Studierende der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig haben sich mit Innsbruck beschäftigt. Ihre Arbeiten sind in der Ausstellung GENAU DA! Innsbruck: Sieben erste Begegnungen im FO.KU.S des BTV Stadtforums zu sehen – aufregend, dem Blick der Kunstschaffenden auf meine Heimatstadt zu folgen!

Ausstellungsansicht mit den Arbeiten von Moritz Zeller (links) und Julius-C. Schreiner (rechts)

Seit Sommer 2018 leitet Hans-Joachim Gögl das Kunst- und Kulturprogramm des BTV Stadtforums in der Erlerstraße. Mit INN SITU – eine Wortkreation aus dem lateinischen in situ für am Ort und Innsbruck – hat er eine neue Veranstaltungsreihe geschaffen, die Einiges erwarten lässt.

INN SITU – ja, hier!

In regelmäßigen Abständen werden international tätige Fotokünstler eingeladen, sich mit der Region zu beschäftigen und die Ergebnisse in einer Ausstellung zu präsentieren. Musikschaffende aus Tirol und Vorarlberg sollen sich mit diesen konzertant auseinandersetzen, eine Dialogreihe auf die künstlerischen Arbeiten Bezug nehmen.

Die Ausstellung „GENAU DA! Innsbruck: Sieben erste Begegnungen“ steht im Zentrum der ersten Auflage von „INN SITU“ im FO.KU.S. Dafür holte Gögl Studierende der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig in die Tiroler Landeshauptstadt.

Die sieben Fotokünstler der Klasse für Fotografie und Medien von Joachim Brohm erkundeten die Stadt und trafen sich mit sieben angehenden Komponisten der Kompositionsklasse von Franz Baur des Tiroler Landeskonservatoriums in Innsbruck, die Werke zu ihren Fragestellungen komponieren sollten.

Augen auf

Stadterkundungen abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten und dann noch künstlerisch aufgearbeitet – das trifft bei mir einen Nerv, einerseits, weil ich Kulturjournalistin bin, andererseits stelle ich in meinem Buch „111 Orte in Innsbruck, die man gesehen haben muss“ besondere, wenig bekannte und unterschätzte Orte vor – Bloggerkollegin Tamara Kainz hat darüber einen Blogbeitrag gestaltet. Und als Innsbruckerin bin ich natürlich neugierig, wie die Künstler meine Stadt und was sie in meiner Stadt sehen. Also machte ich mich auf ins BTV Stadtforum.

Raumgreifend im wahrsten Sinne des Wortes ist „Korrelat“ von Sophia Kesting.

Im FO.KU.S

Gleich links springt mich eine großformatige Collage von Sophie Kesting an. Als „Flachländerin“ zeigt sie sich beeindruckt von den Bergen, die Innsbruck umgeben – von der Kombination Natur und Gentrifizierung. Sie reiht Ausschnitte ihrer Fotografien von markanten Hochhäusern radikal aneinander. Die Gebäude wirken dadurch wie eine undurchdringliche Mauer – auch wenn darüber die Berge blitzen. Die bauliche Macht, die die Collage vermittelt, ist faszinierend und bedrohlich zugleich.

Die Alpen glühen!

Vis-á-vis weckt eine kleinformatige Fotografie mein Interesse. Sie hängt neben einem luftigen bedruckten Textil. Genauer: einem Gleitschirmtextil, auf dem sich die Konturen der Nordkette abzeichnen. Das Foto stammt aus einem Urlaub von Eva Dittrichs Eltern und zeigt den Blick vom Bergisel im Bereich der Skisprungschanze auf Innsbruck. Das lange unbelichtete Filmmaterial weist den dafür charakteristischen „Grünstich“ auf. Beim Öffnen spulte die Künstlerin nicht bis zum Filmende zurück, wodurch sich das „Alpenglühen“ ergibt, der helle Streifen am oberen Ende des Bildes. Das erinnert mich an meine Anfänge als Hobbyfotografin und die Tücken meiner analogen Kamera – in Zeiten digitaler Fotografie ist ein solches Malheur kein Thema mehr.

Eva Dittrich arbeitet mit einem Urlaubsfoto aus dem Archiv ihres Vaters.

Das Vergehen der Zeit und ihre Beziehung zur Fotografie ist dafür ein Thema, das Dittrich besonders interessiert, wie sie erzählt. Dabei reizt die Künstlerin die Möglichkeiten zeitgenössischer Fotografie gerne aus. Bei diesem Bild gab es allerdings noch etwas, was sie faszinierte.

Am Sprung

„Die Skispringer springen am Bergisel mit direktem Blick auf den Friedhof. Ein Interesse an verschiedenen Blickrichtungen, dem Sprung (nach unten), dem Fallen, und dem Fliegen (nach oben), ließen mich an dieser Aussicht verweilen“, sagt Dittrich. Sie wollte die „Idee der konstanten Abwärtsbewegung eines Skispringers die Aufwärtsbewegung eines sich hinaufschraubenden Gleitschirmfliegers entgegenstellen“.

Mendes geht es um die Dynamik zwischen Werk und Betrachtendem.

Wunderbar kontrastiert dazu Florian Mendes‘ geradezu klassische Präsentation seiner Fotografien. Er nahm den Landhausplatz in den Fokus und reiht in seiner Arbeit Bildausschnitte aneinander, unterbrochen von Motiven aus seinem Atelier in Leipzig.

Sehr poetisch auch der Beitrag von Mihai Șovăială.

„Nothing was touched, just recorded“ heißt die Arbeit von Mihai Șovăială.

Er stellt Fotografien, die er in der Schausammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum gemacht hat, Fotografien seiner Erkundungen in Innsbruck gegenüber. Auf letzteren zu sehen: Zufallsfunde und ihre Fundorte. Șovăialăs Funde – ein Adapter zum Beispiel oder ein Handschuh – lassen, im Gegensatz zu den Objekten im Ferdinandeum, keine kulturellen Rückschlüsse zu. Sie sind keine Sammelobjekte und schaffen es doch in eine Ausstellung.

Șovăială dokumentiert die Fundorte seiner Fundstücke, die keine kulturelle Zuordnung zulassen.

Achtung, Silent Agents!

Sehr nachdenklich stimmen die „Silent Agents“, die Julius-C. Schärmer dem Betrachter vor Augen führt. Silent Agents sind Vorrichtungen, die verhindern, dass ein Platz als Aufenthaltsraum genutzt wird – etwa von Obdachlosen.

Julius-C. Schreiner machte sich auf die Suche nach „Silent Agents“ und wurde fündig.

Solche Vorrichtungen gibt es in allen Städten, erklärt der Künstler: „Insbesondere die ,Steinbeete‘, also das vermeintlich dekorative Verlegen von Steinen, um das Nächtigen unter Balkonen oder Brücken zu verunmöglichen, sind in allen von mir besuchten Städten zu finden.“ Öffentlicher Raum wird dadurch reglementiert, ohne dass die Regeln durch „direkte Autoritäten“ durchgesetzt werden müssen. Silent Agents eben. Allerdings habe er, ergänzt Schärmer, solche Vorrichtungen in kleineren Städten sonst seltener gefunden: „Ich nehme an, dass hierbei einerseits der Faktor Tourismus eine Rolle spielt und andererseits der langjährige Diskurs über den Umgang mit Obdachlosen und Bettlern in Innsbruck – wie den Nächtigungsverbotszonen, oder den Alkohol- und Bettelverboten in Teilen der Innenstadt.”

„Der Berg Analog“ lautet der Ausstellungsbeitrag von Moritz Zeller.

Alles Zeichen!

Moritz Zeller wendet sich der sportlichen Seite der Stadt zu, um die kulturelle Überformung der Natur zu thematisieren. Die Kletteranlage des Kletterzentrums Innsbruck verdichtet er zu abstrakten Zeichen. Zeichen, die als skulpturale Formen zudem im Ausstellungsraum montiert sind. Nea Gumprecht wiederum reizt die Grenzen des Mediums aus, indem sie Fotografie in Bewegung setzt.

Angeregt durch die Arbeiten der Fotokünstlerinnen und -künstler flaniere ich durch die Stadt, sehe die Hochhäuser mit anderen Augen, die Sprungschanze am Bergisel, ich beobachte das Geschehen auf dem Landhausplatz.

„GENAU DA! Innsbruck: Sieben erste Begegnungen“ ist ein wirklich beeindruckender Auftakt der Veranstaltungsreihe „INN SITU“ – und ich bin schon sehr gespannt auf die nächste Ausgabe, die nächsten Begegnungen.

Aufmacherfoto: © Florian Mendes, alle anderen Fotos: © Susanne Gurschler; Video: © BTV Stadtforum

 

GENAU DA! Innsbruck: Sieben erste Begegnungen
Bis 26. Jänner 2019 im

BTV Stadtforum Innsbruck, FO.KU.S
Stadtforum 1
6020 Innsbruck

Tel. +43 505 333 – 1417
Mail: info@innsitu.at
www.btv-fokus.at
Öffnungszeiten: Mo – Fr 11:00 – 18:00 Uhr, Sa 11:00 – 15:00 Uhr

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen und es gibt ein spannendes Vermittlungsprogramm, Infos hier.
Informationen zu den Museen und Ausstellungshäusern in Innsbruck: hier entlang.