Dass Axams zu den Tiroler Fasnachthochburgen zählt, war mir klar. Wurde doch das Axamer Wampelerreiten vor einigen Monaten sogar zum immateriellen Kulturerbe Österreichs erhoben. Aber was sich sonst noch in der „Axamer Fasnacht“ abspielt, hatte ich nicht geahnt. Und der Tupfen auf dem i: Ein uraltes Gelübde beeinflusst heute noch ganz massiv die Fasnacht in Axams.

Laniger Brezn aus AxamsMontag, Dienstag und Donnerstag. Das sind vom Dreikönigstag an bis zum Unsinnigen Donnerstag jene drei magischen Tage der Woche, in denen sich die Axamer Fasnachtskultur in ihrer ganzen Breite darstellt. Ich wollte jetzt aber erstmals Zeuge eines als außergewöhnlich bezeichneten Brauches werden: des Axamer ‚Band’n giahns’. Und Lanigerschaug’n nennt man es, wenn man sich am Donnerstag ins staunend-fröhliche Publikum mischt, das meist in Gasthäusern auf den Besuch und die Parade der verschiedenen Banden wartet. Ich war also für einen Abend lang ‚Lanigerschauer‘. Laniger ist sozusagen der Sammelausdruck für Maskierte in Axams. Und was ist am Montag und Dienstag jeweils los? Da ziehen Kinder maskiert durch’s Dorf um die Laniger-Brezn zu verkaufen. Im Neusprech würden wir sagen: Die Kindergruppen haben das Merchandising übernommen.

Band’n giahn

Das ‚Band’n giahn‘ ist ein anderer Ausdruck für ein gemeinsames, fröhliches Maskentreiben, das sich nicht auf der Straße sondern eben in den Axamer Gasthäusern und auch in Privathäusern abspielt. Eine Bande, das sind mehrere meist zu einem bestimmten Thema maskierte ‚Laniger’. Eine besondere Rolle spielen die Musikanten, die jede Bande begleiten. Denn sie spielen den ganzen Abend zum Tanz auf.

Eine Bande tanzt auf in einer Stube in Axams

Die Musikanten spielen in der Bauernstube des Odiler-Bauern zum Tanz auf. Die Stimmung könnte nicht besser sein.

Zum Fasnachts-Höhepunkt hin kann es dann schon vorkommen, dass an einem Abend zwischen 16 und 20 Banden auf dem Weg durch Axams sind. Der letztjährige ‚Rekord’ waren 170 Laniger in insgesamt 15 Banden an einem Abend.  Jetzt aber: was zeichnet eigentlich eine Bande aus?

In Axams mischen die Frauen mit

Eine “Bande” ist zuallererst eine Gruppe Gleichgesinnter. Diese Bande beschließt während der Fasnacht von einem zum anderen Mal, als ‚was’ man sich verkleidet. Ob als Jäger, Hexen, Hühner oder als ‚gemischte Bande’, die aus den legendären Axamer Fasnachtsfiguren besteht: Bären, Bujazzl, Hexen, Tuxer, Laniger, Nadl, Altboarisches Paar, Flitscheler und Wampeler. Apropos gemischt: In Axams dürfen auch Frauen aktiv bei der ‚freien Fasnacht‘  mitmachen, obwohl ihnen zwei ‚Figuren‘ wohl für immer verwehrt bleiben: nur Männer dürfen den Tuxer und den Wampeler verkörpern. In Axams verschweigt man nicht, wie wichtig die Frauen bei dieser ganz speziellen Fasnacht sind. Ohne sie wären wesentlich weniger Banden unterwegs, heißt es übereinstimmend.

Fasnachtfiguren in Axams: Bujazzl und Wampeler

Zwei Bujazzl und ein Wampeler warten auf ihren Auftritt.

Axams und die ‚freie Fasnacht‘

Und jetzt bin ich beim Kern des Band’n giahns: Die Maskierten gehen von Gasthaus zu Gasthaus,  tanzen nach Klängen ihrer eigenen ‚Bandenmusig’ einen “kurzen” unter den Laniger (damit die Zuschauer diese betrachten können) und maximal “3Tänze”(Polka,Walzer und an Boarischen) mit den Zuschauern. Nach einigen Schnäpsen, Bier oder Wein ist dann Schluss und die Bande zieht weiter. Meist wartet schon die nächste Bande auf ihren Auftritt.

Wohin die Banden ziehen? Dafür existiert ganz sicher kein Plan. Das wird innerhalb der Bande von Mal zu Mal spontan entschieden. Hier gleich ein Tipp: Wer beabsichtigen sollte, diesem einzigartigen Treiben in einem der Gasthäuser von Axams beizuwohnen, sollte vorher einen Platz reservieren! (Eine Liste mit Gasthäusern, in denen Laniger g’schaut wird, findet ihr unten.)

„Wir sind stolz, dass die Fasnacht in Axams eine ‚freie‘ Fasnacht ist’, erklärt mir Hannes, ein führendes Mitglied der berühmten, größten und ältesten Axamer Bande, der Kögelehexen. Was denn nun frei bedeute, will ich wissen. „Wir lassen uns nix vorschreiben, nicht sponsern und nirgendwo einspannen, weder touristisch noch geschäftlich“, erwidert er. Man holt sich also in Axams kalte Füße, wenn man einer Bande irgendwelche Vorschriften auf’s Aug’ drücken wollte. Man kann Bitten vortragen, aber das ist schon alles. Anders ausgedrückt: dieser uralte Axamer Brauch ist auch deshalb so vital geblieben, weil die Banden keine andere Absicht haben, als Spaß zu haben und Fröhlichkeit zu verbreiten. Und, ganz entscheidend: die Axamer Laniger sind sich sehr bewusst, dass sie einen uralten, von allen geschätzten Dorfbrauch weiter tradieren.

Genial geschnitzte Holzmasken

Was ich noch ganz besonders toll am Bandengehen finde? Dass die Axamer ihre Fasnacht in ausschließlich klassisch-handgeschnitzen Holz-Larven (Masken) und teils wunderschöner Verkleidung begehen. Mir ist auch aufgefallen, dass viele Masken sehr menschliche Züge aufweisen, so, als ob die Larvenschnitzer ein menschliches Vorbild für ihr Werk gehabt hätten. „Stimmt“, sagt Hannes. “Unter den sicher mehr als 10 Larvenschnitzern in Axams (!) gibt es etliche, die auch ganz konkrete Gesichter schnitzen, wenn dies der Auftraggeber wünscht.” Na bravo! Da könnte ich also theoretisch in der Fasnacht plötzlich mir selbst begegnen, wenn es einem Freund einfiele, mein ‘reales Gesicht’ in Holz verewigen zu lassen…

Ein Altboarisches Paar

Die ‘Weiberleitnlarva’ (links im Bild) hat sich mit dem weiblichen Teil des Altborischen Paares (rechts) zusammengetan. Da wird Schnaps verkostet.

Schnöller statt Böller

Wer also wie ich an einem Donnerstag so gegen 18 Uhr durch Axams spaziert, kann bereits lautes Knallen vernehmen. Aber da werden keine unsinnigen Böller gezündet wie andernorts. In Axams sind es ‚Schnöller‘, die mit ihrem Peitschenknallen auf den Abend einstimmen. Ich habe dann beim legendären ‚Odiler Bauern‘ vorbeigeschaut. Denn in dessen Stall werden grad 2 Wampeler ‚ausg’schoppt‘. Dazu wird nur feinstes Heu, es muss der zweite Schnitt, das Grumetheu sein, verwendet. Zu ihnen gesellen sich dann noch ein Bär samt Bärentreiber, Laniger, Bujazzl, ein Tuxer, Hexen, ein Altboarisches Paar, Nandeln, Fitscheler und sozusagen außer Konkurrenz ein Vogelfänger. Nur für Außenstehende überraschend: Die Bande hat mit Caroline eine Chefin.

Zuerst geht’s auf zum Elisabethinum, einer österreichweit vorbildlichen Einrichtung zur Förderung behinderter Kinder und Jugendlicher. Die Kinder freuen sich schon ganz narrisch auf die Laniger. Auch das ist eine wunderbare Selbstverständlichkeit des Axamer Band’n giahns: Einrichtungen wie das Altenheim, das Elisabethinum oder das Pfarrheim werden ganz selbstverständlich und sogar ausführlich in das bunte Treiben mit einbezogen.

Gmischte Bande im Elisabethinum zu Axams

Der Auftritt der ‘gmischten Bande’ mit den Wampelern bei den Kindern des Elisabethinums.

Nach etwa 20 Minuten zieht die Bande samt Musik weiter. Apropos Musik: mir ist sofort aufgefallen, dass die Musiker nicht nur ihre Instrumente vorzüglich beherrschen, sondern auch ganz wunderbar zusammenspielen. Das sei ein Ergebnis der Musikhauptschule Axams, sagt man mir. 

Lanigerschaugn beim Odiler Bauern in Axams

Lanigerschaun beim Odiler Bauern. Eine Fasnachtstimmung, wie sie sonst nur selten zu spüren ist.

Als nächstes will die Gruppe beim Odiler Bauern vorbeischauen. In der alten Bauernstube haben sich schon begeisterte Lanigerschauer versammelt und warten darauf, von den Banden-Mitgliedern zum Tanzen aufgefordert zu werden. Dass es etwas eng in der holzgetäfelten Stube wird, macht nichts. Im Gegenteil.

Dann mache ich mich auf zum Postkutscherhof, der etwas außerhalb des Axamer Dorfzentrums liegt. Hier treten in rascher Abfolge etliche Banden auf, es wird getanzt, gelacht und getrunken. Der Saal ist mit Lanigerschauern voll besetzt, die Stimmung exzellent.

Und zum Abschluss, so haben mir Bekannte empfohlen, sollte ich unbedingt im Schlösslhof vorbeischauen. Ein Haus mit ‚Lanigerschaun-Tradition‘ und Wirtsleuten, bei denen die Banden herzlich willkommen sind.

Ein Gelübde hält davon ab, über die Stränge zu schlagen

Und um 24 Uhr kommt dann noch indirekt Gott in’s Spiel. Denn Punkt Mitternacht werden die Larven gelüftet. Aus ist’s mit dem bunten Treiben. Das abrupte Ende des Band’n giahns und die Tatsache, dass die Axamer Fasnacht am Unsinnigen Donnerstag nach dem Wampelerreiten ersatzlos endet, geht angeblich auf ein uraltes Gelübde zurück. Es sei in der Pestzeit geleistet worden. Sozusagen als Dank dafür, dass Axams von der Pest verschont geblieben ist. Einige Tage weniger Fasnacht und dafür keine Pest, das war ein hervorragender Handel mit dem Chef im Himmel.

Weitere Termine der Axamer Fasnacht

Donnerstag 16. Februar, Band’n giahn ab 20 Uhr: Folgende Gast- und Privathäuser sind für Lanigerschaun gerüstet: Kaffeestuben, Tucati, Gasthof Weiss, Krügerl, Postkutscherhof, Schlösslhof, Altersheim, Odiler, Schlungen, Kleisner, Pfarrsaal, Schießstand, Schützen, Hoadler Marianne

Unsinniger Donnerstag, 23. Februar, Wampelerreiten in Axams ab 13 Uhr

Alle Bilder: © Werner Kräutler