Ich treffe immer wieder Menschen, die ‚irgendwann einmal im Leben‘ auf dem Jakobsweg pilgern wollen. Sie alle glauben, dieser uralte Pilgerweg existiere nur in Spanien. Und man müsse als Pilger unbedingt in Santiago de Compostela ankommen. Weit gefehlt: der Jakobsweg verläuft mitten durch Tirol, wo es auch Zentren der Jakobspilgerschaft wie zum Beispiel den Dom zu St. Jakob in Innsbruck gibt. Selbst in Sachen ‚Wunder‘ steht der Tiroler Jakobsweg seinem großen spanischen Bruder kaum nach.

Der Pilgerboom der letzten Jahre kommt nicht von ungefähr. Denn auf dem Jakobsweg zu pilgern ist mit Sicherheit die eleganteste und gesündeste Art, das Tiroler Inntal kennenzulernen. Zudem macht das Jakobspilgern gewissermaßen ‘süchtig’. Die Langsamkeit des Gehens schärft das Auge. Der Blick in die Natur macht vermeintlich Unwichtiges plötzlich sichtbar und damit wichtig. Ganz entscheidend: kulturelle Kleinode rücken urplötzlich ins Blickfeld der Pilger, die begonnen haben, alles mit etwas anderen Augen zu sehen. Also Pilgern statt Wandern? Auf dem Jakobsweg durch Tirol ist beides gleichzeitig möglich, würde ich sagen.

Die Hohe Munde ist zwischen Inzing und Stams eine Art 'Beschützerin' der Pilger.

Die Hohe Munde ist zwischen Inzing und Stams eine Art ‘Beschützerin’ der Pilger.

Mein Tipp zum Tiroler Jakobsweg: Eine Pilgerreise nach Stams

Eine Etappe auf dem Tiroler Jakobsweg hat es so richtig ‚in sich’. Es ist die Strecke von Inzing nach Stams, knapp 19 km Wegstrecke. Sie steht stellvertretend für wundervoll leichtes, entspanntes Wandern und ist doch gewissermaßen das Herzstück jeder Pilgerreise durch Tirol. Die Etappe beginnt in Inzing, dem Ort eines ‚Tränenwunders‘, führt über Pfaffenhofen mit einer Kirche, in der bereits um 500 n. Chr. ein Bischof residiert hatte. Und endet in einem einstigen mittelalterlichen Wallfahrtszentrum, dem Sitz eines Zisterzienser-Stiftes, nämlich Stams.

Tiroler Jakobsweg, Tränenwunder in Inzing

Das ‘Haus des Tränenwunders’ in Inzing.

Das Tränenwunder von Inzing

Was heute nur noch wenige wissen: Inzing war einst ein florierendes Wallfahrtszentrum. Vor rund 330 Jahren zog nämlich ein weinendes Muttergottesbild Wallfahrer aus allen Himmelsrichtungen an. Heute ist nur noch jener Bauernhof übrig geblieben, in dem das Bild aufgefunden worden war. Die Kapelle, in der das Bild gehangen hatte, existiert nicht mehr. Erfahrene Pilger werden einwerfen: “Solche Tränenbilder gibt es mehrere auf der Strecke nach Santiago de Compostela”. Richtig. Immer, wenn keine Reliquie zur Hand war, hat’s ein Wunder sein müssen.

Tiroler Jakobsweg, Adelshof in Toblaten

Diese wunderschönen Fresken zieren den Adelshof in Toblaten. Einst der Wohnsitz des Tiroler Kartographen Blasius Hueber.

Der Adelshof zu Toblaten

In Toblaten führt der Weg am wunderbaren Adelshof vorbei, der einst Alterssitz des berühmten Tiroler Kartographen Blasius Hueber gewesen war. Dankenswerterweise steht der Adelshof heute den Pilgern als Pilgerherberge zur Verfügung. (Die Daten sind am Textende eingefügt.)

Ris Schlössl in Flaurling am Tiroler Jakobsweg

Das elegante Ris Schlössl in Flaurling: ein Juwel am Tiroler Jakobsweg.

Das Ris-Schlössl von Flaurling

Am Waldrand entlang führt der Jakobsweg dann nach Flaurling, dem einst reichen Dörflein an der Salzstraße. Und wo Salz gehandelt wurde, war der Adel auch nicht weit. Zum Beispiel Sigmund der Münzreiche. Der erbaute hier ein Jagdschlösslein, das er später seinem Hofkaplan Sigmund Ris schenkte. Natürlich kannte auch Kaiser Maximilian Schloss und Ort, war später aber mit der Schenkung an den Hochwürdigen Herrn einverstanden.

Obwohl ich eigentlich das barocke Geschnörkel so gar nicht liebe, muss ich die Kirche zur Hl. Margaretha erwähnen. Sie ist nicht nur letzte Ruhestätte des Hofkaplans Ris (er erreichte das biblische Alter von 101 Jahren, und das im frühen 16. Jahrhundert!), sondern muss auch zu den schönsten Barockkirchen des Landes gezählt werden.

Tiroler Jakobsweg, Pfaffenhofen mit Hoher Munde

Pfaffenhofen mit der Hohen Munde.

Kaum zu glauben: Pfaffenhofen war Bischofssitz

Wie sich die Zeiten ändern! Bereits um 500 war Pfaffenhofen Sitz eines Wanderbischofs. Was immer darunter zu verstehen ist. Es existiert sogar noch ein Beleg von damals:  der Bischofssitz. Er befindet sich unter dem Presbyterium der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt. Weshalb ausgerechnet hier? Vielleicht deshalb, weil Pfaffenhofen um 600 v. Chr., also in der Eisenzeit bereits ein sehr beliebter Siedlungs- und Kultplatz gewesen war, was Ausgrabungen aus jüngster Zeit eindrucksvoll belegen. Zudem verleiht die über Pfaffenhofen aufragende Burg Hörtenberg dem Ort gewissermaßen etwas Nobles. Und das, obwohl der Turm nur der klägliche Rest einer größeren Anlage ist. Es war 1706, als die Anlage mit vermutlich riesigem Krawumm in die Luft flog. Ein Blitz hatte in die dort gelagerten 1.500 Zentner Pulver eingeschlagen. 

Tiroler Jakobsweg, Johanneskirche in Stams

Die Johanneskirche in Stams

Stams und Der Finger des Johannes

Graf Meinhard II. von Tirol gründete 1273 in Stams das Zisterzienserstift. Er tat dies unwissentlich auf uraltem, prähistorischem Terrain. Denn knapp oberhalb des Stiftes bestand schon 600 v. Chr. eine rätische Siedlung zu der auch ein Kultplatz gehörte. Die Siedlung wurde ebenso wie der Kultplatz Anfang der 2000er Jahre ausgegraben.

A propos Kult: Schon weit vor der Grundsteinlegung zum Stift wurde hier vermutlich um 700 eine erste Holzkirche errichtet. Und ab 1000 setzte dann eine rege, um nicht zu sagen massive Wallfahrtstätigkeit nach Stams ein. Der Ort war berühmt für seinen ‚Finger Johannes des Täufers‘. Es war beileibe kein ‚normaler‘ Finger sondern der, mit dem der Täufer auf Jesus gezeigt hatte.

Kirche in Stams am Tiroler Jakobsweg

Die Johanneskirche in Stams war mehrere Jahrhunderte lang ein beliebtes Pilgerziel

Als Graf Meinhard II. von Tirol 1273 das Zisterzienserstift gründete, konnten er und die Zisterzienser also bereits mit satten Einnahmen aus dem Pilgerboom rechnen. Der warme Geldregen der Gläubigen brach nach der Reformation mit ihren wirren ziemlich abrupt ab. Zu allem Übel ging auch noch die Reliquie, der Zeigefinger Johannes des Täufers in den Wirren der Schmalkaldenkriege verloren. 

Knochensplitter statt Finger

Der Verlust ihrer Reliquie ließ die Stamser jedoch bis noch vor Kurzem nicht ruhen. Und so kauften sie im Jahre 2006 eine barock gefasste Reliquie mit einem authentischen Partikel von den Gebeinen des Hl. Johannes. Damit ist nicht nur der Tradition Genüge geleistet, die Reliquie soll auch wieder vermehrt Gläubige nach Stams bringen. Bleibt nur noch eine Frage: Ist die neue Johannes-Reliquie in ihrer Wirkung mit dem Zeigefinger des Heiligen zu vergleichen?

Daten zur Etappe des Tiroler Jakobsweges von Inzing nach Stams:

Symbol, Wegweiser, Jakobsweg

Karte des Tiroler Jakobsweges von Inzing nach Stams:

Herbergen an der Etappenstrecke: 

Verpflegung an der Wegstrecke:

Alle Bilder: ©Werner Kräutler