Die Bundesbahndirektion in der Claudiastraße im Stadtteil Saggen zeigt, wie wichtig die Eisenbahn im 19. Jahrhundert war, welchen Stellenwert man diesem Transportmittel beimaß. Es geht durch eine wuchtige Tür und über Marmorstufen ins Innere. Ich halte mich aber nicht mit der Gestaltung auf – denn für mich heißt es: Ab in den Keller. Dort steht die Modellbahn der Sektion Modellbahn des Eisenbahner Sport Vereins (ESV) Innsbruck.

Seit 1993 ist Kurt Pregenzer Leiter der Sektion Modellbahn des ESV Innsbruck.

Platz für die Bahn

Kurt Pregenzer erwartet mich schon. Er ist seit 1993 Sektionsleiter, und seit er denken kann, beschäftigt er sich mit Modelleisenbahnen. Der Verein zählt rund 20 Mitglieder. Es waren schon einmal deutlich mehr, sagt Pregenzer: „Es interessieren sich immer wieder junge Leute. Aber dann verändern sich die Interessen. Einige kommen allerdings wieder, wenn sie Familie haben.“ Denn daheim ist selten Platz für eine Modelleisenbahn.

Mehrere Räume

Gegründet wurde die Sektion 1958 – sie feiert heuer also ihr 60-Jahr-Jubiläum. Anfangs waren die Modellbauer noch am Innsbrucker Hauptbahnhof untergebracht. 1962 übersiedelten sie in die Bundesbahndirektion im Saggen. Zunächst nutzten sie nur einen kleinen Raum, schon bald benötigten sie weitere. Seither findet sich der Abstellbahnhof in einem Raum und die Anlage in einem anderen, verbunden sind sie durch Tunnels für die Züge. Dazu kommen ein Sitzungszimmer und natürlich die Werkstätte.

Etwas für echte Tüftler – der Weinberg braucht eine Rundumerneuerung.

Immer was zu tun

Zu tun gibt es immer etwas. „Ältere Anlagenteile müssen erneuert und Lokomotiven und Wagen gewartet werden“, erzählt Pregenzer, während er mich durch die Räume führt. Derzeit arbeiten die Mitglieder an einem neuen Weinberg, der sich hinter der Stadt erhebt: Weinstock um Weinstock wird „gepflanzt“.
Neben handwerklichem Geschick und technischem Verständnis braucht es längst Computerkenntnisse, denn die Anlage wird über Computer gesteuert. Steht eine Lok still, muss Hand angelegt werden. Dann heißt es, unter die Anlage kriechen und die Problemstelle suchen – der Kabelsalat macht’s nicht leicht. Aber Pregenzer und seine Kollegen kennen ihre Modellbahn aus dem Effeff.

Auch bei der Innenhofgestaltung legten die Modellbauer Wert auf die Details.

Wimmelbild in 3D

Pregenzer setzt sich an den Computer, zeigt mir den Schaltplan und stellt die Signale auf Grün. Zwei Züge setzen sich in Bewegung und verschwinden durch die Tunnel in den Anlagenraum. Dort drehen sie Runde um Runde – verschwinden in Galerien, fahren über Brücken, meistern Kurven, passieren Tunnel und rattern an mit viel Liebe zum Detail gestalteten Landschaften vorbei: ein Wimmelbild in 3D.

Je länger ich mir die einzelnen Teile anschaue, desto mehr Details sehe ich. Am See zum Beispiel befindet sich ein kleiner Campingplatz mit Steg und einem eigenen FKK-Bereich. Auf dem Bauernhof erklingen per Knopfdruck Tiergeräusche, der Bauer mäht, Wäsche hängt an der Leine, der Apfelbaum trägt Früchte, der Garten ist gut bestellt. Auch entlang der Gleise tut sich einiges: Gleisarbeiter werken am Eingang eines Tunnels, kontrollieren Streckenabschnitte.

Naturgetreu gestalteter See mit Campingplatz, Badenden und eigenem FKK-Bereich

Welcher es ist

Der Hauptbahnhof gleicht dem alten Innsbrucker Bahnhof, ist es aber nicht. „Das ist der Bahnhof von Bonn, dem unseren sehr ähnlich. Ein Modell des Innsbrucker Bahnhofs gab es nicht “, erklärt Pregenzer. Heute sei mit einem 3D-Drucker natürlich vieles möglich, ergänzt er. Aber das würde bedeuten, die Anlage komplett neu zu gestalten. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich wünschenswert ist, immerhin stecken Jahrzehnte Arbeit in dieser Modellbahn. Und sie hat echt Charme, diese Modellbahn.

Auf den ersten Blick schaut der Bahnhof aus wie der alte Innsbrucker Bahnhof.

Ein vergessener Tüftler

Die Modellbahnbauer sammeln auch. Besonders stolz sind sie auf den Modellbahn-Nachlass von Hermann Nessler. Der Innsbrucker baute nach dem Zweiten Weltkrieg hobbymäßig hochwertige Straßenbahn- und Modelleisenbahnmodelle. Serles Bahnen Tirol hieß seine Werkstätte. Ein echter Tüftler, der selbst die kleinsten Teile selbst herstellte. „Er ist leider und völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten“, betont Pregenzer. Ein paar besonders schöne Stücke samt einem kurzen Lebenslauf von Nessler sind in den Räumlichkeiten der Sektion ausgestellt.

Aufeinander abgestimmt: Bergdorf mit gemalter Landschaft im Hintergrund

Türen öffnen sich

Die Modellbahnanlage im Keller der Bundesbahndirektion war früher immer während der Herbstmesse zugänglich. Bis zu 2.500 Besucher verzeichnete die Sektion damals, heute öffnen sich nur noch während der Weihnachtsfeiertage die Türen. Dann aber ist die Modellbahn rege besucht. Besonders Familien mit Kindern schätzen das Angebot. Hier kann man dem Trubel entfliehen, entspannt versinken in eine andere Welt und den sonoren Geräuschen der Bahnen lauschen. Wer sich darüber hinaus für das Hobby interessiert: Jeden Freitag treffen sich die Mitglieder der Sektion Modellbahn in ihren Räumlichkeiten.

Der Zug verlässt den Tunnel und rattert über die Brücke.

Eine eigene Welt

Es ist eine eigene Welt, in die man eintaucht, wenn man die Stufen in den Keller hinuntergeht, durch den kühlen Gang zu den Räumen der „Bahneler“. Dort eröffnet sich einem ein spannender Kosmos.
Mit vielen Bildern im Kopf und den Geräuschen der Züge im Ohr steige ich die Kellertreppe hinauf und hinaus auf die Claudiastraße. Sehr speziell, sehr besonders – und sehenswert ist die Innsbrucker Modellbahn.

Die Modellbauer achten bei jedem Detail auf eine realistische Darstellung.

Ein paar Zahlen
Anlagenfläche im Anlagenraum: ca. 38 Quadratmeter
Anlagenfläche im Bahnhofsraum: ca. 16 Quadratmeter
Gleislänge gesamt: ca. 460 Meter
größter Höhenunterschied: ca. 70 cm,
1 Großbahnhof, 2 Bahnhöfe, 1 Bergbahnhof, 146 einfache Weichen, elf Kreuzungsweichen, rund 150 Signale, ca. 180 Gebäude, 27 Blockabschnitte …
… Wer mehr wissen will: Die Mitglieder der ESV Sektion Modellbahn haben sicher noch weitere Zahlen parat.

Blick auf die Ereignisse in einer der Straßen, die durch die Modellstadt führen.

ESV Modellbahn Innsbruck
Bundesbahndirektion
Claudiastraße 2
6020 Innsbruck
www.modellbahn-ibk.at
E-Mail: Kontaktformular auf der Website

Öffnungszeiten Weihnachtsfeiertage
24.12.2018: 10 – 16 Uhr
23./25./26.12.2018: 13 –17 Uhr
05./06.01.2019: 13 –17 Uhr
Jeden Freitag ist Vereinsabend (ab 18:30 Uhr). Interessierte sind herzlich eingeladen. Da der Eingang geschlossen ist, unbedingt vorher anrufen: Tel. +43 664 3410987

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler

Weitere Ideen für die Freizeitgestaltung in den Weihnachtsfeiertagen sind unter www.innsbruck.info zu finden.