Wilfried Kirschl (1930-2010) war vieles: Maler, Ausstellungsmacher, Kunsthistoriker, Publizist, Sammler – und in all diesen Funktionen bis zu seinem Tod eine zentrale Figur in der Tiroler, in der Innsbrucker Kunst- und Kulturszene. Über Jahrzehnte trug er Werke vorwiegend heimischer Künstler zusammen, schuf damit eine bedeutende Sammlung.

Wilfried Kirschl, Sammlung Tiroler Landesmuseum, Ferdinandeum, Innsbruck

Wilfried Kirschl (1930-2010) im Café Central in Innsbruck, fotografiert von Peter Bloch (um 2005).

Noch zu Lebzeiten setzte er sich dafür ein, dass diese Sammlung als Ganzes erhalten bleibt und der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird. Das Land Tirol und die Tiroler Gedächtnisstiftung kauften sie 2012 und übergaben die rund 350 Werke den Tiroler Landesmuseen zur Betreuung und wissenschaftlichen Bearbeitung.
Nachdem die letzten Jahre sämtliche Werke einer genauen Provenzienforschung unterzogen wurden, sind nun 130 ausgewählte Arbeiten in der Ausstellung „Mit dem Auge des Künstlers. Die Sammlung Kirschl“ im Landesmuseum Ferdinandeum zu sehen (bis 26. November 2017). Die von Günther Dankl gestaltete Schau wirft Schlaglichter auf Kirschls Leben, seine kuratorische Tätigkeit, seine Arbeit als Publizist und seine Sammlungsschwerpunkte, um am Ende auf sein eigenes Schaffen einzugehen.

Wilfried Kirschl, Sammlung Tiroler Landesmuseum, Ferdinandeum, Innsbruck

Blick auf die Person, den Sammler, den Künstler Wilfried Kirschl. Foto: © Susanne Gurschler

Ein Blick ins Atelier

Die Ausstellung nähert sich zunächst der Person Kirschl, seinem Arbeitsumfeld: In Weiß gehalten die Möbel, sparsam bestückt der Raum. Hier finden sich ausgewählte Fotos, Objekte und kleine Bilder, die die Wände in seinen Räumen zierten – „Fundstücke“ nannte er sie.
Der 1930 in Wörgl geborene Kirschl studierte von 1948 bis 1952 an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und war ab den 1950er Jahren aktiv in der Künstlerszene in Innsbruck vertreten. 1964 gründete er gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Magdalena Hörmann, dem Zeichner und Karikaturisten Paul Flora und dem Künstler Oswald Oberhuber die Galerie im Taxispalais (heute: Taxispalais Kunsthalle Tirol) in der Maria-Theresien-Straße.
Fast 40 Ausstellungen kuratierte Kirschl allein dort. Er war viele Jahre Mitglied des Kulturbeirates des Landes Tirol, aktiv im Verein Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum tätig und Vorstandsmitglied der Tiroler Künstlerschaft.

Wilfried Kirschl, Sammlung Tiroler Landesmuseum, Ferdinandeum, Innsbruck

Scherenstuhl aus dem Besitz von Albin Egger-Lienz im Bildvordergrund. Foto: © Wolfgang Lackner

Intensive Beschäftigung

Kirschl war nicht nur selbst als Künstler tätig, er umgab sich mit Kunst, beschäftigte sich intensiv mit ihr. Zwei bedeutenden Tiroler Künstlern ist der zweite Abschnitt der Ausstellung gewidmet: dem Osttiroler Albin Egger-Lienz und dem Südtiroler Carl Moser. Beider Archive hat er aufgearbeitet – imposant die zwei Paletten mit den Nachlässen der Künstler, die Kirschl akribisch durchforstet hat.
Seine Monografie über Egger-Lienz ist zum Standardwerk geworden, Carl Moser hat es wiederentdeckt. Eine persönliche Note erhält die Präsentation durch Studien, die Kirschl zu Egger-Lienz’ Bild „Christi Auferstehung“ angefertigt hat, aber auch durch den Scherensessel, auf dem der Osttiroler seine Tochter Lori porträtierte, und dessen Malpalette. Carl Moser ist mit einigen seiner wunderbaren Farbholzschnitte vertreten. Insgesamt 53 Holzschitte, dazu Radierungen, Ölbilder, Zeichnungen und Skizzenhefte Mosers finden sich in der Sammlung von Kirschl, 22 Werke von Egger-Lienz.

Wilfried Kirschl, Sammlung Tiroler Landesmuseum, Ferdinandeum, Innsbruck

Die Ausstellungarchitektur von wallat + lang architekten ermöglicht Durchblicke. Foto: © Wolfgang Lackner

Who’s who der Kunstszene

Der Stiegenaufgang in den ersten Stock – und damit dem nächsten Teil von „Mit dem Auge des Künstlers. Die Sammlung Kirschl“ – ist flankiert von Plakaten wichtiger Ausstellungen, die Wilfried Kirschl kuratierte – eine der bedeutendsten war „Malerei und Graphik in Tirol 1900 bis 1940“, die 1973 in der Wiener Secession und im Kongresshaus Innsbruck gezeigt wurde. Mit ihr ist die Sammlung Kirschls aufs Engste verbunden, wie sich nun eindrücklich zeigt.
Arbeiten jener Künstler reihen sich aneinander, die in der Ausstellung vertreten waren – von Leo Putz über Max Esterle bis Artur Nikodem; Gefolgt von Werken weiterer, hauptsächlich Tiroler Künstler, die Kirschl sehr schätzte und mit denen er teils enge Freundschaften pflegte wie Paul Flora, dem das Ferdinandeum erst vor kurzem eine Ausstellung gewidmet hat, Peter Prandstetter, Norbert Drexel, Chryseldis Hofer-Mitterer oder Jutta Katharina Kiechl. Zu guter Letzt präsentiert die Ausstellung noch Werke des Künstlers Wilfried Kirschl selbst, speziell Landschaftsbilder und Fotografien.

Wilfried Kirschl, Sammlung Tiroler Landesmuseum, Ferdinandeum, Innsbruck

Mit dem Bildhauer Alfred Hrdlicka führte Kirschl in Wien eine Ateliergemeinschaft. Foto: © Wolfgang Lackner

Mein Fazit: Eine solide Ausstellung, die den Besucher vornehmlich durch Tiroler Kunst des 20. Jahrhunderts führt und dabei wenige Überraschungen bietet. Nur ab und zu wurde für mich spürbar, welche Leidenschaften den Sammler Wilfried Kirschl antrieben. Vielleicht geben der Medienguide, eine Themenführung oder die „myferdinandeum“-APP hier aber mehr Aufschluss.*

Wilfried Kirschl, Sammlung Tiroler Landesmuseum, Ferdinandeum, Innsbruck

Gemälde und Zeichnungen von Wilfried Kirschl runden die Ausstellung ab. Foto: © Wolfgang Lackner

Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Katalogbuch mit vertiefenden und weiterführenden Beiträgen erschienen, abgebildet sind auch sämtliche Kunstwerke (samt Künstlerbiografien), die sich in der Sammlung Kirschl befinden. Wer sich für Tiroler Kunst interessiert, wird auf ihn nicht verzichten.

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstraße 15
6020 Innsbruck
Tel.: +43 512 59489
[email protected]
www.tiroler-landesmuseen.at
Öffnungszeiten: DI – SO 9 – 17 (8.10.17 geschlossen)

* Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm; Details hier. Kontakt für die Anmeldung zu Rahmenprogramm, Schulprogramm und Gruppenführungen: Tel. +43 512 59489-111 oder [email protected]

Weitere Infos auch unter www.innsbruck.info; einen Überblick über die zahlreichen spannenden Museen in Innsbruck und seinen Feriendörfern (samt Kontaktdaten) finden Sie hier.