Pünktlich zu Almauftrieb und Sommerbeginn steht ein kleines Seitental des Sellrain wieder in voller Blüte: das Fotschertal. Millionen Alpenrosen feiern eine Orgie der Farben und hüllen das Tal in ein einzigartiges, rötlich schimmerndes Kleid.

Für mich ist es seit Jahren quasi eine selbst auferlegte Pflichtveranstaltung, zur Feier des Almsommers in diese Blütenpracht einzutauchen. Dass ich mich beim Wandern durch ein Meer von Alpenrosen im Fotschertal so ganz nebenbei auch noch auf uralten menschlichen Spuren bewege, ist nicht weniger sensationell. Oder wusstest du, dass die ersten ‘Touristen’ schon vor 10.000 Jahren ins Fotschertal kamen? Es waren Sammler und Jäger der Mittleren Steinzeit. Doch dazu später.

Ja, ich liebe meine persönlichen Rituale, quasi mein individuelles ‘Brauchtum’. Dazu gehört eine ausgiebige Wanderung zu Sommeranfang, und zwar durch blühende Enziane und Alpenrosen. Und so machte ich mich heuer wieder auf den Weg in mein Alpenrosen-Tal, von Sellrain-Dorf über das legendäre ‚Bergheim Fotsch’ und die ‘Hintra-Alm’ bis zur ‘Potsdamer Hütte’. Einziger Wermutstropfen: das Bergheim Fotsch wird erst am 15. Juli wieder eröffnet und die Potsdamer Hütte ist aufgrund eines Brandschadens vermutlich erst wieder im kommenden Winter geöffnet.

Zuerst geht’s am tosenden Fotscherbach entlang zum Bergheim Fotsch. Normalerweise ein idealer Ort für eine kleine Rast, heuer wie gesagt erst ab dem 15. Juli. Trotz des Umbaus kann ich mich dort aber mit einem Verlängerten stärken.

Fotschertal Alpenrosenblüte

Das legendäre Bergheim Fotsch, im Hintergrund die Berge des Karwendels.

Alpenrosen und Zirben

Wer den ‘Sommerweg zur Potsdamer Hütte’ einschlägt, wandert durch duftende Zirbenwälder und Riesen-Teppiche blühender Alpenrosen

Alpenrosen und Zirben säumen den Weg

Den weiteren Aufstieg mache ich dann bis zu einer Abzweigung, bei der ein hölzerner Steg auf die andere Bachseite führt (siehe Bild). Es ist der „Sommerweg Potsdamer Hütte“, den ich nur wärmstens empfehlen kann. Er schlängelt sich an der westlich gelegenen Talseite entlang durch wunderbar duftende Zirbenwälder, die wiederum von blühenden Alpenrosen gesäumt werden. Eine Kombination wie aus einem botanischen Bilderbuch.

Alpenrosen und Zirben

Ein Teppich aus Alpenrosen im Zirbenwald. Viel schöner geht’s nicht.

Alpenrosen im Fotschertal

Der Blick vom ‘Sommerweg zur Potsdamer Hütte’ auf das Fotschertal und die Berge des Karwendels.

Zirben schon vor 10.000 Jahren!

A propos Zirben. Dieser typisch alpenländische Nadelbaum wuchs bereits vor 10.000 Jahren im Fotschertal, so unglaublich das auch klingen mag. Den Beweis dafür lieferte Prof. Dr. Dieter Schäfer von der Uni Innsbruck, der in den Jahren von 1995 bis 1999 im Fotschertal auf einer Felsnase, dem sogenannten Riegelschrofen, ein mittelsteinzeitliches Jägerlager entdeckte. Die Analyse der gefundenen Holzkohlestücke aus einer einstigen Feuerstelle belegten, dass die Steinzeitjäger damals schon Zirbenholz verbrannten. 

mesolithischer Rastplatz im Fotschertal

Während der Mittleren Steinzeit, also vor etwa 10.000 Jahren saßen auf dieser Bergkuppe Steinzeitjäger, reparierten die Waffen und Werkzeuge und feiert vermutlich ihr Jagdglück ab und an mit einem Steinbock- oder Hirschbraten.

Die ersten Touristen kamen in der Mittleren Steinzeit

Sensationell war aber vor allem die Herkunft der gefundenen Silex-Artefakte, oder „Feuersteine“, wie sie landläufig auch genannt werden. Diese speziell harten, sehr spröden Steine mit ihren skalpellartig scharfen Kanten wurden von den Jägern ins Tal mitgebracht und stammten aus Vorkommen, die zwischen 40 und 200 km Luftlinie vom Fotschertal entfernt liegen. Man muss sich das einmal vorstellen: schon vor 10.000 Jahren führten die Jäger Materialien mit sich, die – damals – aus riesigen Distanzen antransportiert werden mussten. Und auf diesem kleinen Hochplateau im heutigen Bergsteigerdorf Sellrain saßen sie dann, genossen die Aussicht, beobachteten das Wild und schärften ihre Werkzeuge und Waffen. Neben der Herstellung von Pfeilen bearbeiteten sie hier auch die Felle von erbeuteten Tieren und schnitten vermutlich Näh-Nadeln und andere Gebrauchsgegenstände aus den noch ‚weichen’ Hirschgeweihen. Zudem ist anzunehmen, dass sie hier auch mittelsteinzeitliche Gelage mit Steinbock- und Hirschfleisch abhielten. Und wenn’s nur zur Feier ihrer Jagderfolge war…

Alpenrosen als Hochzeitskleid

Ein Fest für die Augen: die Alpenrosen als Hochzeitskleid eines Tales.

Die Hintra-Alm ist geöffnet

Auch heute muss niemand im Fotschertal verhungern oder verdursten, trotz der noch bis zum Herbst geschlossenen Potsdamer Hütte. Denn auf der Hintra-Alm werden nicht nur Getränke serviert, da gibt’s auch einen unglaublich guten Graukäse, der auf der Almind-Alm aus bester Almmilch von Sennerin Daniela Riedl zubereitet wird.

Graukäse aus dem Fotschertal

Auf der Hintra Alm gibt’s original Graukäse aus dem Fotschertal.

Meine Tipps:

  • Der Tourismusverband Sellrain bietet eine Almrosen-Pauschale mit Wanderungen und einem Almrosenfest zu einem sensationellen Preis an.
  • Ein Rast im Fotschertal ist trotz der Bauarbeiten am Berghof und an der Potsdamer Hütte auch auf der Furgges Alm möglich. Auch dort gibt’s regionale Spezialitäten!
  • Eine schöne Wegstrecke ins Fotschertal kann mit dem Auto zurück gelegt werden. Und zwar bis zum Parkplatz beim Berghof Fotsch. Besser ist es aber, mit Öffis anzureisen und das Fotschertal in voller Länge zu Fuß zu erkunden!