Alle zwei Jahre findet Innsbruck International – Biennale zeitgenössischer Kunst statt. Heuer steht sie unter dem Motto „Agents of Social Change“. Bis 25. März gibt es die Möglichkeit, an zehn Orten in Innsbruck die Arbeiten internationaler Künstlerinnen und Künstler zum Thema kennenzulernen. Anlässlich des Presserundgangs habe ich einige besucht.

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Die Homebase im Fotoforum lädt zum Verweilen und Reflektieren ein.

Erstmals gibt es bei Innsbruck International – Biennale zeitgenössischer Kunst dieses Jahr eine „Homebase“. Hier können die Besucherinnen und Besucher Tickets lösen und Infos einholen, zudem bieten Sitzgelegenheiten die Möglichkeit, eine Pause einzulegen, sich über das Gesehene zu unterhalten. Die Homebase von Innsbruck International findet sich im Fotoforum am Adolf-Pichler-Platz. Ein heller großzügiger Raum, der einstimmt auf das heurige, sehr gesellschaftspolitische Thema, wie sich eindrücklich zeigen wird.

Biennale-Zentrum

Links neben dem Eingang hängt die Fotoinstallation „Zurück in Wien – Körperadaptierungen“ von Johanna Tinzl. Diese Fotoserie entstand in enger Zusammenarbeit mit Helga Pollak-Kinsky. Sie überlebte die Verfolgung durch die Nazis und kehrte in den 1950er Jahren nach Wien zurück. Bis heute ist dieses „Ankommen“ für sie geprägt dadurch, dass sie sich ehemals vertraute Räume wieder aneignen muss. Die Fotografien spiegeln die Aneignung bestimmter Orte in Wien, die für Pollak-Kinsky mit starken Erinnerungen und Emotionen verknüpft sind.

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Johanna Tinzls „Zurück in Wien – Körperadaptierungen“ befasst sich mit der Wiederaneignung von Orten.

Die Videoinstallation „What matters“ vom Internationalen Literaturfestival in Berlin (2017) wiederum entstand in Reaktion auf die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. 30 Künstler und Künstlerinnen, Schriftsteller und Schriftstellerinnen sowie Studenten und Studentinnen verlesen je einen Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948, in der jeweiligen Muttersprache und betonen damit, wie universell die Menschenrechte sind.

Flaggen wehen

In der Altstadt, auf dem Weg zum Riesensaal in der Hofburg, heben wir den Blick in die Luft. Weiße Fahnen mit besonderen Botschaften stechen ins Auge. Sie stammen von der koreanischen Künstlerin Chosil Kil. Weitere sind auf den großen Brücken (Unibrücke, Innbrücke und Kettenbrücke) zu finden.

Die koreanische Künstlerin Chosil Kil hat die Innsbrucker Altstadt mit Flaggen bestückt.

Der prächtige Riesensaal dokumentiert, dass die Herrschenden immer schon wussten, sich in Szene zu setzen, ihre Größe, Macht, ihren Einfluss in Gemälden festzuhalten, damit zu unterstreichen und gleichzeitig ein Bild von sich zu etablieren – und über die Jahrhunderte ins Heute zu transportieren. Die monumentalen Porträts der Habsburger im Riesensaal betonen den absoluten Herrschaftsanspruch Maria Theresias.

Macht der Bilder

Inmitten dieser Bildgewalt machen sich die Arbeiten des Tirolers Oliver Laric zunächst beinahe bescheiden aus. Doch er greift die Frage des Abbildes, der Inszenierung gekonnt auf, indem er den Gemälden sein Denkmal der Frauenrechtlerin, Journalistin und Sozialreformerin Auguste Fickert (1855-1910) gegenüberstellt. Ebenso die Figur der Heiligen Veronika mit dem Schweißtuch Jesu, in das sich dessen Antlitz angeblich eingeprägt hat und das vielen als authentisch gilt.

 

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Oliver Larics Reproduktion des Denkmals von Auguste Fickert vor den Habsburgern

Weiter geht es über den Innenhof der Hofburg in die Neue Galerie. Der Film „Night Soil – Fake Paradise“ von Melanie Bonajo (Niederlande) entführt in die Fantasiewelt von Menschen, die ein berauschendes Heilmittel aus dem Amazonasgebiet zu sich genommen haben und ihre bewusstseinserweiternden Erfahrungen. Wieder stellen sich dem Betrachter, der Betrachterin viele Frage: Was ist real? Woran lässt sich Wirklichkeit festmachen? Wo liegt die Grenze zwischen Realität und Fantasie? Welche Bilder kreieren wir?

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„Night Soil – Fake Paradise“ von Melanie Bonajo in der Neuen Galerie in der Hofburg

Macht der Medien

Die Videoinstallation „New Romance“ von Marge Monko (Estland) zum Beispiel verknüpft Informationen, die im Internet über bekannte Persönlichkeiten zu finden sind, zu einem neuen Bild – unterlegt von einem E-Mail, in dem ein (unbekannter) Absender einem (unbekannten) Empfänger seine Liebe gesteht. Eine Arbeit, die unterstreicht, wie die Neuen Medien unsere Kommunikation und unsere Wahrnehmung verändern. Sie schaffen eine neue virtuelle Wirklichkeit, die ständig in Bewegung ist.

Ein Thema, das in der Galerie A4 auf besondere Weise aufgenommen wird. Hier treffen wir auf Installationen der in Innsbruck lebenden US-amerikanischen Künstlerin Addie Wagenknecht. Nutzen wir die Neuen Medien, so „liest“ ein Dritter mit – etwa der Provider, bei dem die Daten gespeichert werden. Den intimen, privaten Raum gibt es hier nicht.

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Die begehrlichen Blicke der Überwachungskameras – “Asymmetric Love“ von Addie Wagenknecht

Lapidar ausgedrückt: Big brother ist watching you! So werden Überwachungskameras bei Wagenknecht zu einer Art Luster gefasst, der uns ständig im Visier hat, unsere Schritte einfängt und festhält. Geradezu sakrale Aufladung erhalten Smartphones in der Installation „Saint Tinder“: Der Raum ist angefüllt mit dem betörenden Duft indischen Räucherwerks, während die Smartphones, Heiligenfiguren gleich, als Gedenkgefäße inmitten von Blumen und Kerzen stehen.

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Das Smartphone als Allerheiligstes in „Saint Tinder“ von Addie Wagenknecht

Stadterkundung

Allein dieser Gang durch vier der insgesamt zehn Ausstellungsorte zeigt, wie unterschiedlich das Thema „Agents of Social Change“ von den Künstlerinnen und Künstlern angegangen wird. Dazu kommen zahlreiche Filme, Live-Performances und Theateraufführungen. Noch bis 25. März ist Zeit, in Innsbruck International – Biennale für zeitgenössische Kunst einzutauchen und geballt internationale zeitgenössische Kunst zu erleben. Diese besondere Form der Kunst- und gleichzeitig Stadterkundung, die Innsbruck International alle zwei Jahre bietet, sollte man sich nicht entgehen lassen!

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler

Innsbruck International – Biennial of the Arts bis 25. März
Kuratiert von Tereza Kotyk, Jürgen Tabor und Chris Clarke
Biennale-Zentrum: Fotoforum
Adolf-Pichler-Platz 8
6020 Innsbruck

info@innsbruckinternational.com
www.innsbruckinternational.com
facebook.com/InnsbruckInternational
Instagram @biennale_innsbruck

Biennale-Ticket: € 15/12
Performance-Ticket: € 15/12
Theater-Ticket: € 25/12,50
Ermäßigungen für Ö1-Mitglieder, TT-Club-Mitglieder, Studenten/Studentinnen

Zeitgenössische Kunst gibt es natürlich das ganze Jahr über in den zahlreichen Ausstellungshäusern und Galerien in Innsbruck, eine Liste findet sich hier.