Im Büro von Franz Gratl, Kustos der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, herrscht das, was man gemeinhin kreatives Chaos nennt: Unterlagen, Dokumente stapeln sich, kaum freie Fläche. Im Regal über dem Schreibtisch sticht eine Reihe CDs ins Auge – alle erschienen unter dem Label „musikmuseum“. Es sind musikalische Schätze im Kleinformat:

Franz Gratl, Kustos der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums, hat das Label „musikmuseum“ gegründet. Foto: © Andreas Holzmann

Werke aus dem Archiv des Ferdinandeums und aus Beständen anderer Tiroler Musiksammlungen werden aufgeführt – nach Möglichkeit mit Originalinstrumenten und an Originalschauplätzen – sowie aufgezeichnet, um sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. 27 CDs sind bereits erschienen, darunter auch Werke zeitgenössischer Komponisten (zur Liste geht es hier). Vier sind derzeit in Bearbeitung.

Roter Faden

Franz Gratl liebt Musik. No na! – möchte man sagen. Sein Arbeitspensum zeigt: Er lebt für Musik. Sogar seinen Urlaub verbringt er gerne in Archiven, um alte musikalische Schätze zu heben. Als Kustos betreut die Instrumenten- und Musiksammlung des Landesmuseums, er organisiert Ausstellungen, Symposien, Diskussionsabende – und konzipiert die Konzertreihe mit den CD-Produktionen.

Die Tiroler Landesmuseen bieten in der Reihe „musikmuseum“ erstklassige Konzerte. Foto: © TLM

Konzerte veranstaltete bereits sein Vorgänger, Gratl aber hat der Reihe einen eigenen Anstrich gegeben. „Mit der Gründung des Labels musikmuseum haben wir den Sprung auf den internationalen Markt geschafft, den Vertrieb übernahm Note 1 und das Interesse an den Einspielungen ist sehr groß“, freut er sich. Von Anfang an konnte er auf die Unterstützung heimischer Musikerinnen und Musiker zählen, wie etwa Karlheinz Siessl von der Akademie St. Blasius, die sich mit Interpretationen von Uraufführungen Tiroler Komponisten und von Raritäten, Wiederentdeckung aus der Klassik einen Namen gemacht hat.

„Streichpanorama. Werke von Tschiderer, Pembaur und Trenkwalder“ im Tirol Panorama mit der Akademie St. Blasius. Foto: Martin Vandory

Guter Boden

Der Boden ist hervorragend: Baut Innsbruck doch auf eine große Tradition im Bereich Alte Musik, wie Peter Waldner mit der Konzertreihe Innsbrucker Abendmusik oder die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik unter Beweis stellen – auf der Homepage „Alte Musik Innsbruck“ können sich Interessierte über Aktivitäten in diesem Bereich informieren.
Gratl durchforstet Archive nach Kleinoden. Neben den großen Beständen des Ferdinandeums mit über 20.000 Handschriften und Drucken ist zum Beispiel auch das Archiv des Klosters Marienberg in Südtirol Quelle für die Musikreihe. „musikmuseum“ ist es auch zu verdanken, dass großartige Komponisten wie etwa Josef Netzer, Johann Rufinatscha oder Ernst Tschiderer wieder zu hören sind.

Immer einen Besuch wert ist die Musiksammlung im Ferdinandeum. Foto: © TLM

Bei der Aufführung kommen so weit als möglich historische Instrumente zum Einsatz. Die Instrumentensammlung des Ferdinandeums hat einiges zu bieten, etwa einen 1835 vom Wiener Instrumentenbauer Conrad Graf gefertigten Hammerflügel, der in der Schausammlung des Ferdinandeums zu bewundern ist, oder Geigen des berühmten Tiroler Geigenbauers Jakob Stainer. Manches wertvolle Instrument wird nachgebaut – wie kürzlich eine Mandora von Michael Andreas Partl (1747). Die sechssaitige Laute erfreute sich im 18. Jahrhundert in Tirol großer Beliebtheit.

Klangliche Farben

Der Mutterer Zupfinstrumentenbauer Markus Kirchmayr hat sich dieser herausfordernden Aufgabe angenommen. Zum Einsatz kam die Mandora bereits beim Konzert „Das vergessene Instrument“ Ende Mai im Ferdinandeum. Viele Musiker, die sich mit Alter Musik befassen, haben zudem Originalinstrumente oder nachgebaute Instrumente.

Hammerflügel von Conrad Greif, Wien um 1835. Foto: © TLM

„Die Interpretation auf Originalinstrumenten ist ein ganz besonderes Erlebnis “, schwärmt Gratl und ergänzt, dass ihm, seit er die Klangtiefe und -farben eines Hammerflügels kennt, die Klänge eines modernen Klaviers hart und laut erscheinen.

Die Konzerte richten sich an ein breites Publikum. Daher legen Gratl und sein Team großes Engagement in die Vermittlung dieser musikalischen Schätze. So gibt es seit 2015 – in Kooperation mit dem Tourismusverband Innsbruck und seine Feriendörfer sowie dem Audioversum – monatlich eine Soirée im Audioversum: „ConTakt“ dient als Plattform für die Auseinandersetzung mit und den Austausch über Musik. Die nächste Soirée findet am 28. Juni statt.

Konzert „Musikalisches Gipfeltreffen 1503“ in der Hofkirche Innsbruck, Capella de la Torre, Wiltener Sängerknaben. Foto: © Irene Rabeder

Sakrale Stimmung

Gerade ist Gratl intensiv mit der Endproduktion von vier neuen CDs befasst. Noch im Juni erscheint eine mit geistlicher Musik des Mittelalters, die in den Klöstern Neustift und Marienberg sowie im Stift Stams gespielt wurde (erhältlich in jedem guten Musikgeschäft und im Museumsshop der Tiroler Landesmuseen); Konzerte stehen an, weitere sind in Planung. An Material mangele es nicht, schmunzelt Gratl und verweist auf einen Neuzugang, den Nachlass des „Salonmusikers“ Willy Walter, der von den 1930er bis in den 1970er Jahre in Innsbrucker Kaffee- und Gasthäusern gespielt und tausende Unterlagen hinterlassen hat. Salon(orchester)musik – das klingt ganz nach einem Thema für „musikmuseum“ …

Zu den aktuellen Konzertterminen im Rahmen von „musikmuseum“ geht es hier.

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstraße 15
6020 Innsbruck
Tel.: +43 512 59489
[email protected]
www.tiroler-landesmuseen.at

Weiterführende Informationen auch unter Innsbruck.info