Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Essen ist auch ein Teil unserer Identität. Was uns schmeckt, entscheidet sich schon von Kindesbeinen an. Unser Umfeld lehrt uns Geschmack. Und über den Tellerrand zu schauen, lehrt uns Weitblick und Verständnis. Auch beim Essen. So versucht beim European Street Food Festival in Innsbruck.

Ja, eigentlich könnte man in Innsbruck am Wochenende auch etwas anderes machen, als zu essen. Aber Streed Food ist mehr als ein Trend und Innsbruck mehr als die Summe seiner Berge. Beim European Street Food Festival in der Messehalle jedoch ging es nicht nur um das Essen oder die Speisen an sich, es geht um kulturelle Integration, die nicht erst im Magen beginnen sollte. Das hat einen einfachen Grund. Essen ist einfach die ursprünglichste soziale Situation des Menschen. Es ist das erste, worüber wir überhaupt Sozialität erleben, also Unterstützung und Anerkennung. Jedes Baby, das gefüttert wird, erfährt durch das Geben von Nahrung Zuwendung. Deshalb essen wir auch gern in Gemeinschaft. Und noch viel mehr: deswegen probieren wir auch gerne mal Speisen aus aller Herren Länder aus.

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Wer hätte es gedacht – aber Fisch und Meeresfrüchte werden rund um den Globus gegessen, in verschiedensten Variation. So probiert einmal bei einem australischen Koch aus dem wasserlosen Outback und dem Skipper aus Skandinavien. Foto: Kristina E.

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Essen als Ausdruck von Wertschätzung.

Das gemeinsame Essen, besonders an Festen, ist in allen Kulturen und allen Schichten enorm wichtig. Wir sprechen ja auch nicht umsonst vom „Sonntagsbraten“. Essen wurde auch schon immer als Ausdruck des Teilens und von Wertschätzung angesehen. Das Tanzen hat sich in Adelskreisen erst im Mittelalter um das Essen herumgruppiert. Der gedeckte Tisch stand aber auch da an erster Stelle. Den suchte man am Street Food Festival vergeblich, dafür kam man an den langen Bierbänken und den diversen Stehtischen schnell ins Gespräch. Über was? Das Essen natürlich…immerhin fand man an einem Tisch in kulinarischer Hinsicht alle Kulturen wieder: Frühlingsrollen aus Vietnam, Wikinger-Sandwich aus Skandinavien (hätte es die vor tausend Jahren schon gegeben, hätten die Wikinger definitiv vor lauter Sättigungsgefühl keinen Nerv mehr gehabt, ihr Land zu verlassen) und Bulgur-Salat aus Israel. Hin und wieder gesellt sich auch ein Dürüm oder eine italienische Piadina am Tisch dazu. Das Wort “international“ und „Street Food“ ist in Bezug auf diese dreitägige Veranstaltung auf jeden Fall gerechtfertigt.

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Schaut gleich aus, ist aber einmal aus dem Vorderen Orient und einmal aus Süd-Ostasien. Foto: Kristina E.

Schaut gleich aus, ist aber einmal aus dem Vorderen Orient und einmal aus Süd-Ostasien. Foto: Kristina E.


Essen als Ausdruck von sozialem Status.

Auch sozialen Status kann man mit Essen nach außen zeigen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat Ende der 1960er Jahre eine Studie durchgeführt, wie einzelne Schichten ihren Geschmack prägen. Er nennt das Habitus. Das umfasst natürlich noch viel mehr als die Ernährung. Höher gestellte, gebildete Personen bevorzugen beispielsweise Gerichte, die komplizierter zu essen sind, etwa Meeresfrüchte. Die Arbeiterklasse bevorzugt dagegen Speisen, die ohne viel Geschirr auskommen, etwa Eintöpfe. Bourdieu unterscheidet also den Luxus- und den Notwendigkeitsgeschmack. Die Gesellschaft ist heute aber viel durchgemischter. Und das ist auch gut so bzw. richtig so. Denn es wäre sehr schade, wenn sich das geräucherte Lachsfilet nicht zu den BBQ-Rippchen und den Saté-Spießen gesellen könnte.

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Bei der Nachspeise kam langsam aber doch Entscheidungsmüdigkeit auf. Dann besser alles, Ausgrenzung ist doof. Auch beim Essen. Foto: Kristina E.

Bei der Nachspeise kam langsam aber doch Entscheidungsmüdigkeit auf. Dann besser alles, Ausgrenzung ist doof. Auch beim Essen. Foto: Kristina E.


Fazit über-kulinarischer Art.

Seien wir uns also ehrlich: wenn es hunderte von Besuchern auf das European Street Food Festival in Innsbruck zieht, die aus purer Neugierde mal Speisen aus anderen Kulturkreisen kosten oder exotische Früchte kaufen, neue Biersorten probieren oder einfach mal die Kreativität der Küchen aller Länder entdecken – dann sollte es doch möglich sein, diesen integrativen und offen Ansatz auch in anderer Form in den Alltag zu integrieren. Nicht nur beim Essen.