Stephanie Venier schaut nicht aus wie eine Skirennläuferin, denke ich mir, als sie lächelnd auf mich zukommt. Nur: Wie sieht denn eine Super-G-Silbermedaillen-Gewinnerin im Weltcup aus? Bisher durfte ich die ÖSV-Damen nur über den Fernseher betrachten – in voller Rennausrüstung inklusive Skihelm. So sehr ich mir vorgenommen habe, ganz rational und professionell eine der Top-Damen im ÖSV-Kader zu interviewen, so schnell ist dieses Vorhaben in den ersten Momenten mit Stephanie wieder verpufft. Diese junge Frau (Oh mein Gott, klingt das alt von mir) ist nicht nur ein Energiebündel, sondern auch noch total sympathisch.

Zu den hard facts: Stephanie hat in der vergangenen Wintersaison überraschend in St. Moritz WM-Silber gewonnen – in der Abfahrt. Sie ist 22 Jahre jung und hat für mich das gewinnendste Lächeln aller ÖSV-Damen, die mir so bekannt sind. Das sind nicht viele, aber ich traue mich trotzdem, das zu behaupten. Ach ja: Stephanie trainiert und arbeitet in Innsbruck. Macht sie noch sympathischer.

Zu den soft facts: Stephanie ist in Oberperfuss aufgewachsen und spielt gerne Fußball, gammelt auch ganz gerne mal bei Netflix auf dem Sofa und findet ihre Eltern und ihre Geschwister super. Aber das soll sie euch selber erzählen.

Stephanie Venier bei der Ski-Welmeisterschaft in St. Moritz

Letztes Jahr gewann Stephanie in St. Moritz ihre erste Silbermedaille im Weltcup. Foto: ÖSV

KE: Liebe Stefanie, du bist von Beruf ÖSV-Skirennläuferin. Wie kommt es dazu?

Stephanie Venier: Skifahren mochte ich schon immer gerne. Es war immer ein Spaß-Gedanke dabei, bis ich mich mit 14 Jahren dafür entschieden habe, in das Skigymnasium nach Stams zu gehen. Es waren vor allem meine Eltern, die ein Potential und noch viel wichtiger – eine Leidenschaft – in mir entdeckt haben. Leider war ich im ersten Jahr im Internat ein „Hoamrährer“ (lacht).

(Anmerkung der Redaktion: In Stams gibt es auch sonst viel zu entdecken!)

KE: Versteh ich. Ein Internat ist ja auch nicht immer lustig, oder?

SV: In Stams war es eigentlich voll okay. Alle meine Mitschülerinnen wollten ja auch Ski-Profis werden, das ist immerhin schon eine Gemeinsamkeit, die man nicht überall hat. Nach dem ersten Jahr bekommt die Internatsschüler dann auch sogenannte „Privis“, also die Privilegien, sich selbst auszusuchen, wann und wo sie lernen wollen (lacht wieder).

KE: Wie kann man sich so einen Alltag in Stams vorstellen?

SV: Vor dem Frühstück ist erstmal Frühstudium angesagt – letzte Vorbereitungen für den Unterricht. Dann Frühstück und von acht bis 12 Uhr Schule. Nach dem Mittagessen wird dann im Sommer trainiert. Im Winter geht es zuerst auf die Piste und am Nachmittag in die Schule.

KE: Wow, nach dem Skifahren im Winter noch die Schulbank drücken, das stelle ich mir mühsam vor. Hast du jemals an deiner Entscheidung gezweifelt?

SV: Nein, Skifahren ist meine Leidenschaft und Profi-Skifahrerin zu sein, ist ja auch nicht etwas, das man Ewigkeiten machen kann. Ich wurde 2012 mit der Schule fertig und dann im Jahr darauf Juniorweltmeisterin im Super-G und Zweite in der Abfahrt in Québec. Das gibt einem schon den notwendigen Kick und das Durchhaltevermögen.

Stephanie Venier lernte im Skigymnasium Stams Durchhaltevermögen

“Ohne Durchhaltevermögen ist Skirennläuferin zu sein sicherlich nicht der richtige Job,” erzählt Stephanie. Foto: ÖSV

KE: Haha, soviel Leidenschaft wünsche ich mir in meinem Beruf auch. Hast du mal ans Aufhören gedacht?

SV: Auch nicht – es ist einfach in mir drinnen. Noch dazu unterstützt mich meine ganze Familie und spricht mir immer wieder gut zu. Ich hatte eine Knieverletzung. Aber die hat mich im Endeffekt nur entschlossener gemacht, härter wie jeder andere zu trainieren. Man muss einfach über dem Durchschnitt sein, um an der Ski-Weltspitze zu sein. Mein Vorbild war immer Lindsey Vonn. Wenn man dann die Stars seiner Jugend persönlich trifft, ist das schon was ganz Besonderes. Wenn man dann auch noch mit dem Ski schneller ist als sein Idol, dann kann man es irgendwie gar nicht glauben (lacht). Das soll sicherlich nicht respektlos klingen!

KE: Wie ist es denn so als ÖSV-Dame im Kader? Du bist doch sicherlich sehr viel unterwegs?

SV: Ja, den ganzen Winter eigentlich. Sonst arbeite ich in Innsbruck beim Zollschutz. Das wird uns vom ÖSV so vorgeschlagen: Eine doppelte Berufsausbildung. Länger wie bis Mitte 30 fährt man selten professionell Ski. Im Winter reisen wir dann von einem Rennen zum nächsten – rund um den Globus. Aspen gefällt mir besonders gut, da freue ich mich immer darauf – der Schnee ist dort wirklich anders (lacht). In meiner Gruppe, in der Speedgruppe des ÖSV-Kaders, bin ich die einzige Tirolerin, da bekomme ich schon manchmal Heimweh.

KE: Was? Nur eine Tirolerin? Das kann man sich beim Skifahren gar nicht vortstellen?

SV: (Lacht) Ja, in meiner Gruppe, viele Tiroler sind Techniker, die findet man im Slalom-Team. Ich fahre ja hauptsächlich Super-G und Abfahrt.

KE: Gibt es vielleicht etwas, was du mir noch erzählen willst? Etwas, was dir wichtig ist?

SV: Ja. Ich möchte den Mädchen da draußen Mut machen, an sich zu glauben und sich nicht unterkriegen zu lassen. Ich möchte ein Vorbild sein und hoffe, dass ich diesem Wunsch gerecht werde. Ich habe auf jeden Fall ein offenes Ohr auf meiner Website, falls ich irgendwen moralisch unterstützen kann.

KE: Danke für dieses Gespräch.