Es ist eine Standardfrage jedes Kreuzworträtsels: Wie heißt der Tiroler Passionsspielort mit drei Buchstaben? Erl, richtig. Und ein Tiroler Dreikönigsspielort mit vier Buchstaben? Da tun sich selbst abgebrühte Rätselspezialisten schwer.

Tirols Theatergeschichte wurde jahrhundertelang von Volksschauspielen dominiert. Die Kirche füllte ihre Festtage nach der Reformation wieder mit Leben, ja sie inszenierte sie regelrecht. Prunkvolle Umzüge und Prozessionen mit Pomp und Trara wurden abgehalten. Meist von Theateraufführungen ergänzt, die das Leben von Heiligen zum Inhalt hatten. Das gläubige Volk sollte in der Barockzeit mit allerlei Unterhaltung bei der Stange gehalten werden um keinesfalls in reformatorische Gedanken zu verfallen. Das ist die eigentliche Geburtsstunde der Tiroler Volksschauspiele.

Dreikönigsspiel Silz

Die Bühne des Dreikönigsspiels in Silz: Ein altes Volksschauspiel ist wieder auferstanden. Bild: Erwin Schröder

Volksschauspiel als Tradition

Aus den großen Kirchenfesten im Jahreslauf wuchsen Passions- und Legendenspiele. Umzüge mit lebenden Bildern und Singspiele erfreuten sich großer Beliebtheit. Das war auch die Gemengenlage, aus der einzigartige Bräuche entstanden sind. Besonders rührige Gemeinden besinnen sich ihrer Vergangenheit und holen solche Spiele aus dem geistigen Fundus des ausgehenden Mittelalters. Genau das geschah in Silz.

Der ‚Pepi von Silz‘ und ‘sein’ Dreikönigsspiel

Es war Anfang der 2000er Jahre, als der Silzer Josef Sonnweber begann, sich mit dem Text für ein Volksschauspiel zu beschäftigen. Der ‚Pepi von Silz’, wie er gerne genannt wird, suchte nach Wurzeln in seiner Heimatgemeinde. Er wusste, dass im Silz des 17. Jahrhunderts bereits Passionsspiele aufgeführt wurden. Bei seinen Recherchen stieß er aber auf ein Dreikönigsspiel, das im 19. Jahrhundert in Gmunden aufgeführt worden war. Folgerichtig entstand sein Dreikönigsspiel, für dessen erste Realisation er von Pontius zu Pilatus um Förderung und Unterstützung lief. 2004 war es dann soweit, die Weltpremiere konnte am Silzer Hauptplatz erfolgen. 

Dreikönigsspiel Silz

Josef ‘Pepi’ Sonnweber hat das Dreikönigsspiel wieder auferstehen lassen. Auf der Bühne mimt er – logischerweise – einen Schriftgelehrten. Bild: Erwin Schröder

Feuerschlucker, Tänzerin und ein Kamel

Ich habe kürzlich die Wiederauferstehung dieser uralten Tiroler Volkskunst persönlich miterlebt, denn das ‘heilige’ Spektakel findet nur alle vier Jahre statt. Und bin begeistert. Die Premiere des Silzer Dreikönigsspiels Anfang 2019 war nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis. Denn immerhin verfolgten an den drei Spieltagen mehr als 1.000 Besucher das Spiel in  Österreichs wohl größter Krippe. Die Aufführung dokumentiert auch und vor allem das Engagement einer ganzen Gemeinde. Spürbar, möchte ich sagen. Denn die Spielfreude der 120 Laienschauspieler überträgt sich sichtlich auf die Zuschauer.

Dass das Dreikönigsspiel vom Silzer Krippenverein mitgetragen wird, ist in der Inszenierung ersichtlich. Da treten auch alle Tiere auf, die in Tiroler Krippen unverzichtbar sind. Rösser, Esel, Schafe, Hirten, Hühner und sogar ein Kamel.  Die Schauspielerinnen und Schauspieler beleben den Marktplatz des biblischen Bethlehem und zaubern ein orientalisches Flair in das verschneite Silz. Feuerschlucker, Zauberer und sogar eine Tänzerin beleben die Szenerie. Immer streng bewacht von römischen Soldaten.

Der Marktplatz zu Bethlehem

Das Dreikönigsspiel des Pepi von Silz lebt – wie könnte es auch anders sein – von der geistlichen Belehrung. Nämlich jener, dass das Gute schließlich siegt. Folgerichtig wird König Herodes als übler Despot präsentiert, dem es um die Macht geht. Und der auch moralisch verwerflich sein muss, lässt er doch eine verführerische Tänzerin auf dem Marktplatz zu Bethlehem auftreten. Ein Herodes aber, der dann seine Grenzen erkennen muss, wenn die armen Hirten dem Ruf der Engel folgen und den neugeborenen ‘König der Juden’ aufsuchen. Engel, die ihre elysischen Gesänge übrigens schemenhaft hinter einem beleuchteten Tuch vortragen.

Der üble König Herodes. Bild: Erwin Schröder

Der Höhepunkt des Spiels ist natürlich das Auftreten der Könige. Mit Pauken und Trompeten angekündigt, auf Pferden reitend und in Begleitung eines Kamels ziehen sie in Bethlehem ein. Ihre Suche nach dem Stall und die Anbetung des Christuskindes bilden den Schluss dieses opulenten Schauspiels. Eine letzte Szene zeigt die Flucht der Heiligen Familie auf einem Esel.

Dreikönigsspiel Silz

Die Anbetung des Kindes, die zentrale Szene des Dreikönigsspiels. Bild: Erwin Schröder

Alles in allem eine überaus gelungene Wiederbelebung uralter Tiroler Volksschauspieltradition. Der Erfolg  der Silzer Aufführung zeigt auch exemplarisch auf, dass so etwas im digitalen Zeitalter durchaus erfolgreich sein kann. Für mich hat ein solches Spiel noch eine weitere, vielleicht noch wichtigere Dimension. Denn immerhin beteiligen sich 120 Silzerinnen und Silzer am Spiel, studierten ihre Rollen ein, lernten Texte. Weitere 80 Bewohner beteiligten sich quasi ‘hinter den Kulissen’ am Spiel. Und das ist es, was in unseren Tagen wieder gefragt sein sollte: Gemeinsam etwas zu schaffen das Freude macht.