Eigentlich sagt der Name eh schon alles: Heiligwasser. Oberhalb von Igls gelegen, ist dieser Gnadenort mit Kirche, Gasthaus und Quellfassung mit größter Wahrscheinlichkeit ein uraltes Quellheiligtum. Dieser Platz hat alle Qualitäten einer Loge im außergewöhnlichen Open-Air-Theater namens Innsbruck. Denn von hier aus ist der Blick auf die Hauptstadt der Alpen und die Nordkette ganz einfach einzigartig.

Panorama in Heiligwasser

Der grandiose Blick von Heiligwasser auf Innsbruck.

Schon als Student hat es mich hinaufgezogen auf die Schattenseite des Patscherkofel. Vor allem im Sommer, wenn sich die Hitze über die Stadt gelegt hatte. Es war immer ein ganz wundervoller Tagesausflug. Heiligwasser ist von Innsbruck aus nicht nur mit freiem Auge zu sehen, sondern auch innerhalb kürzester Zeit zu erreichen. Nach einer Fahrt mit Bus oder Igler Bahn nach Igls und einem eineinhalbstündigen wundervollen Spaziergang vom Igler Dorfzentrum aus steht man vor der Wallfahrtskirche und dem munter plätschernden, namesgebenden Brunnen. Für Autofahrer steht ein Parkplatz beim Goldbichl zur Verfügung, von dem aus der Gnadenort in einer halben Stunde zu Fuß erreichbar ist.

Zwei Knaben und eine Frau ‚von himmlisch milder Majestät‘

Es war angeblich im Jahr 1606, als zwei Knaben aus Igls auf Viehsuche geschickt worden waren. Johannes und Paul Mayr sollten sechs Rinder finden und nach Hause bringen. Just beim „Butterbrünnlein“, so hieß die Quelle vor 400 Jahren, „stand eine Frau von himmlisch milder Majestät“ vor ihnen. Sie führte „ein holdseliges Knäblein, das eine kleine Weltkugel in seinen zarten Händlein hielt“, wird berichtet. Die Frau, in ein „duftig leuchtendes Kleid wie aus Morgenrot gewoben“ gehüllt trug den Knaben auf, das Erlebte zu Hause zu erzählen. Mehr noch: die Gottesmutter sagte voraus, dass sie auf ihrem Heimweg zwei Chorherren von Wilten treffen werden, die einen Pilgerzug anführten. Denen sollen sie ausrichten, Maria wünsche an „diesem Wässerchen, dass ein Kirchlein erbaut werde.“ Genau das taten die Knaben nicht. Sie hatten zuviel Angst oder Respekt.

Die Heilige Quelle in Heiligwasser

Die namensgebende, heilige Quelle neben dem Kirchlein in Heiligwasser.

Eine Wunderheilung begründete das heutige Heiligwasser

Zum mystischen Mittelpunkt der Region wurde Heiligwasser erst, als von einer Wunderheilung die Rede war. Einer der beiden Knaben – sie erzählten auch zuhause nichts von ihrer Marienerscheinung – machte heimlich zu jedem Jahrestag der Erscheinung eine private Wallfahrt zum Butterbrünnlein. Als er sich im Jahre 1651 neuerlich zu einer Wallfahrt aufmachte, nahm er den fünf Jahre alten, von Geburt an taubstummen Knaben seines Nachbars mit. Beim Brünnelein angekommen, fing das kleine Büblein plötzlich zu reden an. Das war die eigentliche Geburtsstunde des neuzeitlichen Wallfahrtsortes. Der Mann berichtete nun dem Abt von Stift Wilten von der Marienerscheinung vor mehr als vier Jahrzehnten. Und da die Kirche keinen Zweifel an der Richtigkeit der Aussagen hatte, wurde schon im darauffolgenden Jahr eine hölzerne Kapelle zu „Unserer Lieben Frauen Brünnl im Igler Wald“ erbaut. 1683 erhielt der Gnadenort seinen endgültigen Namen: beim Heiligen Wasser.

Kirche in Heiligwasser

Die Kirche zu Heiligwasser

War Heiligwasser früher die heilige Quelle für den Goldbichl?

Ich bin mir sicher: Die Verehrung dieser Quelle dürfte jedoch weit älter sein als 400 Jahre. Liegt doch einer der größte prähistorischen Brandopferplätze einige Steinwürfe von Heiligwasser entfernt: der Goldbichl. Dass Maria wie die Legende berichtet, den beiden Knaben gegenüber zwei Chorherren erwähnte, die „eine Pilgerschar anführen“, ist ein weiteres Indiz dafür, dass diese Quelle bereits in vorgeschichtlicher Zeit bekannt war. Die Kelten verehrten ebenso wie die nachfolgenden Räter ganz besondere Quellen als Ursprung des Lebens und opferten ihnen.

Nach dem Bekanntwerden der Wunderheilung eines taubstummen Buben wurde Heiligwasser zu einem beliebten und sehr bekannten Wallfahrtsort. Bereits nach einigen Jahren, berichten Chronisten seien täglich in der auf 1230 m hoch gelegenen Kirche ‚eine oder mehrere heilige Messen gelesen worden. Zudem habe man jedes Jahr „4000 bis 5000 Kommunionen ausgeteilt“.

Wenn man den Berichten alter Chronisten glaubt, war das Kirchlein „von oben bis unten bedeckt mit Verlöbnistafeln und Wachsbildnissen, die die äußerlich empfangenen Leibesguttaten bezeugen.“ Mit anderen Worten: Danktafeln bezeugten schon sehr früh von der Heilkraft des Wassers und des Betens am Fuß des Patscherkofels.

Heute noch sind einige dieser sogenannten „Ex-Voto-Tafeln“ in der Kirche sichtbar. Wie jene Tafel aus dem Jahre 1853 mit einem Text, der mir doch etwas verdächtig vorkommt: “Durch die Fürbitt der seligsten Jungfrau Maria und meines Schutzengels bin ich durch einen gefährlichen Schuss gerettet worden.” War es ein Wilderer, der hier seinem Schutzengel und der Gottesmutter dankte?

Votivtafeln Heiligwasser

Zwei Votivtafeln in der Kirche von Heiligwasser. Der Text der rechten Tafel ist doch einigermaßen geheimnisvoll.

Der mysteriöse Besuch des späteren Kaisers

Ehrentafel an der Hausfront des Gasthauses Heiligwasser

Schon Kaiser Franz Joseph hat Heiligwasser einen Besuch abgestattet.

Und was wäre ein Wallfahrtsort ohne Gasthaus? Heiligwasser kann auch hier mit Außergewöhnlichem aufwarten. Nicht nur was die Küche betrifft. In einer Ehrentafel an der Außenfront sind die berühmtesten Besucher gar in Stein gemeißelt.

Höchst verwunderlich ist das Datum eines Besuches Kaiser Franz Josephs damals in Heiligwasser: die Tafel kündet, dass er noch als Erzherzog gemeinsam mit seinem Bruder Maximilian am 14. Juni 1848 den Patscherkofel bestieg. Just zu einer Zeit, in der überall in Europa Revolutionen aufflackerten.

Es wäre doch sehr interessant zu wissen, weshalb der damalige Erzherzog Franz Joseph ausgerechnet in einer Zeit voller Wirren Heiligwasser besuchen und den Patscherkofel besteigen wollte.  Wenn Franz Joseph denn auch tatsächlich mit einem Anliegen nach Heiligwasser gepilgert war, wäre es erhört worden. Denn am 2. Dezember desselben Jahres wurde der Erzherzog zum Kaiser gekrönt. Eine Votivtafel darüber ist in Heiligwasser leider nicht vorhanden.

Gasthof Heiligwasser

Der Gasthof Heiligwasser, ist ein “Tiroler Wirtshaus”.

Weniger Vermutung als vielmehr Tatsache ist es, dass hier in luftiger Höhe Wert auf regionale, Tiroler Küche mit Tiroler Zutaten gelegt wird. Allein deshalb kann ich einen Besuch nur herzhaft empfehlen. Es sei mir erlaubt anzufügen, dass hier ganz außergewöhnlich gute Schlutzkrapfen serviert werden.