Jeder Experte war auch mal ein Anfänger.

Wenn meine liebste Mahlzeit des Tages nach nix schmeckt und ich den Kaffee runterwürgen muss, dann ist das ein klares Zeichen dafür, dass ich irgendwo tief drin nervös bin. E I S KLETTERN. Das klang für mich bis vor Kurzem ungefähr so wie Klippenspringen oder Base Jumping. Einfach eine Nummer zu groß für mich, das ist nur was für echt wilde Hunde. Und viel zu kalt, da frieren mir doch die Finger ab! Und jetzt? Ragt diese 80 Meter hohe Eiswand vor mir empor und ich denk nur: Okee, könnte doch spaßig werden. Oder!?

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Easy Afternoon in Lüsens © Lena Koller

Eisschrauben halten… Wirklich!

„Vertrau deinen Steigeisen, die halten bombenfest. Und die Eispickel auch, die sind brandneu und haben so einen speziellen T-Schaft irgendwas, da klebst du am Eis!” Mein stilles Mantra während ich mir den Klettergurt anziehe. Mein Seilpartner Julian fragt mich so: „Sollen wir das erste flachere Stück anseilen oder pickeln wir da schnell so drüber?” Ich schau ihn nur an. Wir gehen also am Seil. Er im Vorstieg (natürlich), die Routine sieht man ihm an. Und weg war er.

„Kannst nachkommen!” Ok. Wie war das gleich mit der Drei-Punkte-Regel? Schmarrn, die funktioniert ja nicht mal am Fels. Die Eisgeräte dynamisch setzen. Klingt gut. Nicht so leicht umzusetzen an einem realen Eiswasserfall. Aber da schau her, das hält! Jetzt herrscht Stille in meinem Kopf. Ein Tritt nach dem anderen…und plötzlich bin ich über die erste kleine Stufe drüber und schau einem bis über beide Ohren grinsenden Julian ins Gesicht. „Ich dachte mir, dich einfach ins kalte Wasser zu werfen ist die beste Taktik”. Aha.

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Beim Eisschrauben setzen © Julian Resch

Die Königsdisziplin im alpinen Bergsport

Die erste Mini-Hürde ist geschafft, jetzt hat das flaue Gefühl im Magen der Abenteuerlust Platz gemacht. „Das Eis ist butterweich, ein Traum! Und diese Hooks, einfach genial”, Julians Enthusiasmus schwappt schon ziemlich leicht auf einen über. In der ersten richtigen Seillänge steigt er wieder vor und ich kann nur staunen wie flink und sicher er sich emporarbeitet. Schaut ja eigentlich recht easy aus das Ganze.

Dann schüttelt er einmal kurz seinen Arm aus, schon fast beim ersten Stand angelangt. Könnte also doch ziemlich anstrengend werden…Und das sollte es auch. Meine Unterarme fühlen sich schon nach einigen Metern an wie Luftballone kurz vorm platzen und unter meiner Daunenjacke schwitze ich nicht nur Angstschweiß. Aber eigentlich ist mir das in diesem Moment völlig egal. Mir wird nämlich was bewusst: Ich befinde mich inmitten eines gefrorenen Wasserfalls, einzig und allein an ein paar Eisgeräten hängend (ok ok, Top-Rope). So muss sich ein David Lama fühlen!

 

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Julian im Eis © Lena Koller

Diese Wand lebt!

Die Natur macht die Regeln. Eiswasserfälle ändern und formen sich ständig und des einen Tages gute Bedingungen können für den nächsten unkletterbares Eis bedeuten. Das ist wohl einer der Faktoren, die Eisklettern so unberechenbar und schwer einschätzbar machen, selbst für Experten. Den Eiskletterer nervt der Föhn wohl noch mehr als so manchen Innsbrucker, da Föhnwinde dem Eis besonders zusetzen. Jedoch ist extreme Kälte auch semi-ideal, da seine Konsistenz dann besonders spröde und zerbrechlich ist. Temperaturen knapp um den Gefrierpunkt fördern gute Bedingungen im Eis. Gut trainierte Unterarme sind auch längst nicht alles beim Eisklettern – genaues Hinhören ist ebenso gefragt, denn so kann man am einfachsten den Eisaufbau analysieren: Ein sattes, vibrationsfreies Schmatzgeräusch lässt hier Kletterherzen höher schlagen. Also am besten: Nicht zu kalt, nicht zu warm, nicht zu hohl, nicht zu dünn, nicht zu blau und nicht zu weiß. Und da sagt noch einer, Frauen wären kompliziert…

 

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2. Seillänge © Lena Koller

Erkenntnis des Tages: Eisklettern macht Spaaaß!

Tatsächlich, da ist es, das Top. Meine Arme sind erleichtert, aber ich denk nur: „Was, schon vorbei?!” High-Five mit Julian. Made it!

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Beim Abseilen © Lena Koller

Wir waren am Easy Afternoon im Sellrain, Lüsens. Weitere Eisklettertipps in der Region um Innsbruck findet ihr hier.