Neulich war ich wieder kurz in Innsbruck, aber nicht kurz genug, um nicht einem meiner Lieblingsrestaurants einen Besuch abzustatten. Es liegt zwar nicht in der Stadt selbst, sondern in Lans, einem Tausend-Seelen-Dorf im Mittelgebirge, dort, wo’s zum Patscherkofel hinaufgeht. Am flachen Land würde man dazu Vorort sagen.

Terrasse Wilder Mann

Noch vor allen anderen stürmte ich die Terrasse des Wilden Mannes.

Terrasse Wilder Mann

Auf zwei Ebenen kann man die Köstlichkeiten in der frischen Luft genießen.

Der Wilde Mann

Es war einer der ersten warmen Tage, man konnte im Garten sitzen und, was soll ich sagen, es war wieder einmal großartig. Der Ochsenmaulsalat schluzig und fluffig ganz ohne die allenthalben anzutreffenden Knorpel. Ein Musterexemplar von einem Zwiebelrostbraten, das Fleisch mürb und saftig statt zäh und trocken, die Zwiebeln auf die Sekunde geröstet, die Kartoffeln auch wirklich mitgebraten. Und ja, es gibt’s immer noch, das Stanitzel mit Preiselbeerschlag. Allein schon beim Wort Stanitzel bekommt man als Angehöriger meiner Generation feuchte Augen. So ein kulinarisches Highlight bekommt man heute ja fast nirgendwo mehr.

Ihr merkt schon, liebe Leser, worauf ich hinaus will: dieses Haus, zu dem man heute gastronomisch korrekt Restaurant sagen muss, ist ein Wirtshaus geblieben. Ich finde es gerade deswegen so toll, weil es eben keiner Mode nachläuft. Molekularküche krieg ich in Spanien besser, Naturküche in Skandinavien, und große Küche im Wiener Steirereck. Der Wilde Mann ist sich selbst und der Tradition treu geblieben, durch die Jahrzehnte. Mit Tirolerknödel-Suppe und Kalbsrahmbeuschel, Forelle blau und Tafelspitz, aber auch Entenleberterrine und gebratener Hochrippe. Alles wunderbare Gerichte, bei denen man was Handfestes hat und nicht bloß einen Geschmackskitzel auf der Zunge.

Kulinarischer Aufbruch der Siebziger Jahre

Dabei muss man auch feststellen, dass der Wilde Mann interessanterweise eines der wenigen Restaurants in Innsbruck und Umgebung ist, das vom kulinarischen Aufbruch der Siebziger Jahre übrig geblieben ist (neben dem Altmeister Europa Stüberl, das seinem Ruf als Erstes Haus am Platz gerecht werden konnte). Nach den Schmalhans-Zeiten der Fünfziger und den undifferenzierten Nachholzeiten der Sechziger (man wollte sich endlich wieder einmal satt essen!) fand damals die erste kulinarische Revolution statt, in der man wieder Qualitätsmaßstäbe anlegte: Das Essen musste nicht nur nahrhaft sein, es sollte auch schmecken. Da gab es die Belle Epoque am Innrain, das Bistro an der Pradler Brücke, die Datscha (ein echter Russe!) in Gnadenwald. Was wir damals aber immer wieder vernahmen, war der Ruf dieses Gasthauses in Lans. Er kam allerdings meist von den Altvorderen, die Essenstraditionen und ein Auto hatten, um dort hin zu kommen. Wir hungrigen Jungen hatten weder das eine noch das andere, aber eine unbändige Lust auf Exotisches, Neues, Ungewöhnliches. Erst mit der Zeit haben wir dann die wahren Werte schätzen gelernt. Siehe oben. Und so sitze ich im Garten vom Wilden Mann und sinniere bei diesen Werten über die kulinarische Geschichte meiner (Haupt-)stadt nach. Tempora mutantur et nos in illis.

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Der Pate des Wirtshauses: Der Wilde Mann

Bleibt noch die Frage, wie denn ein Wirtshaus zu so einem doch eher seltsamen Namen kommen konnte, zumal es nicht das einzige in Tirol und darüber hinaus ist, das so heißt. Alles deutet darauf hin, dass es sich um alte Mythen/Sagen/Märchen von Naturmenschen handelt, die außerhalb der Zivilisation lebten. Und die gab es anscheinend auf der ganzen Welt, verkörpert in Rübezahl, Bigfoot, Yeti, Tarzan. In letzter Konsequenz geht das bis in die Jungsteinzeit zurück, als im Zuge der sogenannten neolithischen Revolution die Menschen sesshaft wurden, sich einen Haushalt einrichteten und Ackerbau und Viehzucht betrieben. Der “Wilde Mann” wollte sich da nicht einfügen und streifte als Jäger und Sammler lieber weiter durch die Wildnis der Altsteinzeit.

Die Frage ist, wie er zum Paten eines Wirtshauses werden konnte. Ich habe drei Theorien, die sich gegenseitig keineswegs ausschließen.

Eintrag zum Wilden Mann würde das hervorragend passen: “Der Wilde Mann ist vom frühen Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit im Volksglauben des germanischen und slawischen Sprachraums ein anthropomorphes Wesen. Er wurde als einzelgängerischer, mit Riesenkräften ausgestatteter, stark behaarter, nackter oder nur mit Moos oder Laub bekleideter Urmensch beschrieben oder dargestellt. Seine Lebensweise galt einerseits als halbtierisch und primitiv, andererseits aber auch als paradiesisch und naturverbunden. Für seinen bevorzugten Aufenthaltsort hielt man unbewohnte oder unbewohnbare Wald- und Berggebiete.”

Meine zweite Theorie ist eine gewagtere: mit diesem Namen wurde ordentlicher Fleischgenuss (“wie bei den Wilden”) versprochen.

Und drittens die Eleganteste: es handelt sich um die erste Form von Erlebnisgastronomie.

Ob eine dieser Theorien tatsächlich zutrifft, bleibt offen. Aber wem nun der Mund wässrig geworden ist, findet mehr Informationen auf der Homepage: www.wildermann-lans.at

Der Wilde Mann hat übrigens auch ein schönes Hotel, in dem man gern übernachten möchte, aber als Altinnsbrucker ist man ja nicht drauf angewiesen. Wer sich wundert, was das Mittelbirge genau ist, findet hier die nähere Erläuterung: Wikipedia-Artikel: Tiroler Mittelgebirge

Der Landhof liegt gegenüber des Restaurants. Hier liegt auch der Gastgarten.

Der Landhof liegt gegenüber des Restaurants. Hier liegt auch der Gastgarten.

Kontakt:
Hotel & Restaurant Wilder Mann
Römerstraße 12
A-6072 Lans
Tel.: 0512/377 387 oder 0512/379 696
E-Mail: info@wildermann-lans.at

Bilder: Marlies Mair