Sports schon im Vorfeld

Sport verbindet, weckt Emotionen und erzeugt Euphorie. Im Rahmen von Olympia ist er eine Sprache, die überall auf der Welt gesprochen wird. Er schafft Begegnungen, bringt Frieden und einen geordneten Rahmen für Menschen, die sich messen. „Sportler und Organisatoren arbeiten aber schon lange vor Olympia begeistert auf ihr Ziel hin“, schwärmt Toni. Vereine, Verbände, die Baubranche, Mediziner, Sportwissenschafter, Sport- und Eventmanager, Organisatoren und Freiwillige sind sich einig, etwas Gutes zu tun: „Auch wir haben lange vor 1976 begonnen“, erinnert er sich zurück. „Ich habe trainiert, andere haben die Spiele ermöglicht, das verbindet und ist einmalig.“

3. Wohnungen für Sportler und die Bevölkerung

„Ohne Olympia 1976 gäbe es kein Olympisches Dorf in Innsbruck“, mahnt Toni. Gut, wir können jetzt darüber streiten, ob das O-Dorf eine architektonische Glanzleistung der Siedlungspolitik ist, aber er hat Recht: Vielen Menschen wurden leistbare Wohnungen errichtet; für 2026 wären in Innsbruck 400 gemeinnützige Wohnungen geplant.

1964 und 1976 – zwei Jahre die Innsbruck als Sportstadt auszeichnen – Foto: <a href="https://www.facebook.com/PhotographyDJ/">Danijel Jovanovic Photography</a>

1964 und 1976 – zwei Jahre, die Innsbruck als Sportstadt auszeichnen. Ein Denkmal im Olympischen Dorf erinnert daran. Foto: Danijel Jovanovic Photography

4. Wissenschaft und Arbeitsmarkt

„Unserer Meduni und der Sportuniversität geht ein Weltruf voraus“, erklärt Toni. „Ich weiß nicht, ob wir das ohne Olympia geschafft hätten.“ Viele Disziplinen und Branchen begannen erst durch die Spiele zu blühen: Tourismus, Sportwissenschaften, Ärzte, Physiotherapeuten, Sportartikelhersteller oder die Eventbranche. Ganze Wissenschafts-, Arbeits- und Lebenswelten wurden für den Sport geschaffen und es wird wieder so sein: Schätzungen zufolge würde der Tiroler Arbeitsmarkt von rund 1.000 neuen Arbeitsplätzen profitieren. „Menschen werden eigens für Olympia ausgebildet und wirken noch lange danach mit guten internationalen Kontakten, die sie nicht nur übers Internet knüpfen.“

5. Moderne Sportstätten

„Wir würden wahrscheinlich nicht viel bauen müssen, um für 2026 gerüstet zu sein“, erklärt Toni. „Innsbruck hat genügend Sportstätten, die wir lediglich modernisieren werden. Das Totschlag-Argument gegen Olympia sind nämlich weiße Elefanten, gigantische Stadien, die später leer stehen und Kosten verursachen. Unsere Elefanten sind längst bewährte Arbeitstiere, eher klein und sie werden von der Bevölkerung seit jeher ausgiebig genutzt: Olympiaworld, Bergisel Sprungschanze, Bobbahn oder die Skigebiete sind ein wichtiger Teil der Stadt und führen gleich zum nächsten Punkt.

Heute ist die Olympiaworld moderner als damals, aber noch immer ein bewährtes Arbeitstier und kein weißer Elefant. Foto: Olympiaworld Innsbruck.

Ohne Olympia 1976 hätten wir das Kunstwerk von Zaha Hadid wohl nicht bekommen. Foto: Tourismusverband Innsbruck / Chistof Lackner.

Im Zweierbob gewannen 1976 Meinhard Nehmer und Bernhard Germeshausen aus der DDR: Foto: Innsbruck Tourismus. Foto: Innsbruck Tourismus

Im Zweierbob gewannen 1976 Meinhard Nehmer und Bernhard Germeshausen aus der DDR.
Foto:  Tourismusverband Innsbruck / Christof Lackner

6. Sport steht für die Innsbrucker Identität

Über den Innsbrucker Lifestyle als Sportkultur habe ich schon mal geschrieben: Der Fahrradfahrer mit Skischuhen und Skiern auf der Schulter ist Realität und Sinnbild einer Sportbesessenheit, die kaum woanders in Österreich so intensiv gelebt wird –nirgendwo in Europa. Klar könnt ihr in Zermatt nach der Arbeit eine Skitour gehen, aber Zermatt ist weit von dem entfernt, was man Kleinstadt mit urbanem Flair nennt.

„Salonfähig wurde der Sport als Lebensphänomen gewiss mit Olympia“, meint Toni. Die Infrastruktur der Sportstätten und die umliegenden Berge schaffen eben Angebote, die bis heute genutzt werden. Das war nicht immer so: „Mein Vater riet mir noch, den Sport lieber sein zu lassen und etwas Gescheites zu tun. Die Akzeptanz war damals einfach nicht da.“ Nach dem zweiten Weltkrieg geschah aber etwas Großartiges: Das Selbstbewusstsein und die Identität des kleinen Österreichs wurde stark durch den Skisport und Helden wie Toni Sailer geprägt. Eine Skination war geboren und damit ganze Wirtschaftszweige: Österreichische Skiindustrie und der Skitourismus sind seit jeher vorne dabei, wie auch unsere Skifahrer. Ganz anders ist das beim Fußball… Heute jedenfalls gehört Sport felsenfest zur Innsbrucker Identität und ist eine Grundhaltung der Bevölkerung für Freizeit und Gesundheit.

Foto: <a href="https://www.facebook.com/PhotographyDJ/"> Danijel Jovanovic Photography</a>

Der Fahrradfahrer mit Skischuhen und Skiern auf der Schulter ist ein Sinnbild unserer Sportbesessenheit. Foto: Danijel Jovanovic Photography

7. Bekanntheit der Stadt

„Wenn ich sage, dass ich in Innsbruck lebe, assoziieren das viele sofort mit Olympia“, lacht Toni. Das passiert auch mir oft. Olympia hinterlässt eben Spuren: Vermutlich würdet ihr ohne die Spiele meine Stadt nicht kennen, hättet hier nicht Urlaub gemacht und würdet diesen Artikel am Innsbruck Blog nicht lesen. Olympia bedeutet unbezahlbare Medienberichterstattung, kreiert das Image einer Sportstadt und erzeugt dadurch enorme Wertschöpfung. Eine Stadt, die so sehr vom Tourismus lebt, darf nicht auf Olympische Winterspiele verzichten wollen.

Maria-Theresien-Straße © TVB Innsbruck/Christof Lackner

Maria-Theresien-Straße © Tourismusverband Innsbruck/Christof Lackner

Sollen wir Olympia nach Hause holen?

Die Spiele waren und sind ein wichtiger Teil von Innsbruck, haben die Stadt und unser Selbstverständnis für den Sport geprägt. In aller Welt sind wir heute noch dafür bekannt. Trotz mancher Vorbehalte gegen die unverhandelbaren Arbeitsweisen des IOC werden Gelder fließen, die sonst nicht vorhanden wären. Zur Vorbereitung des Großevents werden alle auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten und dem Olympia-Fieber verfallen. Wohnungen, welche für Sportler und Funktionäre gebaut werden, stehen danach den Einheimischen zur Verfügung. Tirols Arbeitsmarkt wird von etlichen neuen Arbeitsplätzen profitieren. Unsere Sportstätten werden modernisiert und wie heute schon auch nach dem Spektakel genutzt.

Olympische Spiele passen einfach zu Innsbruck und unserer lebendigen Sportkultur. Das ist jetzt meine Meinung, nicht mehr. Wie die Innsbrucker zur Kandidatur für Olympische Spiele 2026 stehen, wird eine Volksbefragung, am 15. Oktober 2017 zeigen. Weitere Infos zu den Olympischen Spielen 2026 findet ihr hier: www.olympia2026.at

Toni Innauer, Olympia 2026, Foto: Vil Joda

Foto: Vil Joda 2017