Buzihütte 1960: „Wir haben 20 Schilling, hätten gerne etwas zu essen und ein Bier“, baten zwei Medizinstudenten. Der Wirt Eduard Sporer eilte in die Küche, war kreativ und servierte ihnen ein Gericht, das ausgiebig, billig und pikant sein solle. Mit leuchtenden Augen legten sie gierig los, deftiger Käse quoll heraus und einer schrie: „Das schaut aus wie eine Eiterbeule!“


Ich klopfe ans gekippte Fenster. Der Koch schüttelt den Kopf: „Bitte um 18:00 Uhr kommen, da machen wir auf.“ Hinter ihm sitzt ein Herr mit grauen Haaren, ich zeige auf ihn. Er nickt, kommt über die Terrasse zum Eisentor und sperrt auf. „Grüß Gott“, meint er in einem mir nicht ganz zuordenbaren Dialekt und reicht mir seine Hand. „Kommen Sie herein.“ Irgendetwas Bayrisches ist da drinnen. Ich folge ihm und mache noch ein paar Fotos von der Hütte, bevor ich reingehe.

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Foto: Vil Joda.

Gelöste Rätsel und keine urbane Legende

Wir setzen uns in der Stube an einen Tisch, das Licht ist schummrig, er zündet eine Kerze an. Aus der Küche kommt eine Frau heraus, stellt sich als Karoline Pilz vor und geht wieder. „Sie muss viel vorbereiten, heute haben viele reserviert“, erzählt der Mann. „Ist das die Wirtin?“, frage ich. Der Herr nickt. Über seine Rolle weiß ich noch nichts, aber er scheint zum Haus zu gehören. „Und wer bist du?“, traue ich mich weiter zu ermitteln. „Ich bin niemand und in Pension“, sagt er. Eine Pause folgt. Ich frage nach seinem Namen. „Sporer, Wolf Sporer“, antwortet er.

Auf der Speisekarte liegt ein Notenblatt samt Liedtext über die Buzihütte. Ich zeige drauf. „Wer hat das geschrieben?“, will ich wissen. „Mein Vater“, sagt er und reißt dabei seine Augen auf. „Du bist also der Sohn des alten Wirtes?“, setze ich nach. Wolf nickt. „Und was machst du immer noch hier?“, bohre ich weiter nach. „Ich wohne hier“, grinst er. „In der Buzihütte?“, setze ich nach. Er nickt erneut. Später wird er mich direkt von der Stube in seine Wohnung führen. Bis 1995 war er der Chef, heute ist Karoline die Wirtin – unter Wolfs liebevoller Aufsicht.

Ich mag Wolf. Er ist für sein Alter so erfrischend jung geblieben und kann nicht so recht von seinem Lebenswerk lassen. Foto: Vil Joda.

Ich mag Wolf. Er ist für sein Alter so erfrischend jung geblieben und kann nicht so recht von seinem Lebenswerk lassen. Foto: Vil Joda.

Die Geschichte der Buzihütte begann mit den Gebrüdern Puzi aus dem Friaul, beides Handwerker und Rangler. „1898 wurde das Haus erstmals urkundlich erwähnt, weil die zwei eine Strafe bekommen haben“, lacht Wolf. „Die Schlauen hatten nämlich keine Konzession für eine Weinschenke.“ Eigentlich begann die wechselvolle Historie schon vorher, aber hier wurde sie spannend. „Achtung heiß“, mahnt Karoline und serviert mir eine leibhaftige Eiterbeule. Über ihre Entstehung weiß ganz Innsbruck Bescheid, obwohl ich die Story für eine urbane Legende hielt. „Meinem Vater hat die Sache mit den Studenten zunächst gar nicht geschmeckt“, erzählt er. Sie haben die Geschichte nämlich hinausgetragen und bald pilgerten Scharen herauf, die nach der Eiterbeule verlangten. Schon stand sie als Spezialität des Hauses auf der Karte. Die Buzihütte und die Eiterbeule sind seither eine Einheit.

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Ja, das ist Karoline, die eben viel zu tun hatte… Foto: Vil Joda.

Ehemaliges Studentenmekka

„Unsere Gäste sind hauptsächlich Einheimische“, meint Wolf. „Und Studenten?“, frage ich. „Früher waren sie unsere Stammgäste, leider werden sie immer weniger.” Wolf vermutet, dass das Studentenleben zu streng geworden sei. „Ausgehen, das Leben ein wenig genießen und sozusagen auf der Buzihütte studieren spielt sich heute nicht mehr.“ Er hat wohl Recht, damals gab es keine Zulassungsprüfungen und der Leistungsdruck war nicht die alleinige treibende Kraft. „Abbiamo riservato!,“ sagen zwei Herren in meinem Alter, als sie hereinkommen. „Touristen haben uns auch entdeckt,“ meint Wolf und Karoline wirft im Vorbeigehen ein: „Eigentlich kommen sehr viele zu uns herauf” und Wolf ergänzt: „Der Geist der Universität lebt jedenfalls mit unseren Kellnerinnen und Kellnern weiter, alles fleißige Studierende.“

Solide Hausmannskost

Die Buzihütte ist ein altes Haus, dem Veränderung nicht gut steht. Vieles ist gleich geblieben – Tische, Bar und die alte Stube. „Auch das Rezept der Eiterbeule ist unverändert“, mahnt Wolf. „Das war meine Bedingung, als ich die Hütte verpachtet habe.“ Neben der Eiterbeule, die eigentlich ein Cordon Bleu mit ein paar Geheimzutaten ist, gibt es Knödel, Fleisch- und Käsefondue, Kasspatzln und kalte Gerichte, wie Saure Wurst und Graukäse. Beliebte Nachspeisen sind Kaiserschmarrn oder Apflradeln. Zu trinken gibt’s, Bier, Wein und die üblichen Anti-Alkoholika. Es ist die gutbürgerliche Küche, durch die sich das Haus definiert und über die ich liebend gerne schreibe.

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Die Eiterbeule. Foto: Vil Joda.

Skurrile Kultstätte

Die Begegnung mit Wolf und Karoline war feinster Slapstick und gerade deshalb spannend. Ich wusste nicht, wer er ist und musste es für beide gesichtswahrend herausfinden. Entweder setzte er seine Bekanntheit voraus oder er wollte nicht gleich alles verraten – bleibt wohl ein Rätsel. Die Führung in seine Wohnung aus der Stube war der bunte I-Tupfen. Die Wirtin hatte wenig bis gar keine Zeit und wollte nicht fotografiert werden. Klar war, dass ich mit Wolf reden würde, der aber eigentlich niemand mehr sei. Seine funkelnden Augen, als er die Geschichten über seine Hütte erzählte, zeugten von der Leidenschaft, die im Anwesen stets noch herumgeistert – so wie er selbst. Der ehemalige Wirt und die eigentliche Wirtin machen das Gasthaus mit der Geschichte am Rücken jedenfalls zu einem der kultigsten Wirtshäuser, die ich jemals besuchen durfte. Bitte weiter so!

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Wie die Geschichte über die Entstehung der Eiterbeule geistert auch Wolf noch in der Buzihütte umher. Foto: Vil Joda.

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Foto: Vil Joda.

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Foto: Vil Joda.

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Foto: Vil Joda.

Koordinaten:

Die Hütte liegt am Waldrand von Innsbruck im Stadtteil Sadrach. Erreichbar ist sie mit der Buslinie H und nach einem kurzen Fußweg. Am besten spaziert ihr gemütlich ca. 40 Minuten aus der Stadt hinauf, dann könnt ihr auch mehr essen. Sagt Wolf und Karoline liebe Grüße von mir, wenn ihr sie seht.

Die Buzihütte

Di-Fr: 18:00-24:00 Uhr. Sa, So, feiertags: 11.00-24:00 Uhr
Berchtoldshofweg 14, 6020 Innsbruck
T. +43 (0)512 / 28 33 33
M. [email protected]
www.buzihuette.at