Ich hätte es nicht für möglich gehalten: In den MARTHA-Dörfern wird ein archaischer Brauch von der Bevölkerung noch immer mit äußerster Hingabe gepflegt. Und es scheint mir, als ob die Gemeinden am Fuß von Bettelwurf und Nordkette nur einen Jahreshöhepunkt kennen: die Fasnacht.

Wenn furchterregende Hexen mit tiefen, dunklen Augenhöhlen, großen gebogenen Nasen und Unholde mit buschigen Bärten ihr Unwesen treiben, ist Fasnacht. Sie beginnt Mitte Jänner und endet spätestens am Faschingsdienstag.

Mullen heißt das farbenprächtige Spektakel, das sich jedes Jahr im Jänner und Februar in den Orten Mühlau, Arzl, Rum, Thaur und Absam (also in den MARTHA-Dörfern) nahe Innsbruck abspielt. Die Dörfer gelten sogar als die Wiege dieses faszinierenden Fastnachtsbrauchtums.

Bär bei Muller

Eine kurze Schrecksekunde um festzustellen dass es kein echter Bär ist, der am Fasnachtsumzug in Absam auftaucht.

Logisch, ich kannte die Muller, Bären, Spiegeltuxer, Zottler und Hexen wie die vielen weiteren archaischen Fasnachts-Figuren schon von früheren Auftritten auf Bällen und in Gasthäusern vom Sehen her. Und dennoch war ich bei meiner Recherche vor Ort von zwei Fakten überrascht. Einerseits davon, wie exakt die Choreographie der Muller bei ihren Auftritten ist und andererseits wie nobel es beim ‘Mullern’ zugeht. Begeistert bin ich von der Nachwuchspflege der Muller-Vereine. Denn die ‘Jung-Muller’ sind Garant dafür, dass dieses Brauchtum nicht ausstirbt. Aber dazu später.

Die Muller und ihre Wurzeln

Schon das Wort ‚Mullen’ ist kaum zu übersetzen. Meine Frage an verschiedene Fasnachtler, woher denn das Wort stamme brachte keine zufriedenstellende Antwort. Aber: ‚Mullen’ könnte eine Verballhornung des Wortes ‚Mummereyen“ sein. So wurden die höfischen Maskeraden genannt, die sogar in den Reliefs des Goldenen Dachl verewigt worden sind. Von Herzog Sigmund von Tirol ist bekannt, dass er 1472 die ganze Fasnacht auf dem Thaurer Schloss zugebracht hatte. Und sich sogar nach altem Fasnachtsbrauch von Frauen auf seiner Residenz habe festsetzen lassen. War er also indirekt der Begründer der Muller?

Zottler (links) verkörpert den Winter, der Zaggler den Herbst. Beide sind Vertreter der kälteren und kalten Jahreszeit und vekörpern damit zwei Jahreszeiten in den MARTHA-Dörfern.

Aber wie bei den meisten Fasnachtsbräuchen in Tirol geht’s beim Mullen um den Kampf des Frühlings gegen den Winter. Mit dieser Erkenntnis konnte ich auch die verschiedenen Tänze und Bewegungsabläufe der unterschiedlichsten Masken einordnen. Die Figuren, Masken und Gruppen mit ihren meist zeremoniellen Schritten reichen mit ihren Wurzeln in die graue Vorzeit zurück, als Sonnenkult und Fruchtbarkeitszauber mit dem Vertreiben böser Geister zu tun hatten. Frühlingsfiguren wie Spiegeltuxer, Melcher oder Weiße vertreiben mit ihren Tänzen den Winter in Gestalt der Hexen, Bären, Zottlern oder Zagglern.

Muller in Thaur

Die Thaurer Spiegeltuxer mit ihren bis zu 12 kg schweren Kopfbedeckungen. © Thaurer-Muller

Das Abmullen als Ritual

Was mir am besten gefällt: Die Mullerei in den MARTHA-Dörfern ist nicht nur ein Ereignis für Groß und Klein, sie verläuft auch in extrem gesitteten, ja sogar noblen Bahnen. Da wird das Publikum weder mit Konfetti überhäuft noch blöd angemacht. Mit einer Ausnahme: Das Abmullen. Bei diesem sehr wichtigen Bestandteil des Mullens schlagen die Figuren den Zuschauern leicht auf die Schulter, was Fruchtbarkeit und Glück bringen soll. Bekräftigt wird das Ritual anschließend mit einem kräftigen Schluck Schnaps, den die Muller ausschenken.

Die einzigartigen Arzler Jungmuller

Was ich nicht gewusst hatte: In den MARTHA-Dörfern ist es üblich, ‚Jungmuller‘ in den Brauch mit einzubinden. Mir wurde das erst bewusst, als ich in Absam den Fasnachts-Umzug miterlebte. Da tauchten plötzlich verkleidete kleine Kerlchen auf, um mit etwas ungelenken Bewegungen die Choreographie der ‚Großmuller‘ nachzuahmen. Einmalig einfach.

Die Arzler Muller hatten mich dann auch noch eingeladen, beim großen Jungmullerauftritt im Amici, dem feinen Speiserestaurant in Arzl, dabei zu sein. Und was da von den Kindern geboten wurde war einzigartig. Die Hex’ mit ihren zweieinhalb Jahren eröffnete den Reigen mit Zottlern und Melchern. Die Melcher plattelten, dass es eine Freude war. Und schließlich eröffneten die Jungmuller den Tanz. Einzigartig und schön.

Wie sagte ein Beteiligter doch: “Wir führen unsere Kinder an dieses Brauchtum heran und vermitteln damit einen Lebensstil. Für uns ist es wichtig, wenn die Kinder schon von kleinauf eine sinnvolle Beschäftigung haben.”

Dem kann ich nur zustimmen.

Noch nicht genug von den faszinierenden Fasnachtsbräuchen rund um Innbruck? Dann gibt’s hier noch eine Leseempfehlung.