Innsbruck ist eine Architekturstadt. Über 200 Architekturwettbewerbe hat die Stadtverwaltung in den letzten Jahrzehnten durchgeführt, um die Bauqualität zu heben. Das hinterlässt Spuren: Wer kennt nicht die Sprungschanze von Zaha Hadid, das Kaufhaus Tirol von David Chipperfield oder das Neue Rathaus von Dominique Perrault – um nur die bekanntesten Neubauten zu nennen.
Doch Innsbruck punktet nicht nur in Sachen zeitgenössische Architektur, und auch nicht nur mit einer prächtigen historischen Altstadt, Innsbruck hat jede Menge Schmuckstücke zu bieten, die kaum bekannt, oft gar verborgen sind – wie der soeben erschienene, zweisprachige (Dt./Engl.) Architekturführer Innsbruck zeigt.

Viaduktbogen, Architekturführer Innsbruck

Die Viaduktbögen sind das längste Bauwerk Innsbrucks, errichtet wurden sie 1854-57. Foto: © Alexander Gastager

Schmuckes Format

Er behandelt 900 Jahre Baugeschichte in Innsbruck von der Kapelle St. Bartlmä in Wilten, die erstmals 1275 schriftlich erwähnt wurde, in ihren Grundfesten aber wohl älter und jedenfalls das älteste sakrale Baudenkmal Innsbrucks ist, bis hin zum Haus der Musik am Rennweg, das 2018 fertiggestellt wird.
Der Architekturführer, den das Archiv für Baukunst auf Initiative von Christoph Hölz und Veronika Weiss herausgegeben hat, ist in mehrerlei Hinsicht sehr zu empfehlen.

Architekturführer, Architekturführer Innsbruck

Cover „Architekturführer Innsbruck“

Was mir sofort ins Auge stach und gefiel: das schmucke Format. (Die Schriftgröße ist allerdings grenzwertig und so manches Foto würde ich mir größer wünschen!) Dann: Das Buch trägt die Farbe des Inns. Dieses unverwechselbare, milchige – andere nennen es schlammig – Grün, das zum Inn gehört wie Zitroneneis zum Sommer.

Kein Fassadenkult

Das Buch will mehr sein als ein Architekturführer. Es erzählt, einleitend, von der Siedlungs- und von der Stadtbaugeschichte Innsbrucks. Kurz und knackig, informativ und kritisch. „Im Zuge der Verdichtung der Innenstadt und der Schaffung neuen Wohnraums wird die Qualität von ganzen Stadtteilen preisgegeben.“ Wumm! – Die Autoren halten nicht hinterm Berg mit ihrer Einschätzung, welche baulichen „Sünden“ in den vergangenen Jahrzehnten gemacht wurden. Und sie stellen die „Halbwärtszeit“ zeitgenössischer Bauten schon mal zur Disposition angesichts der jahrhundertealten Geschichte mancher Gemäuer.
Eine interessante Auseinandersetzung mit dem Buch bahnt sich an, denn nun will ich es – und ich nehme an, jede/r Architekturinteressierte – natürlich genauer wissen.

Tivoli, Architekturführer Innsbruck

Der Sprungturm ist nur ein „Eyecatcher“ des von Norbert Heltschl geplanten Freibads Tivoli. Foto: © Quirin Leppert

Und in der Tat ist die Auswahl, die die Autoren gemacht haben, eine überaus spannende: So steht die Wirtschaftskammer Tirol neben dem Hotel Europa, der Pembaurblock neben den Bauernhöfen in Pradl. „Auswahlkriterien gibt es nicht, werden Sie nicht finden“, sagt Hölz, sie seien subjektiv gewesen. Jedenfalls werde kein „Fassadenkult“ in diesem Buch betrieben, sondern die Geschichten hinter den Bauten gesucht.

Terrassenanlage, Architekturführer Innsbruck

Ebenfalls vom Architekten Heltschl stammt die Terrassenanlage in der Höhenstraße in Hötting. Foto: © Archiv für Baukunst

Geschliffene Substanz

Nicht nur, dass die Autoren auch in jene Stadtteile vordringen, deren architektonische Besonderheiten nicht auf Ansichtskarten zu finden und selbst vielen Einheimischen unbekannt sind, sie wählen auch nicht nur Objekte, die per se als „baulich wertvoll“ erachtet werden.
Im „Architekturführer Innsbruck“ finden sich mittelalterliche Gemäuer und Gründerzeitvillen, Sozialbauten der Zwischenkriegszeit und Industriegebäude, die eine neue Funktion bekamen. Es finden sich nicht zuletzt Brücken, Brunnen und Denkmäler – ein gern vernachlässigtes Thema in der Architektur, obwohl ihre Gestaltung den öffentlichen Raum – und die Wahrnehmung des Raums – selten weniger beeinflussen als Gebäude.
Alle Bauwerke sind mit kurzen, prägnanten Texten versehen, oft mit kritischen Anmerkungen insbesondere, wenn es um die Sanierung, Erweiterung von historischen Bauten geht, aber auch um das Schleifen historischer Substanz zugunsten von zeitgenössischer Architektur.

St. Bartlmä, Architekturführer Innsbruck

Die Kapelle St. Bartlmä in Wilten in einer historischen Aufnahme – Foto: © Institut für Architekturtheorie und Baugeschichte

Reizende Kritik

Nicht immer mag man mit der Kritik einverstanden sein, so manche Passage animiert zu Widerspruch. Aber die Autoren erreichen, dass wir Leser und Leserinnen uns bewusst mit Architektur und Architekturgeschichte auseinandersetzen: Nichts Besseres kann Architektur passieren!
Der persönliche Zugang, den die 20 Autoren gewählt haben, hat diesem Buch gutgetan – und ich wäre gerne eine Fliege gewesen bei den Diskussionen, die mit Sicherheit auch zwischen den Mitwirkenden stattgefunden haben. Der „Architekturführer Innsbruck“ ist jedenfalls ein Buch, das architekturaffine Besucher bei sich haben sollten – Innsbrucker und Innsbruckerinnen sowieso!

Pembaurblock, Architekturführer Innsbruck

Der „Pembaurblock“ (1926/27) im Stadtteil Pradl galt seinerzeit als Musterbeispiel sozialen Wohnbaus. Foto: © Archiv für Baukunst

Mehr Architektur

Sehr empfehlen kann ich zudem die Begleitausstellung im Archiv für Baukunst, in der noch einmal 26 Projekte, die im Architekturführer beschrieben sind, detailliert und mit großformatigen Fotografien vorgestellt werden.
Im aut – gleiches Gebäude, erster Stock – ist derzeit übrigens die Sonderausstellung „Snøhetta: relations“ zu sehen. Sie rückt das Architekturverständnis des 1989 in Oslo gegründeten Architekturbüros Snøhetta ins Zentrum und macht Architektur im wahrsten Sinne des Wortes erlebbar: Der Ausstellungsraum ist in eine begehbare Landschaft umgestaltet. Die Verbindungen von Snøhetta zu Innsbruck sind vielfältig: Kjetil Thorsen, Mitbegründer des Studios, hat lange an der Fakultät für Architektur der Uni Innsbruck unterrichtet, das Architekturbüro hat eine Zweigniederlassung hier, die ein Gebäude in Innsbruck errichtet hat. Es findet sich im „Architekturführer“ Innsbruck auf Seite 178 – mehr sei nicht verraten. 😉

Universitaetsbruecke, Architekturführer Innsbruck

Die Universitätsbrücke als „gelungenes Beispiel der Ingenieurbaukunst“ der ersten Hälfte des 20. Jh. Foto: © Quirin Leppert

Noch mehr Blogbeiträge zu Architektur in Innsbruck gibt es auf blog.innsbruck.info unter dem Stichwort „Architektur“ oder zum Beispiel hier, hier und hier.

Das Buch – Architekturführer Innsbruck

Christoph Hölz, Klaus Tragbar, Veronika Weiss (Hrsg.): Architekturführer Innsbruck. Dt./Engl. Schriftenreihe des Archivs für Baukunst, Bd. 10, Haymonverlag 2017

Ausstellung, Architekturführer Innsbruck

Ansicht der Begleitausstellung zum „Architekturführer Innsbruck“ – Foto: © Christian Preining

Die Ausstellungen

Architekturführer Innsbruck – bis 18. August 2017
Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck
Adambräu
Lois-Welzenbacher-Platz 1/Ebene 6
6020 Innsbruck
Öffnungszeiten der Ausstellung: Mo – Fr 10 – 13 Uhr
Führungen und Sonderöffnungen auf Anfrage
Tel: + 43 512 507 33102
Mail: [email protected]
www.archiv-baukunst.uibk.ac.at

Snøhetta: relations – bis 7. Oktober 2017
aut. architektur und tirol
Adambräu
Lois-Welzenbacher-Platz 1/Ebene 6
6020 Innsbruck
Öffnungszeiten: Di – Fr 11 – 18 Uhr, Do 11 – 21 Uhr (Juli – Sept. bis 18 Uhr), Sa 11 – 17 Uhr,
An Feiertagen geschlossen
Tel.: +43 512 571567
Mail: [email protected]
www.aut.cc

Infos zu weiteren spannenden Ausstellungen in Innsbruck gibt es hier.