Kochen will gelernt sein. Martin Müller kann es gut und gern, im Haus Eden in Innsbruck (SOHO 1). Abends gibt er dort in regelmäßigen Abständen Kochkurse, für alle, die den Gaumen so meisterlich verführen wollen wie er. Zum Single-Kochen hat mich der Chefkoch kürzlich höchstselbst eingeladen: Sechs Damen, aber nur drei Herren – kein Gentleman könnte hier abwinken. Ich komme also, mit wieherndem Drahtesel und frisch gebügeltem Hemd, pünktlich aus dem Sonnenuntergang geritten. Ein heldenhafter, aber heimlicher Auftritt, denn von der Terrasse sieht man die Straße nicht. Oben erwartet mich eine gut gelaunte Gruppe gemischter Mittfünfziger. Mittendrin Martin, der zwischen Aperitif und Abendsonne gerade seine heutigen vier Gänge erklärt.

Essen mit Liebe.

This slideshow requires JavaScript.

Liebe geht durch den Magen, so sagt man. Die Kunst der Verführung beginnt folgerichtig weiter oben, bei der Zunge. Ein Wunderding mit neun Muskeln, fünf Geschmacksrichtungen (süß, sauer, salzig, bitter und umami), Sprachfunktion und integriertem Tastsinn. Unser Stargast des Abends für ein verführerisches Galadate in vier Runden. Erdbeere trifft Spargel, der Chefkoch schwärmt mir den Mund feucht. Reihum gehen die druckfrischen Rezepte des Abends zum Mitnehmen: Spargel-Forellen-Pfeffer mit Olive und Erdbeere. Spargelcremesuppe mit Bärlauchpesto, gerösteten Cashewkernen und Grissini. Estragon-Lammkrone mit grünem Spargel und haus-halbgetrockneten Tomaten, dazu Kartoffelgratin. Zum Finale ein Erdbeer-Tiramisu Flip mit Aronia-Spargelsalat an weißer Schokolade und frischer Minze. Alles Bio, natürlich, und aus der Region. Gekocht wird heute selbst, auch wenn wir alle noch keine Ahnung haben wie. Asiya assistiert unterdessen am Zapfhahn und lässt den zweiten Spritzwein kommen.

Mann und Spargel.

Auf nüchternen Magen fährt der zweite Aperitif noch besser als der erste. Bald habe ich mich bei allen mindestens zwei Mal vorgestellt. Wir komplimentieren uns gegenseitig nach Drinnen und versammeln uns in der geräumigen Schauküche. Gerade rechtzeitig, denn der Chefkoch schleppt einen imposanten Topf Spargel herbei. Weiß und grün, stechfrisch vom Feld, nur vom Morgentau wachgeküsst – Morning glory, grinst der Küchenchef. Bedächtig legt er jedem einen weißen Prügel in die Hand und erklärt Aufbau, Geschmack, Eigenschaften und die nun folgende Arbeitsweise. Liebevoll müsse man vor allem mit der Spitze umgehen, wirft die Ulli ein. Alle älteren Damen nicken wissend. Und wenn man ihn unten am Stengel reibt, muss der Spargel quietschen, dann ist er jung und saftig. Der Zwischenruf zwinkert vielsagend zum schlaksigen Küchenchef und wird nichtmal rot dabei. Der Rest muss sich vor Lachen an irgendwas festhalten. Nur Asiya hat nicht zugehört und verteilt achselzuckend Taschentücher weil alle weinen.

Frau und Früchtchen.

Auch über die gemeine Bio-Erdbeere klärt uns der Küchenchef auf – im Kontrast zum Phallusgemüse Spargel ja eine sehr weibliche Frucht. Alle naschen schon mehr oder minder heimlich. Dabei ist die Erdbeere keine Beere, sondern eine Sammelnussfrucht, fährt der Chefkoch fort. Das süße Fruchtfleisch soll ganz klar zum Vernaschen der Samen verführen. Ich muss schon wieder grinsen und mach mich gleich an die Gri(n)ssini: Mehl, Wasser, Zucker, Salz, etwas Öl und Trockenhefe. Nach zehn Minuten schweißtreibender Handarbeit bin ich mit meinem Teigling zufrieden und lasse ihn gehen. In eine ruhige Ecke, für fünfundvierzig Minuten. Vom Spargelschälen in Stimmung geraten, haben die übrigen Singles derweil schon das Kartoffelgratin geschält, geschnippelt und garfertig geschichtet. Am Herd köcheln unterdessen die Spargelenden und -schälreste zu einem duftenden Sud. Mit Lorbeer, Zitrone, Zucker, Salz, Butter und altem Weißbrot – das zieht nämlich die Bitterstoffe aus dem Spargel.

Meister und Schüler.

Weil wir alle viel zu viel Spaß mit dem Spargel hatten, übernimmt Chefkoch Martin nach einem Blick auf die Uhr das Ruder. Alle Mann einen Schritt zurück – nur Minuten später sind wir unter Anleitung des Meisterkochs schon damit beschäftigt die Vorspeise anzurichten. Das Einzige was noch mehr Spaß macht, ist das Kunstwerk aber zu essen. Selbstgemacht schmeckt einfach am besten. Während wir noch schwelgen, schöpft der Chef schon die Suppe. Ein Schwenk Bärlauchpesto, ein paar essbare Blüten, schon wird die weiße Suppenleinwand zum Gemälde. Danach die Krönung: das Lamm. Zerschmilzt zartrosa im Mund, deftig begleitet von einem Gratin uriger Tiroler Erdäpfel. Jeden Gang begleitet der Koch aus der Küche mit fachtechnischen Details, während er mit zwei Händen schneller schafft, was wir mit zwanzig nicht schafften. Zum Tiramisu sitzt er dann wieder mit uns am Tisch. Schmeckt’s?, fragt er schmatzend. Die Schüler schmatzen unisono zurück und der Meister nickt zufrieden.

Next: Männerkochen.

Der Abend endet, wie er enden soll: Spät, satt und siegreich. Wir haben gekocht wie die Götter und fühlen uns jetzt auch wie welche. Mehrmals wird auf Essen und Erlebnis angestoßen, bald wird mehr gelacht als gesprochen. Martin, Asiya und ich stehlen uns mit dem Abwasch davon und überlassen den Ausklang des Abends den feuchtfröhlichen Singles. Wer dann mit wem heim gegangen ist, wird hier ein Geheimnis bleiben – ich musste nämlich zeitig zum Zug. Zum nächsten Kochabend hat mich der Chef aber auch schon eingeladen: Männerkochen. Wo zur Abwechslung mal die Männer für ihre Frauen kochen! Wir müssen beide grinsen, weil Männerkochen bei uns längst Alltag ist. Bei Martin im Haus Eden natürlich sowieso.

Die aktuellen Termine zu den nächsten Kochkursen verkündet Martin übrigens hier auf Facebook.