Bergsteiger, Bergretter und Geschichtenerzähler Walter Spitzenstätter erweitert meinen Horizont während eines Interviews in seinen Wohn-Gefilden an einem Nachmittag in der Climbers’ City Innsbruck.

„Meine Eltern waren nicht unbeweglich, aber bestimmt keine Bergsteiger.“

Hartmut Müller: Wie ist dein Bezug zum Berg? Woher kommt deine Faszination zum Bergsteigen? 

Walter Spitzenstätter: Die meisten werden erzählen, dass sie ihr Vater mitgenommen hat. Bei mir war das anderes. Meine Eltern waren nicht unbeweglich, aber bestimmt keine Bergsteiger. Ich bin Jahrgang 1940 und als ich um die 15 Jahre alt war, hatten wir als Familie nur das Nötigste zum Leben. Übriges Geld war nicht da, also habe ich mir eine günstige Sportart gesucht. Und da war das „Bergln“ naheliegend. Meist bin ich am Samstag mit Freunden auf Hütten gegangen und so sind wir zu Bergsteigern geworden, aus reinem Selbstempfinden heraus.

Walter Spitzenstätter

Biwak in der Eiger Nordwand: Fotocredit: Walter Spitzenstätter

Hartmut Müller: Und wie hat sich deine Faszination für den Berg entwickelt? 

Walter Spitzenstätter: Ich bin recht früh zum Alpenverein gekommen. Von da an war ich im Zentrum der Bergwelt. Und dann ist Hermann Buhl abgestürzt, das war 1957. Das war das große Thema damals. Dann habe ich angefangen Bücher über das Bergsteigen zu lesen. Das hat meine Begeisterung entfacht.

„Nach 60 Jahren Bergsteigen finden sich 7.200 Gipfel in meinem Tourenbuch.“

Hartmut Müller: Begeistert dich das individuelle Erkunden oder bist du ein Suchender? Wie hat es sich ergeben, dass du über 7.000 Gipfel bestiegen hast? 

Walter Spitzenstätter: Wie mein Zugang zum Bergsteigen, war es hier auch ähnlich überraschend. Ich hatte da ein Schlüsselerlebnis mit dem Onkel eines Schulkollegen. Der Onkel war Kärntner und Schneidermeister und er hatte zu Hause eine Landkarte hängen. Dort waren alle Gipfel unterstrichen, die er schon bestiegen hat. Das hat mich fasziniert, die Karte war voller Striche, auch bei der Wildspitze und beim Zuckerhütl. Er erklärte mir, dass ich das unbedingt machen solle. Er hat mir auch sein Tourenbuch gezeigt. Somit habe ich angefangen alles zu notieren, nur kurze Notizen: wo ich war, wann ich dort war, wie lange ich gebraucht habe. Das habe ich bis heute beibehalten. Jetzt haben sich diese Summierungen ergeben nach 60 Jahren Bergsteigen. Insgesamt sind es 7.200 Gipfel.

Walter Spitzenstätter

Im Jungmannschaftsriss. Fotocredit: Walter Spitzenstätter

Hartmut Müller: Und es geht immer noch weiter? 

Walter Spitzenstätter: Ja das hoffe ich (lacht), dass es noch weiter geht.

Hartmut Müller: Hast du einen Lieblingsberg? 

Walter Spitzenstätter: Ja das ist ganz klar der Rietzer Grießkogel.

Hartmut Müller: Wirklich, den kenne ich auch, warum? 

Walter Spitzenstätter: Ja das ist der ideale Berg. 1.000 Höhenmeter sind nicht zu viel und nicht zu wenig. Der Anstieg liegt südseitig und ist meistens sicher. Nach dem Aufstieg mit den Fellen wird noch ein Stück Gratkletterei geboten, wo man im Winter super hinaufstapfen kann. Somit hat man die ideale Kombination aus Skitour und Bergsteigen.

„Jeder Unfall in den Bergen ist einzigartig. Daraus lernen wir.“

Hartmut Müller: Du bist auch bei der Bergrettung. Wie ist es dazu gekommen?

Walter Spitzenstätter: Es sind viele meiner Kollegen in den Bergen umgekommen. Das war der eigentliche Grund, warum ich zur Bergrettung gekommen bin. Ich wollte und will immer noch, dass der Tod jedes einzelnen nicht sinnlos ist, sondern, dass wir alle, die in den Bergen unterwegs sind, daraus lernen. Es wird jeder Vorfall genau untersucht, damit dieselben oder ähnliche Fehler nicht wieder passieren. Wir lernen von jedem Unfall, denn jeder ist einzigartig.

Hartmut Müller: Hat es in deiner Laufbahn als Bergretter auch schon einmal sinnlose Einsätze gegeben, wo du dir gedacht hast, das kann jetzt wohl nicht wahr sein, dass wir wegen so etwas ausrücken müssen? 

Walter Spitzenstätter: Natürlich hat es die gegeben und wird es weiterhin geben. Es kann schon vorkommen, dass man wegen einem verstauchten Finger ausrücken muss. Wobei diese Einsätze eher selten sind. Grundsätzlich ärgern wir uns nicht, wir gehen der Ursache des Vorfalls nach, aber es artet nie in einem Vorwurf an die Verunglückten aus. Wenn etwas passiert, spricht man oft von den Wahnsinnigen. In Wirklichkeit ist niemand lebensmüde, es sind meistens falsche Einschätzungen, weil die Berge mit ihren Eigenheiten und Gefahren und auch die eigene Leistungsfähigkeit nicht richtig erkannt werden.

Walter Spitzenstätter

Steilwand im Matterhorn. Fotocredit: Walter Spitzenstätter

„Die Leben beider Partner hängen voneinander ab. Es ist ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe und Gleichheit.“

Hartmut Müller: Hast du einen Lieblingskameraden am Berg und kennst du neben der Spannung im Seil soziale Spannungen am Berg, so dass du einmal in Frage gestellt hast, warum du gerade mit dieser Person unterwegs warst? 

Walter Spitzenstätter: Das Erkennen des Wertes eines Menschen, mit dem du schwierige Touren am Seil kletterst, ist eine meiner wichtigsten Lebenserfahrungen. Wenn du mit einem Kletterpartner schwere Touren machst, dann kannst du dich auf ihn auch während dem Rest deines Lebens verlassen. Alle Werte, auf die es im Leben ankommt, wie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, die bringt ein Seilpartner mit sich. Dabei muss man aber nicht immer unbedingt einer Meinung sein. Ich hatte viele ausgezeichnete Partner, mit denen ich durch dick und dünn gehen konnte. Ich glaube diese Bindung gibt es nirgendwo sonst in dieser Intensität, wie bei Kletterern. Wobei, heute mit den zu 100 Prozent abgesicherten Touren ist das vielleicht anders, da gibt es diese unmittelbare Todesgefahr nicht mehr. Früher sind wir „auf Teufel komm raus“ geklettert: 30 bis 40 Meter Seillängen ohne Zwischensicherungen. Dabei kam es vor, dass beide Kletterer „draufgegangen“ sind und viele Seilschaften sind gemeinsam abgestürzt. Diejenigen, die die wilde „Sturm- und Drangzeit“ überlebt haben, sind die wahren Sieger und genießen das Klettern bis ins hohe Alter.

Walter Spitzenstätter

Eisige Kälte am Walkerpfeiler. Fotocredit: Walte Spitzenstätter

„Todesangst darfst du nicht gelten lassen, sonst hast du schlechte Karten.“

Hartmut Müller: Hattest du schon einmal Todesangst am Berg? 

Walter Spitzenstätter: Es gab auf der Gefahrenseite sehr wohl Situationen, wo ich gedacht habe: Wäre ich doch besser zu Hause geblieben, was habe ich mir da eingefädelt? Wobei, der Begriff Todesangst ist mir zu hoch. Todesangst darfst du nicht gelten lassen, sonst hast du schlechte Karten. Der junge, explosive Kletterer denkt nicht über den Tod nach, der steckt das weg. Es gilt in kritischen Situationen besonnen zu sein, bei mir ist es zum Glück nie in die Hose gegangen. Ich habe einfach Glück gehabt. Oft hat man Glück und realisiert es gar nicht. Das ist am Berg nicht anders als im Straßenverkehr.

Walter Spitzenstätter

Marmolada di Rocca. Fotocredit: Walter Spitzenstätter

Hartmut Müller: Was ist dein Vermächtnis, du bist ja auch Publizist? Was möchtest du den Jungen weitergeben? 

Walter Spitzenstätter: Ich bin kein Schriftsteller, der besonderes Wissen weitervermittelt. Meine Vorträge waren immer Erlebnisberichte, da erzählte ich aus meinen Erinnerungen, das war lässig. Aber beim Thema Bergrettung, wenn es um die Auflösung von Unfallursachen geht, gibt es für den Zuhörer etwas Positives, da kann er etwas mitnehmen und lernen. Mit meinem Buch über Reinhard Schiestl, wollte ich einem außergewöhnlichen Menschen ein Denkmal setzen. Das Schaffen dieses großartigen Alpinisten war es mit Sicherheit wert, festgehalten zu werden. Heute noch bekomme ich Anfragen für dieses Buch, wo es doch schon bald nach dem Erscheinen ausverkauft war.

Derzeit schreibe ich an einem Buch über die Geschichte der Bergrettung. Ich arbeite bereits drei Jahre daran und brauche vielleicht noch ein weiteres Jahr. Die Landesleitung der Bergrettung Tirol hat mich gebeten, die Entwicklungen im Bergrettungswesen von Tirol niederzuschreiben, weil ich schon seit über 60 Jahren aktiv und auch als Funktionär dabei bin. Es ist wahrlich viel Arbeit, weil man den Dingen zunächst durch Recherche in tausenden Protokollen auf den Grund gehen muss und erst dann die Ereignisse bewerten, in Kapiteln zusammenfassen und schließlich niederschreiben kann.

„Der Mensch wird weitere Entwicklungen nicht verhindern können . . .“

Hartmut Müller: Wie siehst du die Zukunft des Berges, auch im Spannungsverhältnis zwischen der Erhaltung der Natur und dem Tourismus? 

Walter Spitzenstätter: Ich sehe das ähnlich wie die Diskussion, als die Bohrhaken aufgekommen sind. Zuvor gab es die Routen, die man normal geklettert ist, dann hat man nur die Standplätze gesichert und später wurden Routen, wie die Auckenthaler in der Martinswand, komplett mit Bohrhaken abgesichert, sodass man sie wesentlich sicherer durchklettern kann. Nicht jedermann ist davon überzeugt, hier wirklich einen Schritt nach vorne gemacht zu haben. Der Reiz des Abenteuers schwindet mit dem Verlust der Gefahr auf ein Minimum.

Es ist eine philosophische Frage: Soll man die Bergwelt erschließen, für diejenigen, die nicht auf den Berg „gamsen“ können? Ein Jäger will auch nicht, dass man in sein Revier eindringt und das Wild aufscheucht und verjagt. So ist es auch mit den Kalkkögeln: Die lassen wir in Ruhe, dort wird nichts gebohrt, sagte die Kletterszene. Dort ist das Gestein brüchig und das Klettern soll denjenigen vorbehalten bleiben, die dazu in der Lage sind. Mittlerweile gibt es aber auch dort Bohrhaken.

Das heißt, der Mensch wird weitere Entwicklungen nicht verhindern können, auch wenn der Status quo – möglichst ohne Bohrhaken und ohne Seilbahn über die Kalkkögel – wünschenswert ist.

Walter Spitzenstätter

Der Aufstieg ist das Ziel im Walkerpfeiler. Fotocredit: Walter Spitzenstätter

 „Mir geht nichts ab, ich muss mir selber nichts mehr beweisen.“

Hartmut Müller: Vermisst du irgendetwas? Gibt es etwas, das du noch unbedingt erreichen willst?  

Walter Spitzenstätter: Ein Bergsteiger ist nie fertig. Es gibt immer Ziele. Aber ich muss mir nichts mehr beweisen. Ich habe über 1.000 schwierige Anstiege bewältigt, die 100 schönsten der extremen Touren quer durch die Alpen, nach dem Buch von Walter Pause, habe ich bis auf drei Touren alle gemacht. Ich habe die meisten der großen Alpenwände gemacht, wie Eiger Nordwand, Matterhorn Nordwand, Mont Blanc Freneypfeiler, Grandes Jorasses Nord-Pfeiler, und ich habe auch alle Grenzgipfel Nordtirols erklommen. Die gesamte Grenzlinie von Nordtirol ist markiert von Berggipfeln. Das hat sich für mich dargestellt wie die Perlen einer Krone, die meine Heimat umgeben. Das schönste Stück ist die Südgrenze, der Alpenhauptkamm, das sind fast alles Dreitausender. Insgesamt sind es 489 Gipfel im Umkreis Nord-Süd und Ost-West. Viele Gipfel habe ich bei Überschreitungen bestiegen, viele aber auch einzeln. Alle 3.550 Gipfel in Nordtirol zu besteigen wäre nicht sinnvoll und auch fast unmöglich, da müsstest du dein ganzes Leben nur daran ausrichten.

Walter Spitzenstätter

Bergretter Walter Spitzenstätter: Bergrettung Tirol

Walter Spitzenstätter: Von Lieblingsblumen und Lieblingstieren

Die Lieblingsblumen von Walter Spitzenstätter, alias Spitz, sind die Platenigl. Bei der Rettungsaktion am Hechenberg, heuer Ende Mai, konnte er die pittoreske Pracht von unzähligen dieser gelben Gebirgsblumen auf der Wiese unterhalb des Gipfels bewundern.

Nach dem gut einstündigen Gespräch bleibe ich zurück mit unglaublich vielen Eindrücken. Eigentlich will ich gar nicht aufhören, Fragen zu stellen, dafür ist das Zuhören zu kurzweilig. Eigentlich will ich gar nicht aufhören zu schreiben, denn es gibt noch so viel über Walter Spitzenstätter zu berichten… und täglich grüßt das Murmeltier, das Lieblingstier von Spitz.